Ostseeküstenradweg – VII.

Von unserem auf der Insel Møn zwischen Ulvsund und Steger Bucht gelegenem Campingplatz sind es acht Kilometer bis Lendemarke. Dort soll ein toller Bäcker sein, dessen hausgemachte Spezialität Sauerteigbrot- und Brötchen sind.

Die kompletten acht Kilometer verlaufen an einer der Hauptverkehrsadern der Insel. Für dänische Verhältnisse rollt hier recht viel Verkehr. Nachdem meine fleißige Frau einige Male unvermittelt auf der Straße angehalten hat, um auch Møn von weggeworfenem Leergut zu säubern und gleichzeitig unsere Finanzen aufzubessern, rege ich an, dass zumindest an stark befahrenen Straßen zu unterlassen.

Ich habe schon die Schlagzeile vor Augen: „Deutsche Touristin wird beim Leergut sammeln von LKW erfasst und erliegt wenig später ihren Verletzungen“ (dpa Meldung) oder „Bremerhavenerin muss ins Ausland, um Geld zu verdienen und hat tödlichen Unfall. Warum tut unser Staat nichts gegen die weiter wachsende Armut in Deutschlands ärmster Stadt?“ (BILD Zeitung).

Ich muss an einen Vortrag des diesjährigen Kongresses denken. Da wurde 1. Tim. 6:10 zitiert: „Denn die Liebe zum Geld ist eine Wurzel von allen möglichen schädlichen Dingen, und weil einige ihr nachgegeben haben,… haben [sie] sich überall viele Schmerzen zugefügt.“ Lohnt es, sich für die Liebe zu ein paar lausigen Dänischen Kronen viele Schmerzen zuzufügen oder gar den Verkehrstod zu sterben? Wir einigen uns darauf, erst wieder auf den weniger befahreneren Straßen weitere Dosen und Flaschen zu sammeln.

Jetzt aber erstmal mit dänischem Käse, Dressing und roten Zwiebeln belegte, noch leicht warme Sauerteigbrötchen aus der kleinen Bäckerei in Lendemarke. Immer wieder schön, wenn gleich hinterm Tresen die Backstube ist und bei der Bäckerskunst zugeschaut werden kann. Die Brötchen sind klasse und wir kaufen noch welche für unterwegs. Und ja, natürlich auch etwas Kuchen. Und ein Glas Honig. Bereits das zweite in Dänemark gekaufte Glas. Solange in den Radtaschen noch Platz ist, fühlt meine Frau sich scheinbar angespornt, diesen möglichst effektiv zu nutzen und unser Systemgewicht weiter in die Höhe zu treiben.

Im weiteren Verlauf des Tages fällt auf, dass auf Møn kaum Leergut zu finden ist. Auch finden sich weniger „Zu verkaufen“-Schilder in den Vorgärten und Fenstern. Dafür gibt es auffällig viele Pensionen, Ferienwohnungen und sogar Hotels. Und die Campingplatzdichte auf Møn ist ebenfalls überraschend hoch. Hier scheint der Tourismus ein echter Rettungsanker für die heimische Bevölkerung zu sein. Den ganzen lieben langen Tag muss man sich um deutsche Touristen kümmern und hat keine Zeit, Tuborg in sich kippend Wanderungen von einem verlassenen zu einem noch verlassenerem Ort zu unternehmen.

Die einzigen, die sich das Bier hier rein schütten, sind die Deutschen. Und die werfen ihr Leergut nicht in die Natur. Allein des Pfandgeldes wegen nicht! Sie haben zwar im Überfluss, sparen aber jeden Cent und jede Krone. So sind sie halt. Allein die Deutschen stellen sich im real,- Markt fünf Minuten an der Information an, um ihren Kassenbon mit ein paar popeligen Payback Punkten nachpunkten zu lassen. Oder könnt ihr euch noch eine Nation vorstellen, die mit religiösem Eifer Payback Punkte sammelt? Oder kleine Sammelheftchen mit Klebetalern voll klebt, um die sechste nicht benötigte WMF Pfanne dafür zu kaufen? Natürlich für einen Aufpreis, den die Pfanne auch im Angebot gekostet hätte? Oder die mit ihrem Sanifair-50-ct-Gutschein, welcher für die Toilettenbenutzung für ganze 70 ct erworben werden musste, in der Autobahntankstelle vorm Tresen steht und krampfhaft nach einem Artikel für eben jene 50 ct sucht, den sie zwar nicht braucht, der aber unbedingt geholt werden muss, damit der olle Gutschein nicht verkommt? Oder die auf einem kostenpflichtigen Parkplatz danach lungert, einen Parkgutschein mit einer Restlaufzeit von ein paar Minuten abgreifen zu können, um das eigene sauer verdiente und im Überfluss vorhandene Geld nicht auszugeben? Die stets und überall auf getrennte Rechnung im Lokal bestehen? Oder wenn sie mal die Spendierhosen angezogen haben, gönnerhaft sagen: „Du, ich lad‘ dich heute ein. Aber nur das Essen, nicht die Getränke“? Und im Gegenzug lebenslange Dankbarkeit erwarten? Und natürlich, dass man sich revanchiert und dann das Gericht hoffentlich einen Euro teurer ist, als man selbst für den anderen ausgegeben hat? Ich könnte endlos weiter machen. Denn ich bin ja selbst Deutscher und der größte Alman von allen.

Es geht mit Rückenwind in Richtung Steilküste. Die Kreidefelsen von Møns Klint sind über acht Kilometer lang und fallen bis zu 128 Meter ab. Bis wir dort ankommen, erleben wir Nieselregen, Sonne und Wolken. Laufend geht es in Wellen bergauf und bergab. Bis zu 10 % haben die Steigungen und meine tapfere lässt Janina Ullrich raus.

Während ich gleichmäßig hinauf pedaliere, setzt sie sich in meinen Windschatten.

„Und jetzt geht Janina Ullrich in den Wiegetritt. Es geht um die Bergwertung und damit 20 Punkte. Was für ein Angriff! Aber ist sie zu früh in den Wind? Kann sie das Tempo bis zur Kuppe halten? Setzt Riedel jetzt nach? Ja, er geht mit. Aber Ullrichs Attacke ist einfach noch einen Tick explosiver. Sie bleibt im Wiegetritt. Das sind sicher über 1000 Watt, die sie nun kurzfristig tritt. Wird sie das Tempo halten können? Riedel kommt nochmal ran, aber es reicht nicht für ihn. Janina Ullrich hat die Bergwertung gewonnen und hat 20 Punkte mehr auf den Zähler. Riedel bekommt 17 Punkte und das bedeutet, dass Ullrich ihren Vorsprung um weitere 3 Punkte leicht ausbauen konnte. Sie bleibt damit wohl auch morgen im rot-weiß gepunktetem Bergtrikot. Klasse gemacht! Ja, dieses Jahr hat Riedel einfach nicht die Form, mit der Ullrich mitzuhalten. Man kann es wohl jetzt schon festhalten: die Ullrich fährt hier in den Bergen das gesamte Peloton in Grund und Boden. Wer hätte das nach der letzten Saison von Janina Ullrich erwartet? Ich nicht. Und dennoch bleibt es spannend im Kampf ums Bergtrikot. Denn Riedel ist immer noch in Schlagweite.“

Äh, merkt man, dass ich derzeit zu viel Tour de France gucke?

Und schon erreichen wir das GeoCenter Møns Klint, ein kurz vor den steil nach unten abfallenden Klippen liegendes Naturkundemuseum, dessen Besuch wir uns schenken. Stattdessen Päuschen mit Kaffee und Kuchen.

Während meine Frau etwas länger pausiert, wage ich noch einen Blick von den Klippen nach unten und erklimme dazu einen Treppenpfad nach oben.

Es geht von Møns Klint zurück in den Inselwesten. Wieder in einem steten Auf und Ab und diesmal mit streckenweise Gegenwind. Die kleine Janina Ullrich scheint bereits etwas angeschlagen zu sein, behauptet sich aber wieder und hält sich wacker. Dann setzt Regen ein. Kein Niesel, sondern richtiger dänischer Frontalregen. Letzte Kraftreserven werden mobilisiert. Es ist kühl. Es ist nass. Es ist windig.

Janina Ullrich, die langsam wieder zur besten Ehefrau von allen wird, muss kämpfen. So macht ihr das keinen Spaß mehr, raunt sie. Im Örtchen Hovmarken fahren wir zwischen Ostsee und Ferienhäusern auf einem ungeschützem Weg. Zur Linken die aufgepeitschte Ostsee, Wind und Regen von vorn und zur Rechten sitzen Menschen in einem Ferienhaus. Der Kamin ist an. Ein Mann sitzt in kurzer Hose und T-Shirt auf der Couch. Über ihm eine Stehlampe, die den Raum in sanftes Licht taucht. Er ließt ein Buch. Ein Heißgetränk vor ihm auf den Tisch. Alles schaut so „hyggelig“ – also gemütlich aus. Was für ein Kontrast zu unserer momentanen Situation! Selbst ich wäre nun bereit, mein letztes Stück Kuchen zu tauschen, um den Platz dieses Mannes einnehmen zu können. Sich trocknen und durchwärmen lassen.

Aber nein: meine liebe Frau unter ihrem Regencape und ich in meiner kurzen Regenhose – denn die lange liegt zu Hause – pedalieren stumpf weiter. Kilometer um Kilometer.

Irgendwann – nach einer gefühlten nass-kalten Ewigkeit – befindet sich an der linken Straßenseite ein Häuschen mit angeschlossener Shelterwiese. Ohne weiteres Abwägen und Überlegen sagt meine Frau: „Hier bleiben wir. Ich fahre keinen Meter weiter.“

Wir lassen uns in die vor dem Haus stehenden und überdachten Sessel fallen. Ein Auto fährt vor und eine Frau steigt aus. Sie wolle nur die Katze im Haus füttern. Das Haus ist ein ehemaliges Sportsvereinsheim, gehöre nun ihrem Mann und der nutze es im Winter als Jagdsitz. Wir können kostenfrei in einem der beiden Shelter übernachten oder unser Zelt unter der überdachten Veranda aufschlagen. Wasser wäre auch da. Alles kein Problem.

Und so machen wir es. Zelt auf der Veranda aufgebaut. Nasse Klamotten an die Leine. Essen kochen. In die Sessel lümmeln.

Abends liegen wir im Zelt. Meine bessere Hälfte sagt:

„Aber hier kann doch jeder herkommen.“

„Ja. Ich denke aber, dass bei diesem Wetter und außerdem abends niemand mehr kommt.“

„Hmm. Das Grundstück liegt direkt an der Straße.“

„Ja. Deswegen haben wir es auch gut gefunden.“

„Hast du dein Messer im Zelt?“

„Ja.“

„Okay.“

Ich schlummere weg. Mitten in der Nacht werde ich geweckt.

Meine Frau stupst mich an und flüstert: „Björn. Draußen ist jemand. Hörst du das.“

Ich verschlafen: „Nein.“

„Doch. Hat sich eben angehört, als wenn jemand ein Rad schiebt. Guck mal raus.“

Also Zelt auf. Draußen ist es – welch Überraschung – dunkel. Ich sehe niemanden und sage: „Da ist nix. Räder stehen noch da. Kein Mörder in Sicht.“

„Okay. Ich dachte. Vorhin haben sich schon zwei Jugendliche auf ihren Rollern an der Straße unterhalten. Sind dann aber weg gefahren.

Und ich denke mir: „Na, da bin ich aber froh, dass die jugendliche Bevölkerung nicht auch schon das Morden anfängt. Wieder mal Glück gehabt.“