„Stolpersteine“-Tour in Hamburg

„Wir gedenken der Entrechteten, Gequälten und Ermordeten: der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der Millionen verschleppter Slawen, der … Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten, all derer, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte. Wir erinnern … auch an diejenigen, die mutig Widerstand leisteten oder anderen Schutz und Hilfe gewährten.“

Ehemaliger Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert in seiner Ansprache anlässlich des Tag des Gedenkens an die Opfer von Ausschwitz am 27. Januar 2015

Allein in Hamburg gibt es mehrere tausend sogenannte „Stolpersteine“. Diese Stolpersteine sind im Boden verlegte kleine Gedenktafeln, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Meist werden sie vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in den Gehwegs eingelassen.

Ich habe fünf dieser Stolpersteine und zwei nach NS-Opfern benannte Straßen in Hamburg zu einer 80-Kilometer-Runde verbunden. Anlass für diese eher ungewöhnliche Fahrradtour war eine virtuelle Gedenkstunde des Landtags Baden-Württembergs, die ich mir mit der besten Ehefrau von allen angeschaut habe. 

Der Landtag von Baden-Württemberg hält immer am 27. Januar anlässlich des alljährlichen Tag des Gedenkens an die Opfer von Ausschwitz, aber auch all der anderen Opfer des Nationalsozialismus, eine Gedenkstunde ab, in welcher jährlich wechselnd eine andere Opfergruppe in den Fokus gerückt wird. Dieses Jahr wurde insbesondere an die Zeugen Jehovas erinnert, die aufgrund ihres Glaubens, ihres Gewissens und der daraus folgenden Weigerung, das NS-Regime zu unterstützen, verfolgt wurden.

Das während dieser Stunde Gesagte und Gezeigte hat uns sehr berührt. Frau Aras, die Landtagspräsidentin fragt in ihrer Ansprache: „Hätten Sie sich geweigert, im Alltag den Hitlergruß auszusprechen?“. Sie macht deutlich, dass der Prozess der geschichtlichen Auseinandersetzung „nach wie vor nicht abgeschlossen“ sei. Folgendes Zitat hat mich beeindruckt:

„Die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas ist zwar recht gut dokumentiert, (…) aber sie ist nur schwach im öffentlichen Bewusstsein verankert (…) Offenbar fällt es uns als Gesellschaft nicht leicht, die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas vorbehaltlos anzunehmen. Sie anzunehmen ungeachtet der Kontroversen um manche Haltungen der Glaubensgemeinschaft. Ich meine, Gedenken heißt, das große Bild in den Blick zu nehmen. Machen wir uns bewusst, wie Geschichte uns auch heute prägt und welche Rolle die Verfolgung, auch der Zeugen Jehovas, dabei spielt.“

Muhterem Aras, Präsidentin des Landtages Baden-Württemberg

Ich nehme im Anschluss noch das ein oder andere Buch aus dem heimischen Regal in die Hand, welches von dieser schrecklichen Zeit berichtet. Dabei fällt mir ein Zettel in die Hand, auf welchem mehrere Stolpersteine abgebildet sind, die zum Gedenken an während der NS-Zeit verfolgte Zeugen Jehovas in Hamburg verlegt wurden. Warum also nicht die Adressen, an denen diese Steine platziert wurden, zu einer Tour miteinander verbinden?

Der Schnee ist geschmolzen und ich stehe an einem Freitagmorgen bei im Verhältnis zu den letzten Wochen recht milden Plusgraden im Karl-Reese-Weg in Hamburg-Langenbek in Nähe der Harburger Berge. Ich blicke auf das Straßenschild des nach Karl Reese benannten Weges.  Obwohl ich später noch an einem Stolperstein von Karl Reese vorbei kommen werde und sein Name auch auf einer Gedenktafel im Harburger Rathaus stehen soll, habe ich keine näheren Angaben zu ihm gefunden.

Auf dem in der Tangstedter Landstraße liegendem Stein heißt es lediglich: „Jahrgang 1890, verhaftet 1937, KZ Sachsenhausen, ermordet am 04.01.1940“. Und auf dem am Straßenschild ist noch der Zusatz angebracht: „Bibelforscher aus Harburg-Wilhelmsburg“.

Mit diesen wenigen Informationen im Kopf setze ich mich aufs Rad und fahre in Richtung Norden durch Harburg. Es geht über die weit über 100 Jahre alte und wirklich schöne Alte Harburger Elbbrücke, dann durch Wilhelmsburg und die Veddel mit ihren goldenen Wänden und automobilen (Alp)träumen bis nach Barmbek-Süd an den Eilbekkanal und in die Von-Essen-Straße.

Hier wohnte Max August Grote. Max war Konditor von Beruf. Sein Traum von der eigenen Fabrik für Biskuit- und Schokoladenerzeugnisse löste sich 1906, nur wenige Jahre nach Errichtung der Fabrik, wieder in Flammen auf. Daraufhin wurde er bei den Reichard-Kakao-Werken in Wandsbek Werkmeister. 1912 ließ sich Max als „Ernster Bibelforscher“ taufen, wie sich die Zeugen Jehovas damals nannten.

Am 24. Juni 1933 wurden die Zeugen Jehovas als erste Glaubensgemeinschaft in Deutschland verboten. Der Grund dafür war die Distanz zum nationalsozialistischem Staat und der Verweigerung des Hitlergrußes. Zeugen Jehovas traten keiner nationalsozialistischen Vereinigung bei, ließen ihre Kinder nicht in die Hitlerjugend und leisteten wegen des biblischen Gebotes, nicht zu töten, keinen Kriegsdienst. Die Nationalsozialisten sahen in den Zeugen Jehovas „Wegbereiter des jüdischen Bolschewismus“ und kritisierten die „Fremdlenkung“ aus den USA. Max Grote war während dieser Zeit als Gesamtleiter der Stadtteilgruppen der Zeugen Jehovas tätig und wurde deswegen erstmalig im Juni 1934 verhaftet. Nach weiteren Verhaftungen wurden seine Frau Berta und er schließlich für einige Wochen in „Schutzhaft“ im Konzentrationslager Fuhlsbüttel genommen.

Max Grote bei einem Kongress der Zeugen Jehovas in Berlin-Wilmersdorf
am 25. Juni 1933
© Wachturm-Gesellschaft, Geschichtsarchiv

Trotz dessen beteiligte sich Max in den folgenden Jahren weiter als Zeuge Jehovas und nahm an den zwei Flugblattaktionen teil, bei denen die Flugblätter „Resolution“ und „Offener Brief“ verteilt wurden. 1937 wurde Max erneut verhaftet und der „staatsfeindlichen Betätigung“ schuldig gesprochen. Er kam in das Gefängnis Wolfenbüttel, wurde von der SS mit Schlägen ins Gesicht misshandelt und starb am 21. Oktober 1940 im Gefängnis an den Folgen der Haft.

In Gedanken pedaliere ich weiter Richtung Norden durch den Hamburger Verkehr. Die Sonne kommt raus und wärmt das Gesicht. Den Hamburger Stadtpark lasse ich links liegen, dann kurz an der Alster entlang und durch Fuhlsbüttel bis in die Tangstedter Landstraße. Vor dem Haus mit der Nr. 158 liegt der bereits erwähnte Stolperstein mit dem Namen Karl Reese. Ich wende und radel wieder in Richtung Süden.

Nach einigen Minuten komme ich an der Gedenkstätte Fuhlsbüttel vorbei. Diese ist im Torhaus des ehemaligen KZ Fuhlsbüttel untergebracht. Die Leitung der Hamburger Strafanstalten wurde im September 1933 formell an SS- und SA-Angehörige übertragen. Bis 1936 wurden die Strafanstalten Fuhlsbüttel als KZ geführt und anschließend als Polizeigefängnis. Das auch „Kola-Fu“ genannte KZ Fuhlsbüttel wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem Inbegriff für Grauen, Leiden und Sterben. Bis 1945 kamen hier über 250 Frauen und Männer ums Leben. Widerstandskämpfer, Juden, Zeugen Jehovas und andere als „Asoziale“ und „Volksschädlinge“ Bezeichnete. Sie wurden misshandelt, ermordet, in den Tod getrieben. 

Durch das verschlossene Tor ist eine Gedenktafel zu sehen. Neben den vielen Namen der Opfer steht auszugsweise:

„Ich möchte, dass man weiß, dass es keine namenlosen Helden gegeben hat. Dass es Menschen waren, die ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung hatten, und dass deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war, als der Schmerz des ersten, dessen Name erhalten bleibt.“

JULIUS FUČÍK, TSCHECHISCHER WIDERSTANDSKÄMPFER, AUFGESCHRIEBEN KURZ VOR SEINER HINRICHTUNG AM 8. SEPTEMBER 1943

Vor dem unscheinbarem Haus in der Forsmannstraße 7 liegt der Stolperstein von Margarethe Baalhorn.

Margarethe ist 1894 in Neubrandenburg geboren, evangelisch-lutherisch aufgewachsen, mit 24 Jahren in Lüneburg geheiratet, drei Jahre später nach Hamburg gezogen und Mutter von zwei Söhnen geworden. In Hamburg lernte Margarethe die Wahrheit kennen und ließ sich 1931 mit 37 Jahren taufen. Ihr Mann wurde kein Zeuge Jehovas und so lebte Margarethe in einem sogenannten“geteiltem Haus“. Sie beteiligte sich am 7. Oktober 1934 an einer reichsweit koordinierten Protestveranstaltung gegen das Verbot der Internationalen Bibelforschervereinigung (wie Zeugen Jehovas bis 1931 hießen) und gegen den NS-Staat. Dabei wurden massenhaft Briefe und Telegramme mit dem Protest der Zeugen Jehovas an den „Führer und Reichskanzler“ Hitler versandt.

Foto aus dem Verfolgtenausweis 1945 von Margarethe Baalhorn
© Archiv KZ Gedenkstätte Neuengamme

Aus Glaubensgründen und meiner Erkenntnis heraus habe ich den Nazis entschieden Widerstand geleistet.“

Margarethe Ballhorn

1935 wurde Margarethe verhaftet und zu zwei Monaten Haft verurteilt. Im Oktober 1937 wurde sie erneut verhaftet und ins KZ Fuhlsbüttel eingeliefert. Das Urteil des Hanseatischen Sondergerichts vom 23. April 1938 gegen sie fiel [mit einem Jahr und 6 Monaten]… relativ hart aus, da sie sich unbeugsam zeigte. Das Gericht argumentierte in seinem Urteilsspruch:

„Die Angeklagte Frau Baalhorn ist außerordentlich fanatisch und deshalb besonders gefährlich. Sie hat nach ihren Erklärungen in der Hauptverhandlung nicht den Willen, sich in Zukunft an die staatlichen Anordnungen zu halten, sondern will sich auch weiter als Zeugin Jehovas betätigen. Das Sondergericht hat dies als einen Straferschwerungsgrund angesehen. Während die meisten Angeklagten einsehen, dass ihr Kampf gegen den nationalsozialistischen Staat sinnlos ist, und – wenn auch nicht aus Überzeugung – so doch aus verstandesgemäßer Überlegung heraus diesen aussichtslosen Kampf aufgeben wollen, ist Frau Baalhorn so fanatisch und unbelehrbar, dass sie den Kampf für ihre Irrlehre fortführen will…“

Nach Aussagen ihres jüngeren Sohnes, soll sich Margarethe im Gefängnis von ihrem Glauben losgesagt haben. Im November 1945 erlitt Margarethe bei einem Verkehrsunfall Brüche im Knöchel und Beinbereich sowie eine Gehirnerschütterung, die an sich nicht lebensgefährlich waren. Dennoch verstarb sie am 12. November 1945 im Städtischen Krankenhaus Lüneburg. Der Oberarzt der chirurgischen Abteilung führte den Tod auf die Haftfolgen zurück:

„Frau Baalhorn kam in einem sehr schlechten Allgemeinzustand zu uns, der vorher durch eine längere KZ-Inhaftierung hervorgerufen sein muss. Es ist ärztlicherseits auch anzunehmen, dass sie diese Verletzungen infolge des durch die KZ-Haft geschwächten Zustandes nicht überstanden hat. Möglicherweise ist auch der Unfall bereits dadurch passiert.“

Ich stehe in Hamburg in der Sonne. Die Wärme im Gesicht tut gut nach den vergangenen kalten Wochen. In diesem Moment wirken die Menschen so unbeschwert. Und das liest sich alles so einfach. Doch das, was Margarete erleiden musste, kann ich nicht ermessen. Hat sie sich tatsächlich während der Haft im als „Kola-Fu“ bekannt gewordenen KZ Fuhlsbüttel von ihrem Glauben und der festen Überzeugung losgesagt? Was musste sie dort ertragen? Was hat das mit ihr gemacht? Wie wäre es mir in einer ähnlichen Situation ergangen?

Nur wenige Straßen weiter mache ich im Lehmweg Halt. Vor dem Coffee-Shop Balz und Balz stehen Menschen mit Maske geduldig in der Schlange, um sich einen Coffee to go zu holen. Ich fühle mich deplatziert, als ich unter den Augen der Wartenden den Stolperstein von Karl Zietlow fotografiere. 

Karl ist als Erstgeborener von sechs Kindern 1901 in Pommern geboren. Als junger Mann arbeitete er im kleinen landwirtschaftlichem Betrieb seiner Eltern mit, bis er sich 1918 und noch zu Kriegszeiten, als Unteroffiziersschüler in Treptow meldete. Nach Kriegsende arbeitete er bei der Kasernierten Schutzpolizei in Hamburg, wo für Unterkunft, Uniform und Verpflegung gesorgt wurde.

Durch Verwandte war Karl bereits im Elternhaus mit der Wahrheit in Berührung gekommen. Während seine Mutter und seine Geschwister bereits die Wahrheit angenommen hatten, richtete auch Karl sein Leben seit Anfang der 1920er Jahre nach der Biblischen Lehre aus. Zu dieser Zeit lernte er auch seine Frau Elise kennen, die keine Bibelforscherin war. 1922 wurden Karl und Elise Eltern eines Sohnes und 1923 heirateten sie.

Karl Zietlow als Angehöriger der Sicherheitspolizei Anfang der 20er Jahre
Familie Zietlow Anfang der 1930er Jahre

Zum ersten Mal kam Karl 1923 während des kommunistischen Arbeiteraufstandes in Hamburg mit seinem Dienstherrn in Konflikt: Er lehnte es ab, mit der Waffe gegen Arbeiter vorzugehen und wurde aus dem Polizeidienst entlassen. Für die junge Familie brachen daraufhin harte Zeiten der Arbeitslosigkeit und der Gelegenheitsjobs während der Wirtschaftskrise an, bis Karl Zietlow 1929 als Chauffeur des Betriebskrankenwagens bei Blohm & Voss wieder eine feste Anstellung fand.

Im Februar 1934 wurde Karl  – inzwischen Vater von drei Kindern – wegen seines konsequenten Verweigerns des „Deutschen Grußes“ bei Blohm & Voss entlassen. Sein Sohn sagte dazu später aus:

„Er sagte, das Heil ist nicht Hitler, sondern das ,Heil‘ gebühre allein Christus, deshalb könne er Hitler nicht mit ,Heil’ grüßen.“

Karl hielt sich und seine Familie ohne feste Anstellung mit „Notstandsarbeiten“ außerhalb Hamburgs mühsam über Wasser. Er beteiligte sich weiter an Versammlungen der Bibelforscher und führte sogar Zusammenkünfte in seiner Wohnung durch. Regelmäßig klingelte die Gestapo bei den Zietlows, um Karl einzuschüchtern. 

„Die Gestapo kam meistens abends. … Wenn es nun abends klingelte, ist Vater an die Haustür gegangen und anschließend mit den Gestapobeamten ins Wohnzimmer. Da habe ich gelauscht und dabei habe ich bemerkt, dass es zum Teil ehemalige Kumpels von der Polizei waren, weil Beamte Vater duzten und direkt ,Karl‘ zu ihm sagten. Es sind Worte gefallen wie ,Karl, lass das nach, denk doch an deine Familie.‘

Am 1. Februar 1935 wurde Karl Zietlow verhaftet und zu einem halben Jahr Gefängnishaft verurteilt. Wieder in Freiheit, suchte er Kontakt zu bekannten Zeugen Jehovas und verbreitete weiter den illegalen „Wachtturm“. Er wurde zum „Gruppendiener“ der Zeugen Jehovas ernannt und war mitverantwortlich für die konspirative Organisation des Verkündigungswerkes sowie von Bibelstudien im Hause. Auch sorgte er für die Versorgung der Gruppe mit religiöser Literatur und hielt Kontakte zu den anderen Hamburger Gruppen. Die Gestapo führte sporadisch bei ihm Hausdurchsuchungen durch und fand kein belastendes Material, obwohl teilweise die gesamte Verteilung der illegal hergestellten Schriften über Zietlow lief. Wenn das gedruckte Material nicht ausreichte, schrieb er den „Wachtturm“ in mehreren Durchschlägen handschriftlich ab und beteiligte sich auch am sogenannten „Haus-zu-Haus-Dienst“.

Trotz aller Vorsicht verhaftete ihn am 15. September 1937 die Gestapo erneut und lieferte ihn ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel ein. Karl Zietlow wurde in der Folge zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in der Strafvollzugsanstalt Wolfenbüttel absaß. Er erlebte diesen Aufenthalt nicht als Strafe, sondern als Prüfung vor seinem Gott Jehova und dessen Sohn Jesus Christus.

„Ja, es war immer das Leid meiner Mutter, dass Vater für die Familie viel weniger Zeit hatte als dafür, das ,Wort‘ zu verkündigen“, so eine Aussage seines Sohnes zu Elise Zietlow, die nicht den Zeugen Jehovas angehörte.

Während eines kurzen Hafturlaubs im Frühjahr 1940 kam es zu Spannungen zwischen den Eltern: „Meine Mutter sagte, ‚nun Karl, mach Schluss damit’, aber mein Vater blieb eisern“ und verweigerte weiterhin die Unterschrift auf der ,Verpflichtungserklärung’, sich in Zukunft nicht mehr gegen den NS-Staat zu betätigen und sich von der Bibelforschervereinigung loszusagen. Daher wurde er am 15. September 1940 mit der Häftlingsnummer 2969 und dem lila Winkel ins KZ Neuengamme überstellt.

Immer wieder versuchten ihn ehemalige Polizeikameraden dazu zu bewegen, die besagte „Verpflichtungserklärung“ zu unterschreiben, um aus der Haft entlassen zu werden. 1943 arrangierten sie sogar ein Treffen mit seiner Familie im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Sein Sohn berichtete, dass ihn die Beamten mit Worten wie „Karl, ist doch Quatsch, was du da machst.“ und „Karl, sprich dich mit deiner Familie aus.“ von den Bibelforschern abbringen wollten. Aber Karl Zietlow beharrte darauf, keinen Eid auf Adolf Hitler schwören zu können. Dieses zweistündige Treffen war das letzte Mal, dass seine Familie ihn sehen konnte.

Im Sommer 1945 musste Elise Zietlow von der Britischen Militärregierung in Hamburg erfahren, dass ihr Mann einer der ca. 7000 Neuengamme-Häftlinge war, die am 3. Mai beim Angriff britischer Jagdbomber gegen Schiffe in der Neustädter Bucht auf dem Dampfer „Thielbek“ umgekommen waren. Im Zuge der Evakuierung des Konzentrationslagers im April 1945 waren diese Häftlinge in der Neustädter Bucht auf Schiffe getrieben worden.

Das muss ich erstmal sacken lassen. Ich werde meine Route zwar bis zu Ende fahren, aber für heute möchte ich keine weiteren Einzelheiten über das Schicksal einzelner Zeugen Jehovas erfahren. Auch wenn es ohne Frage wert ist, sich mit jeder einzelnen Geschichte zu befassen. Für mich dann aber erst wieder ein anderes Mal.

Dennoch möchte ich die letzten Stationen nicht unerwähnt lassen.

Im Eppendorfer Weg 168 in HH-Eimsbüttel liegt der Stolperstein von Erich Golly. Jahrgang 1891, Haftstrafe 1936, ermordet am 16.02.1945 im KZ Dachau. Für seine Frau Dorothea, die ebenfalls eine Zeugin Jehovas war, wurde bisher kein Stolperstein verlegt. Dorothea wurde mehrfach inhaftiert, erblindete völlig und überlebte schwer krank die KZ-Haft. Sie verstarb am 20. Oktober 1967.

Erich Golly (2. v.l.) vor seinem Friseurladen Anfang der 1920er Jahre

Ich erreiche den nach Anne Barth benannte Anne-Barth-Weg. Anne ist 1899 in Altona-Stellingen geboren und gehörte mit ihrem Mann den Zeugen Jehovas an. Beide waren Verfolgte des Nationalsozialismus.

Anschliessend finde ich mitten in einer trotz Corona sehr belebten Fußgängerzone in Hamburg Altona die beiden Stolpersteine von Maria und Paul Chrupalla. Meine letzte Station ist erreicht.

Maria, Jahrgang 1897, KZ Ravensbrück und ermordet am 6.2.1942 in Bernburg. Und ihr Mann Paul, Jahrgang 1899, fast 10 Jahre inhaftiert und überlebt.

Für mich geht es mit einem kleinen Abstecher durch die Harburger Berge zurück in den Karl-Reese-Weg. Also zunächst runter an die Elbe und durch den Alten Elbtunnel. Den habe ich bereits vier- oder fünfmal passiert, aber es ist immer noch ein kleines Erlebnis, mit dem Fahrstuhl hinab zu fahren, dann die Elbe auf der für heutige Verhältnisse irrwitzig schmalen Fahrbahn zu unterqueren, wieder mit dem Fahrstuhl rauf und auf dem hinter dem Eingang des Alten Elbtunnels liegenden Platz den Blick auf die Hamburger Skyline genießen.

Auf der Hafenseite Hamburgs komme ich an Blohm und Voss vorbei, wo Karl Zietlow bis zu seiner Entlassung wegen Verweigerung des ‚Deutschen Grußes‘ gearbeitet hat.

Mit ein wenig Gegenwind fahre ich durch den Hafen bis nach Harburg. Spielte ich einen Moment noch mit dem Gedanken, meine Tour spontan um 20 Kilometer zu verlängern, ziehen mir die letzten zehn bis fünfzehn Kilometer endgültig den Stecker. Nur ein paar Steigungen und der vom Schnee und Eis durchgematschte Boden reichen aus, um das Ende meiner Tour herbei zu sehnen und keinesfalls auch nur einen Kilometer noch ran hängen zu wollen.

Erschöpft falle ich in den Sitz meines kleinen Kfz. Trotz der vielen Eindrücke bin ich für den Moment einfach leer. Doch noch Tage später muss ich an Karl Reese, an Margarethe Baalhorn, an Max August Grote und Karl Zietlow denken. Ihr starker Glaube und ihre feste Überzeugung sind mir Vorbild.

Und so weit weg, wie man manchmal meint, ist diese grausame Zeit gar nicht. Die politische und gesellschaftliche Lage kann sich in jedem Land auf dieser Erde von einem Moment auf den anderen dramatisch wandeln.

In Turkmenistan werden Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung zu Gefängnisstrafen verurteilt. In Eritrea sitzen immer noch Zeugen Jehovas – teils langjährig und ohne Anklage – im Gefängnis. Und in Russland sind Zeugen Jehovas als terroristische Vereinigung eingestuft worden und werden wieder massiv verfolgt. Da reicht es mitunter aus, religiöse Lieder zu singen oder sich virtuell mit den Glaubensbrüdern zu versammeln, um zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden.

Sollte der Wind wieder rauer werden – und davon gehe ich fest aus – dann hoffe ich , dass ich so stark sein werde wie es die vielen meiner Glaubensbrüder und -schwestern waren und sind. Die für ihren Glauben an Gott so viel ertragen haben oder heute in anderen Ländern ertragen müssen.

Und daher möchte ich mit dem Jahrestext der Zeugen Jehovas für 2021 abschließen:

„Eure Kraft wird im Ruhebewahren und im Vertrauen liegen.“

Jesaja, Kap. 30, Vers 15

Die hier von den verfolgten Zeugen Jehovas angeführten Informationen, Texte und historischen Bilder habe ich vorwiegend von der Website der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg entnommen: https://www.stolpersteine-hamburg.de/

Max August Grote, Text von Carmen Smiatacz, Quellen: Garbe: Zwischen Widerstand und Martyrium, S. 221ff.; Gewehr: Stolpersteine in Hamburg-Altona, S. 25; „39 Bibelforscher verurteilt“ in: Hamburger Nachrichten vom 13.4.1938; StaHH 231-9, Staatsanwaltschaft Oberlandesgericht, 11256/41, Bd. 1; StaHH 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 4392.

Margarete Baalhorn, Text von Björn Eggert, Quellen: AfW 030294; KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Akte Margarethe Baalhorn, Bestand Komitee ehemaliger politischer Gefangener (Landesverband VVN Hamburg); Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH), 35363 Fuhlsbüttel Häftlingslisten; Bezirksamt Hamburg-Nord, Bauamt/Bauprüfabteilung, Akten Forsmannstraße 7 und Barmbeker Straße 76; Standesamt Neubrandenburg, Geburtsurkunde (1894); Stadtarchiv Lüneburg, Einwohnermeldeeinträge zu Margarethe Weinert; Stadtarchiv Lüneburg, Sterberegister Standesamt Lüneburg (Nr. 2521/45); StaHH 741-4, Alte Einwohnermeldekartei 1892-1925 (Margarethe Weinert); Telefongespräch mit dem Sohn W.B. am 14.11.2007; Detlef Garbe, Gott mehr gehorchen als den Menschen, in: Projektgruppe für die vergessenen Opfer des NS-Regimes (Hrsg.), Verachtet – Verfolgt – Vernichtet. Zu den vergessenen Opfern des Nationalsozialismus, 1986, S. 198; Johannes Wrobel, Die nationalsozialistische Verfolgung der Zeugen Jehovas in Frankfurt am Main, Sonderdruck 2003; Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas, Verfolgungszettel vom 20.10.1945, ausgefüllt von Margarethe Baalhorn; ebd., Urteil des Hanseatischen Sondergerichts 11 Js. Sond. 297/38 vom 23.4.1938; AB 1922, 1928, 1939, 1943.

Karl Zietlow, Text von Holger Tilicki, Quellen: Garbe, „Gott mehr gehorchen“, in: Verachtet, 1986, S. 199, 201, 206, 207; Zietlow, Karl-Heinz, Hamburg 2003, S. 11; Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft 2006, Seite 15–17; Brief der Zeugen Jehovas, Geschichtsarchiv, Selters vom 8.12.2006; Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft 2009, Seite 48; Garbe, „Gedenkstätten-Aktivisten“, in: Beiträge, 11, 2009, S. 177, 178.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.