#rideFAR 180km

„It will be tough, it will be long and it might get cold. But overcoming your comfort zones will be even more rewarding this time.“

www.orbit360.cc

Ich lese was von „belohnen“ am Ende eines Satzes und habe gleich Lust, dabei zu sein. Dass zuvor auch die Wörter „hart“, „lang“, „kalt“ und „außerhalb der Komfortzone“ gefallen sind, hat das Hirn dann schon wieder ausgeblendet. Anders kann ich es mir mal wieder nicht erklären, warum ich heute auf dem Rad sitze und meine, 180 Kilometer am Stück fahren zu müssen.

Keine Lust zum Lesen? Anhören ist auch möglich.

Doch vorweg: was ist dieses „rideFAR“ überhaupt? RideFAR steht – logo – fürs weit Radeln. Aber nicht nur das. Ausgeschrieben heißt das Teil „Ride for a reason“. Denn anstatt der üblichen Gebühr für Teilnehmer*innen, darf ein Betrag nach Wahl gespendet werden. Das dadurch gesammelte Geld geht dann an die „Bikeygees“, die vorzugsweise geflüchteten Frauen in Berlin und Brandenburg aufs Rad helfen und an „Ghana Bamboo Bike“, deren Ziel es ist, Schüler*innen in Ghana mit einem Fahrrad zu versorgen, damit diese besser oder überhaupt zur Schule gelangen können.

Die Veranstalter fassen es wie folgt zusammen: bei #rideFAR geht es darum, sozial zu sein. Verbunden mit einer angemessenen Herausforderung. Und zu der komme ich jetzt. Nach erfolgter Spende und Registrierung ist jede*r angehalten, eine eigene Route über wahlweise 180 km – quasi für den sanften Saison-Einstieg – oder 360 km – für die Unerschrockenen – zusammen zu klöppeln. Orbit-typisch ist die Strecke als Loop –  also einmal im Kreis – und im Uhrzeigersinn zu befahren. Die Zeit läuft dabei durch, also inklusiver aller Essens-, Foto- und sonstigen Pausen. Das Zeitfenster für das Fahren der selbst gewählten Route ist seit dem 27. Februar offen und endet am 31. März. Noch ist also ausreichend Zeit, sich zu registrieren und mit dabei zu sein.

Ich wähle (notgedrungen) den sanften Einstieg in die Saison. Also die 180-Kilometer-Variante. Gestartet wird ab der Haustür und die geplante Strecke führt mich über Otterndorf, Neuhaus, Freiburg (Elbe), Bützfleth, Himmelpforten, Hechthausen, Lamstedt und Bad Bederkesa durch das Cuxland.

Heute ist der 5. März und bereits über 40 Teilnehmer*innen haben ihre 180-km-Runde absolviert. An die 360 Kilometer haben sich bisher vier Einzelkämpfer und ein Duo herangewagt. Ich plane für meine 180 Kilometer eine Brutto-Zeit – also inklusiver aller Pausen – von 12 bis 13 Stunden. Damit würde ich im aktuellen Ranking der Vor- bzw. der Vorvorletzte werden. Und auch wenn ich jetzt behaupten würde, Zeit spielt für mich als beleibter Genuss-Fahrer keine Rolle: es würde nichts an der Prognose ändern. Weder mein 2,1″ bereiftes Stahlross noch mein inzwischen um umgerechnet ca. 60 Butter-Pakete zu schwerer Körper werden es schneller vermögen. Wie sagte kürzlich jemand in einem youtube-Video: „…if you are in the non-competitive side of cycling“. Und genau da sehe ich mich. Auf der nicht Wettbewerbsorientierten Seite des Radfahrens.

Meine größte Herausforderung wird heute darin bestehen, zu überleben. Denn in den vergangenen Wochen bin ich nicht viel gefahren. Im Dezember noch unbehelmt vom Rad gefallen, dann an den Festive500 gescheitert und den Januar und Februar mehr oder weniger auf der Couch verstreichen lassen. Wenn ich dann doch mal 60 bis 80 Kilometer auf dem Rad mit Ach und Krach geschafft habe, fühlte ich mich hinterher gleich wie einer der ganz Großen. „Schaut mal, bei dem Wetter bin ich Rad gefahren. Ja, richtig gehört: 70 Kilometer.“ Und auch, wenn ich damit in meinem Dunstkreis lediglich die Omis und Opis oder auch die Jüngeren, die nach 40 km auf dem Pedelec nicht mehr gut sitzen können, beeindrucken konnte, habe ich mich doch gut gefühlt.

Nun aber erstmal sehen, wer das Ranking anführt? Ach, der Raphael Albrecht. Also einer der geistigen Väter der Orbit360-Serie. Aha… 180 km in 6 Stunden und 5 Minuten. 29,6 km/h im Schnitt und demnach keine Pausen. Und dann schreibt er: „Es gab überhaupt keine Vorbereitung“ und „die Beine fühlten sich von Anfang an etwas müde an“ und „in den letzten Wochen kein Training“. Deswegen werde er die Strecke auch noch ein zweites Mal innerhalb des #rideFAR-Zeitfensters fahren. Um sich „zu verbessern“. So, so. Tief stapeln kann er, der Raphael. Das muss ich ihm lassen. Jetzt dämmert es mir, warum die Orbit360 Serie nicht mehr wie noch im letzten Jahr als „Germanys First Gravel Event“ bezeichnet wird, sondern inzwischen als „The Outer Space Cycling Challenge“. Denn 180 Kilometer in 6 Stunden runter zu rocken und gleichzeitig anzukündigen, dass das auch besser gehen muss, ist von hier unten – und aus der Perspektive des sportlichen Bodensatzes betrachtet – irgendwie, nun ja… außerirdisch. 

Nun denn. Es ist 7:05 Uhr. Es sind -2° C. Und ich drücke den Start-Knopf meines Navis. Die Sonne geht auf und taucht die Landschaft in sanftes Licht. Rauhreif glitzert auf den Feldern. Ein klarer, frostiger Tag. Die Straßen machen den Eindruck, nicht besonders glatt zu sein. Gut für mich. Denn inzwischen habe ich doch ein wenig Angst, bei Temperaturen um den Nullpunkt zu fahren.

Bei der Kälte muss ich mich zwingen, regelmäßig zu trinken. Das Wasser ist so kalt, dass es im Mundstück meiner Flaschen friert. Ich habe heute gleich vier Buddeln dabei. Zwei im Rahmen und zwei an einem neu erstandenen Trägersystem am Sattel. Die beiden „Sattelflaschen“ halten nicht besonders gut, wie ich auf der holprigen Strecke durchs Ahlenmoor feststellen muss. Ein Schlag unters Hinterrad und eine der beiden Flaschen fliegt aus dem Halter raus. Das wird heute noch fünf- oder sechsmal passieren. Und das obwohl ich überwiegend auf Asphalt unterwegs bin. Doch selbst der kleine Sprung vom Bordstein reicht aus, um meine Wasservorräte in den Orbit zu schießen. Das mag auch an den Flaschenhaltern selbst liegen. Die sind von Rose. Wer Erfahrungen mit dem Saddle Stabilizer von WOHO hat, mag mir doch einen Tipp geben, welche Halter gut harmonieren und die Flaschen fester im Griff haben.

Wenn ich schon im Ahlenmoor meine verlorene Flasche auflesen muss, dann kann ich auch ein paar Fotos von der frostig-schönen Landschaft machen. Doch ich spüre dabei die Zeit im Nacken. Und das, obwohl ich doch auf der „non-competitive“ Seite des Radeln unterwegs bin. Irgendwie widersprüchlich. Auch wenn ich „außer Konkurrenz“ laufe, will ich scheinbar doch wissen, was machbar ist.

Hinter Otterndorf erreiche ich den Deich und die dahinter liegende Elbe. Oberhalb von Neuhaus an der Oste führt meine Route über das Oste-Sperrwerk. Doch die Brücke ist oben und es macht den Eindruck, dass sich daran auch in den nächsten Minuten oder Stunden nichts ändern wird. Also ein kleiner Schlenker nach Neuhaus rein. Später werde ich meine Tour so umplanen, dass sich mein Gesamtweg nicht auf 185 Kilometer verlängert, sondern bei den ursprünglichen 180 Kilometern bleibt. Ein altes Zirkuspferd springt schließlich nur so hoch wie es muss.

In Freiburg (Elbe) angelangt, stehen 75 Kilometer auf dem Tacho. Ich benötige eine Pause und lasse mich zu den Füßen eines Aussichtsturmes hinterm Deich nieder. Windgeschützt und in der Sonne lässt es sich prima aushalten. Anschließend ein kurzer Blick auf die im Turm angebrachten Infotafeln zu den unterschiedlichen Deichverbänden, den Sturmfluten von 1962 und 1976 und der Entwicklung der Deichprofile von 1556 bis 2000. Im 16. Jahrhundert war der Deich keine viereinhalb Meter hoch und 2000 waren es bereits 8,40 m. So viel Bildung muss sein. Wettbewerb hin oder her.

Es geht weiter am großen Strom entlang. Glückstadt, Krautsand und Bützfleth sind die Stationen, an denen ich vorbei husche. 105 Kilometer auf der Uhr und ab jetzt weht der Wind immer mal wieder unangenehm kalt von vorne. In Himmelpforten und nach 125 Kilometern gelange ich an den Punkt, wo für mich Schluss sein dürfte. Kraft und Motivation schwinden. Ich sehe einen Bäcker. Jetzt einen heißen Kaffee und ein Stück Torte? Ja, warum denn nicht?

Ich trage eine Art Skimütze, darüber einen Helm, auf der Nase eine Sonnenbrille und habe zwei Schlauchtücher um den Hals gelegt. Meine medizinische Maske kann ich so natürlich nicht aufsetzen. Und da ich zu faul bin, Mütze und Helm abzunehmen, hoffe ich das die beiden über Mund und Nase gelegten Stofftücher ausnahmsweise genügen, zumal in der Bäckerei kein weiterer Kunde zu sehen ist. Ich betrete die Backstube und noch bevor ich mich dem Verkaufstresen nähern kann, fragt die Bäckereifachverkäuferin mit der für Norddeutschland typischen Freundlichkeit:

„Haben Sie eine medizinische Maske?“

„Ja, schon. Am Fahrrad. Die ist in meiner Montur nur so schlecht aufzusetzen und…“

„Dann dürfen Sie hier nichts kaufen.“

„Okay… Danke.“

Mehr fällt mir nicht ein. Der trotz körperlicher Erschöpfung vorhandene Rest-Anstand verbietet mir jedwede Diskussion. Sie hat ja Recht. Die Bestimmungen. Unser aller Gesundheit, die auf dem Spiel steht und so. Aber dann will ich lieber bis zum nächsten Supermarkt aushalten. Denn ich brauche ohnehin noch Wasser und ein paar Snacks. Und wenn ich mir schon Skimütze und Helmchen runter reißen muss, dann soll es sich auch lohnen. Leicht zerknirscht verlasse ich die „Bäckerei Richter“, deren Name mir in diesem Moment irgendwie passend erscheint.

Keine fünf Kilometer weiter gibt es einen netto in Hechthausen – dem selbst ernanntem „Tor zum Cuxland“. Bereits seit gut fünfzig Kilometern habe ich – und es ist mir etwas unangenehm, es zu erwähnen – Schmerzen an den Brustwarzen. Die scheinen heute besonders empfindlich zu sein. Sind es die vier Lagen Kleidung in Verbindung mit Wind und Kälte, die mir zusetzen? Oder bin ich einfach nur verweichlicht? Jedenfalls spiele ich doch seit einigen Kilometern mit dem Gedanken, mir Pflaster für besagte Stellen zu kaufen. Doch die bereits passierte Apotheke habe ich ausgelassen, um nicht am Tresen in Erklärungsnöte zu kommen, warum ich genau welches Pflaster benötige.

Nun betrete ich also den Supermarkt in Hechthausen. Und das zu einem Punkt nahezu absoluter Erschöpfung. Ich brauche etwas Warmes (Kaffee), etwas zu trinken für die Weiterfahrt (Cola und Wasser) und etwas zu Essen (Milchreis, Joghurt, Kuchen und ein Butter-Laugencroissant). Zwischen den Regalen stehend und nur noch auf die baldige Nahrungsaufnahme fokussiert, vergesse ich die Brustwarzen-Wehwehchen und somit auch das Pflaster. Das wird mir aber erst wieder auf dem Rad und nach 500 gefahrenen Metern bewusst und damit zu spät. Die Pause hat bereits über dreißig Minuten gekostet. Nochmal gehe ich nicht in den netto. Dann heißt es halt Zähne zusammen beißen.  

Während ich mit leichten Magenkrämpfen stur vor mich hin trete, frage ich mich, was ein Kassierer im netto-Markt wohl denkt, wenn der so eine in zu enge Radklamotten gewandete Presswurst wie mich an der Kasse sieht? Dazu im Gesicht von der Erschöpfung aufgedunsen, die Augen tränend und kaum noch in der Lage, überhaupt gerade zu stehen?

Als ich kürzlich morgens das Haus in meiner Radlermontur verließ, meinte meine Tochter: „Schaut aus wie eine Mischung aus Karneval und Reitermädchen.“ Und das war nicht als Kompliment gemeint.

Auf der anderen Seite legte der Kunde vor mir eine Flasche „Goldbrand“ und zwei 10er Pack Tulpen aufs Fließband. Auch eine interessante Mischung. Merkwürdige Kunden mit merkwürdigen Einkäufen sieht der Mann an der netto-Kasse wohl jeden Tag zuhauf.

Ich kämpfe derweil weiter gegen Körper und Wind. Noch 35 Kilometer. Pause und Cola für den Magen. Noch 25 Kilometer. Absteigen, ein Foto machen, durchatmen. Noch 15 Kilometer. Auf einem kalten Stein sitzend etwas essen. Die Sonne neigt sich und mir wird kalt. Noch 10 Kilometer. Mal wieder eine meiner heraus fliegenden Flaschen vom Weg einsammeln.

Ich verlasse die Straße und rolle hinter Elmlohe über einen Feldweg der untergehenden Sonne entgegen. Letzte Kraftreserven werden mobilisiert und mir gelingt es, die Schönheit des Moments zu erkennen, wo ich doch auf den letzten Kilometern nur mit gesenktem Kopf unterwegs war. Erschöpft und unfähig, meine Umgebung zu würdigen. Doch jetzt sehe ich wieder all die Schönheit. Ich muss an die einleitenden Worte denken:

„It will be tough, it will be long and it might get cold. But overcoming your comfort zones will be even more rewarding this time.“

Nach 180 Kilometern bin ich wieder zu Hause. Etwas über zehneinhalb Stunden war ich unterwegs. Reine Fahrtzeit 8 Stunden und 11 Minuten bei einem Schnitt von 22,1 km/h. Damit gehöre ich im Teilnehmer*innen-Feld zu den langsameren Fahrern. Und doch bin ich mit meiner Zeit sehr zufrieden. Anvisiert waren 12 bis 13 Stunden. Und die habe ich doch ganz gut unterboten. Ob ich mir deswegen auch die 360 Kilometer zutraue? Im Moment eher nicht. Doch wer weiß? Mein auf Nostalgie geschultes Hirn vergisst das Unangenehme oft recht schnell. Wenn dann noch eine gute Portion Selbstüberschätzung hinzu kommt, ist alles möglich…