Vom Fallen

Ich bin dieses Jahr achtmal vom Rad gefallen.

Als meine Frau nur diesen ersten Satz liest, fragt sie: „Meinst du, das Radfahren der richtige Sport für dich ist?“

Und eine Bekannte gab Tags zuvor ihr gegenüber zu bedenken: „Stimmt vielleicht mit deinem Mann etwas nicht?“

Woraufhin meine Frau antwortete: „Als Kind hat er jedenfalls eine Spastik gehabt und musste beturnt werden. Ja, vielleicht.“

Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen.

Ich bin dieses Jahr achtmal vom Rad gefallen. Fünfmal auf die linke Seite. Zweimal auf die rechte und einmal über den Lenker. Zweimal bin auf den harten Asphalt geklatscht und sechs mal auf Schotter, Wiese oder Wald zu liegen gekommen. Ich habe mir dabei an beiden Oberschenkeln, beiden Armen und an beiden Seiten meiner Brust Prellungen zugezogen. Mal mehr, mal weniger stark. Die linke Schulter will seit meinem Abflug in den Harburger Bergen beim Orbit360 Hamburg nicht mehr so recht. Wobei mein Physiotherapeut mir sagte, dass der Sturz nur der Tropfen gewesen sei, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. „Meine Körperhaltung“ sei, um „ganz ehrlich zu sein„, einfach „Mist“.

Bei meinem nunmehr achten Sturz in 2020 bin ich auf den Kopf gefallen. Ich bekenne: ich habe noch nie einen Fahrradhelm getragen. Ich besitze gar keinen. Immer wenn ich darauf angesprochen wurde – meistens von Nicht-Radfahrern – erwiderte ich lapidar und mit der mir eigenen Überheblichkeit:

„Ich brauche keinen Helm. Ich bin schon so oft gefallen, aber noch nie auf den Kopf. Diesen Rest Freiheit bewahre ich mir.“

Doch vergangenen Samstag hat meine rechte Kopfhälfte näher Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht als mir lieb sein kann. Wie kam es dazu?

Die für ihre Fahrradtaschen bekannte und in Norden Englands ansässige Firma Restrap hat erstmalig zur diesjährigen Wintersonnenwende eine kleine Radveranstaltung ausgerufen: die Restrap Solstice Century Challenge. Es galt, am letzten Samstag oder Sonntag vor Winteranfang mit dem Rad eine Strecke nach eigener Wahl von insgesamt 100 Meilen – also 161 Kilometern – zurück zu legen.

So fahre ich den Samstag vor der Wintersonnenwende los. Gerne möchte ich bis Einbruch der Dunkelheit zurück sein und hieve mein Rad gute eineinhalb Stunden vor Sonnenaufgang um 8:37 Uhr aus dem Keller. Die ersten Meilen rolle ich in Dunkelheit. Dann erwacht der Tag. Es ist kalt. Eine schnell gefahrene Landstraße. Leicht abschüssig. Der Asphalt ist nass. Doch den beachte ich nicht. Stattdessen lausche ich gedankenverloren einem Podcast. Jan Josef Liefers zu Gast bei Rick Zabel in Plan Z. Das Navi signalisiert rechts ab zu biegen. Mit zuviel Schwung geht es in die Kurve. Das Vorderrad rutscht weg und sicher kennen viele diesen einen Sekundenbruchteil, dem man nun machtlos ausgeliefert ist. Ich falle schnell und schlage hart auf.

Dann sitze ich auf einer Bank in einem Buswartehäuschen und frage mich, was ich hier mache? Offensichtlich Radfahren. Aber warum? Ich bin gestürzt. Aber wo eigentlich genau? Drei Zähne sind angeschlagen und kaputt. Ich schaue auf mein Handy, um zu sehen auf welcher Route ich unterwegs sein könnte und lese was vom „100-Meilen-Restrap-Ride“. Das sagt mir so gar nichts. Doch offensichtlich habe ich die Route selbst geplant. Es scheint früh am Tag zu sein. Was für ein Tag ist heute eigentlich? Ich weiß es nicht. Aber auf dem Weg zur Arbeit war ich offensichtlich nicht. 25 von 100 Meilen soll ich gemacht haben laut dem Navi.

Einen Moment überlege ich tatsächlich, einfach weiter zu fahren. Radfahren hilft ja immer. Dann fällt mir sicher wieder ein, was das alles hier soll und ich habe gleichzeitig ein paar Kilometer mehr gerissen. Oder Meilen. Mein Kopf schmerzt. Die Jacke ist kaputt. Das Schaltwerk verschrammt. Und die Kette abgeworfen. Mir fröstelt. Ich gebe klein bei und rufe die beste Ehefrau von allen an, ob sie mich wohl abholen könnte?

Ja, kann sie. Besteht dann aber auch prompt auf einen Abstecher in der Notaufnahme inklusive CT. Wäre ich doch bloß weiter gefahren. Mir graut es vor jedem Arztbesuch und die chronisch überlaufene Notaufnahme des örtlichen Klinikums ist der letzte Ort, an dem ich den Rest meines ohnehin verkorksten Samstags verbringen möchte. Denn inzwischen weiß ich wieder, welcher Wochentag ist.

Aber meine Frau bleibt vehement. Ich warte also in der Notaufnahme. Überraschenderweise bin ich nach zweieinhalb Stunden wieder entlassen. Auf eigenem Wunsch. Denn man hätte mich für 24 Stunden dabehalten wollen. Doch ich traue den Beobachtungsfähigkeiten meiner Frau mehr als dem überlastetem Krankenhauspersonal. Das CT war unauffällig. Und in mich horchen kann ich auch im eigenen Bett. So ein Dreck. Die 100 Meilen der Restrap Solstice Century Challenge habe ich ja mal richtig verkackt. Und meine Teilnahme an der diesjährigen Festive500 steht damit auch in den Sternen. Dabei sollte ich froh und dankbar sein. Es hätte auch viel schlimmer kommen können.

Ich liege am Nachmittag mit dröhnendem Schädel im Bett und frage mich: ist Radfahren der richtige Sport für mich?

Ja. Denn es ist der einzige, für den ich mich bisher begeistern konnte. Eigentlich hasse ich Sport. Aber warum falle ich nur so oft? Und das nicht nur beim Radeln. Fallen ist mir auch sonst nicht fremd. Also im übertragenem Sinne.

Schon als Kind bin ich oft aufgefallen. Und das nicht im Sinne von: „Oh, guckt mal, welch ein tolles Premium-Kind.

Nein, ich bin negativ aufgefallen. War frech und vorlaut. Dieses Verhalten hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen. Und selbst heute falle ich immer noch hier und da negativ auf. Obwohl ich es doch gar nicht will. Zumindest meistens nicht. Ich verfalle in alte Verhaltensmuster. Ich entgleise verbal. Daran findet mein Umfeld nicht immer Gefallen. Ich neige auch dazu, mich emotional zu überschlagen. Kann mich schnell begeistern. Nur um ebenso schnell wieder das Interesse verlieren. Oder ins Straucheln zu kommen. Eben zu fallen.

Und ich war dieses Jahr mehrfach rückfällig. Auch mindestens achtmal. Also ungefähr so oft wie ich vom Rad gefallen bin. Ein Verwandter sagte in Bezug auf meinen Konsum von alkoholischem Getränk, ich solle „nicht von Rückfällen sprechen, sondern von einmaligen Konsumerlebnissen“. Aha. Wären sie einmalig, kämen sie aber nicht achtmalig im Jahr vor. Nun gut: er selbst ist dem geistig Getränk auch nicht abgeneigt, konsumiert er es in der Regel doch auch gerne viel und täglich.

Und jetzt schließt sich auch wieder der Kreis. Vom Rückfall zum Fallen vom Rad. Denn Radfahren hilft mir, nicht rückfällig zu werden. Zumindest meistens. Demnach muss ich annehmen, dass das vom Rad fallen das kleinste aller meiner Übel ist. Und deswegen bestelle ich mir jetzt auch einen Fahrradhelm.