Ostseeküstenradweg – IX.

Der Entschluss steht seit gestern Abend fest: es geht heute nach Hause. Auch wenn meine Frau plötzlich bemerkt: „Eigentlich ist das Wetter heute doch ganz schön.“

Geplant war die Heimreise über den Flensburger Bahnhof am Ende des Dänischen Ostseeküsten Radweges. Nun nehmen wir aber ab Gedser die Scandlines-Fähre bis Rostock und dann weiter mit der dem Quer-durchs-Land-Ticket und der Bahn über Hamburg und Bremen nach Bremerhaven.

Vom Campingplatz aus fahren wir deswegen zur Nordspitze der Insel Falster, an welcher Gedser mit seinem Fährhafen liegt. Das Wetter erfreut, meine auf die Schnelle zusammen geschusterte Route über viel Schotter durch den Wald findet die Frau allerdings suboptimal.

Am Fähranleger angekommen, werden die Tickets für die eineinviertel Stunden lange Überfahrt gebucht.

Wir merken gleich, dass die uns umgebenden Menschen – ob mit oder ohne Rad – ebenfalls aus Deutschland stammen müssen. Sie grüßen nicht. Wir grüßen nicht. Denn das ist in Dänemark aufgefallen: wir wurden von der einheimischen Bevölkerung regelmäßig freundlich gegrüßt. Von Radfahren, aber auch vielen Fußgängern. Oft hatten wir regelrecht den Eindruck, die freuen uns zu sehen. Nur wenn es durch die klassischen Touristengebiete mit den vielen Ferienhäusern ging, wurde wieder kaum gegrüßt. Logisch, lauter deutsches Volk hat sich eingemietet. Und die Deutschen sind weder mit sich im Reinen und schon gar nicht mit diesen lästigen Radfahrern, die den ganzen Platz in der Heimat auf den ohnehin zu schmalen Straßen für sich beanspruchen wollen und jetzt auch noch dänische Urlaubsluft frech weg atmen. Die werden nicht gegrüßt. Basta!

Die Fähre legt an und wir Radler rollen als erstes in den Bauch des Schiffes. Auf Deck setzen wir uns in die wunderbar scheinende Sonne, holen uns für die letzten Kronen eine überteuerte, mittelmäßig mundende Wurst und beäugen die anderen Mitreisenden.

Kurz vor unserer Ankunft im Rostocker Hafen, begeben wir uns unter Deck zu unseren Rädern. Und wieder dürfen wir als erste von Bord.

Nach ein paar hundert Metern stehen am Ausgang des Fähranlegers Zollbeamte. Mein Navi wünscht nach links abzubiegen. Ich will dem Befehl Folge leisten, werde aber von einem der Zollbeamten angepampt:

„Geradeaus geht es hier.“

Ich habe weder ein Abbiegeverbot noch ein „Nur geradeaus“-Schild noch eine durchgezogene Linie erblicken können. Zucke aber, wie es sich gehört, zusammen und fahre natürlich geradeaus.

Neun Tage hat uns niemand unfreundlich angesprochen. In Deutschland angekommen, hat es ganze drei Minuten gedauert, dass ein sich trotz Wohlstand zu kurz gekommener Zollbeamter im mittleren Dienst aufplustert und uns anpault. Einfach weil er es kann. Und wisst ihr, wo es nach 500 Metern geradeaus hin geht? In einen Kreisel. Der hat zwei Ausfahrten. Eine geht zu einem weiteren Fähranleger und die andere auf den Autobahn-Zubringer. An dieser Ausfahrt stehen ein „Radfahrer verboten“ und ein „Fußgänger verboten“-Schild. Ich drehe daher um und fahre in Richtung des Zollbeamten, der das „r“ so schön rollen kann. „Geradeaus geht es hier.“

Meine Frau befürchtet schon eine Konfrontation mit dem Menschen vom Zoll. Und die anderen ebenfalls nicht abgebogenen Radfahrer – denn „Geradeaus geht es hier“ – halten an und gucken aufs Handy oder leicht desorientiert in die Ferne. Ich schleiche mich nun im Rücken an den kleinen Mann vom Zoll an und biege unbemerkt nach dorthin ab, wohin ich ursprünglich wollte. Ich nehme an, dem kleinen Zoll-Tyrann gefällt es einfach, dass er uns auf die 500 Meter zum Kreisel geschickt hat, damit wir einmal im Kreis fahren können und dann wieder 500 Meter zurück, um die Abzweigung zu nehmen, die zuvor nicht genommen werden durfte. Denn „Geradeaus geht es hier“. Und wir sind in Deutschland! Und hier gibt es Regeln! Und hier herrscht noch Recht und Ordnung! Und wenn ich sage „Geradeaus“, dann wird nicht abgebogen. Und Radfahrer haben sich ohnehin hinten anzustellen. Meinen wohl, nur weil sie ein paar Tage im entspannten und Tuborg saufendem Dänemark waren, können sie hier abbiegen, wo sie wollen. Und möchten wohl möglich noch gegrüßt werden oder grüßen mich, um mich aus dem Konzept zu bringen. Nachher reagiere ich auch noch freundlich und vergesse ganz, dass ich hier die Zollmütze aufhabe und herum kommandieren darf wie ich will. Und dass es hier nur „Gerade…“… Ach, lassen wir das. Ich steigere mich da noch rein.

Vom Anleger bis zum Rostocker Bahnhof sind es 15 Kilometer. Bei einer letzten Kaffeepause auf der Bank in der Rostocker Innenstadt stöhnt meine liebe Frau: „Ohh… jetzt weiß ich, was ich nicht vermisst habe. Das ist so stressig, hier zu fahren. Alles voll und hektisch.“

„Na, wenigstens wurden wir vom Zoll freundlich empfangen. Oder sagen wir mal besser „korrekt empfangen“.

Doch Rostock war erst der Auftakt. In Hamburg eskaliert es. Ich will es kurz machen.

Bummelbahn ab Rostock. Maskenpflicht im 30° warmen Zug. Bis Hamburg wird der Zug immer voller. Corona-bedingte Abstände werden und können nicht mehr eingehalten werden. Das Radabteil ist plötzlich voll. Radfahrer, die sich beschweren, dass irgendwelche Deppen ihre Taschen am Rad gelassen haben und dadurch weniger Platz ist. Noch mehr Menschen. Und noch mehr Räder. Vor Hamburg ist der Waggon so voll, dass ein Hindurchkommen nicht mehr möglich ist. Wegen der Enge und unterschiedlichen Auffassungen, wo im Fahrradwagen Menschen sitzen oder stehen dürfen und ob überhaupt kommt es zu missbilligenden Äußerungen, tödlichen Blicken und sogar ein wenig Gerangel.

Dann der Hamburger Hauptbahnhof. Der Zug erbricht uns und all die anderen Fahrgäste auf den Bahnsteig. Der Fahrstuhl ist defekt. Räder auf der Rolltreppe nicht erlaubt. Überall gestresste, hektische Menschen. Wir wechseln das Gleis. Warten. Unser Zug rollt ein. Wir steigen ein. Das Abteil ist dunkel. Stellen unsere Räder in das dafür vorgesehene Abteil. So wie etliche andere auch. Zugpersonal eilt durch die Gänge. Mann und auch Frau stehen ratlos vor einem Schaltkasten. Telefonate werden geführt und Knöpfe vergeblich gedrückt. Uns wird gesagt, der Waggon müsse geschlossen werden. Wegen des Stromausfalls. Wir könnten in einem der anderen Waggons umziehen, aber es gebe nur EIN Fahrradabteil.

„Nehmen Sie bitte den nächsten Zug.“

Also wieder raus aus dem Waggon. Die einen nehmen es stoisch hin, bei anderen sehe ich Resignation. Oder auch Zorn. Einer fängt laut an zu brüllen und schreit wie ein Irrer auf dem Gleis herum. Wir warten. Auf den nächsten Zug nach Bremen. Der kommt, auch wenn er gar nicht auf der Abfahrtstafel zu finden ist. Wildes Gedrängel. Menschen strömen in den Zug. Beinahe unfähig, die aus dem Zug Herauskommenden in Ruhe aussteigen zu lassen. Jemand brüllt und schreit. Wurde er bestohlen? Was ist passiert? Wir wissen es nicht.

Dann sitzen wir auf unseren Plätzen. Minuten passiert nichts. Eine Durchsage mit französischem Akzent:

„Meine Damen und Herren. Hier spricht Frau Schneider. Ich bin ihre Zugbegleiterin. Bitte haben Sie ein wenig Geduld. Der Fahrer des Zuges musste kurz nach Hause. Gleich wird ein Ersatz kommen.“

Was ist nun los? Will Frau Schneider nicht mit dem eigentlichen Zugführer Vorlieb nehmen, weil der mal wieder besoffen ist?

„Heute mache ich das nicht mehr mit. Du hast schon wieder getrunken. Geh nach Hause. Ein anderer muss den Zug führen.“

Fangen die Lokführer in Deutschland nun auch das Tuborg Saufen an, während sie mit ihrer Lok von Bahnhof zu Bahnhof rollen? Und werfen dann die leeren Dosen aus dem Fenster?

Die Situation wird immer aberwitziger und kurioser. Wir müssen lachen, weil wir unsere Theorien zur aktuellen Lage aufstellen. Eine uns gegenüber sitzende Frau setzt sich genervt weg.

Minuten vergehen. Angespannte Atmosphäre und leises Gniggern. Wieder eine Durchsage. Hörbar genervt sagt der neue Lokführer:

„Bitte die Türen freigeben. Der Zug fährt gleich los.“

Zwei Minuten später: „Jetzt BITTE die Türen freigeben. Ich meine auch die Zugbegleitung. Wir müssen los. Bitte EINSTEIGEN.“

Was ist bloß los? Jetzt wird auch noch die Zugbegleitung gedrängelt, also Frau Schneider, die eben noch einer Frau mit Kinderwagen beim Einsteigen geholfen hat. Oder war das eben gar nicht die Stimme des neuen Lokführers, sondern immer noch der alte, der doch gar nicht mehr fahren darf, besoffen wie er ist? Und Frau Schneider weigert sich mitzufahren und blockiert die Türen, bis ein Ersatz-Lokführer kommt?

„Nein, ich steige nicht ein. Ich warte auf Ersatz. Du darfst so nicht fahren. Das ist unverantwortlich.“

Der alte Lokführer öffnet eine weitere Bierdose und spricht ins Mikro:

„Wer jetzt noch die Türen blockiert und nicht frei gibt, wird angezeigt. Ich verständige die Kollegen von der Bahnhofspolizei.“

Minuten vergehen. Mit einem Ruck setzt sich der Zug plötzlich rumpelnd in Bewegung. Was ist mit Frau Schneider? Geht es ihr gut? Ist sie im Zug? Wer führt das stählerne Geschoss eigentlich? Ist es der alte und immer stärker angetrunkene Zugführer? Streitet er sich wohl möglich mit Frau Schneider im Führerstand? Eskaliert die Situation vollends und wir sehen gleich Frau Schneider am Fenster vorbei fliegen, weil der Suffkopf von einem Lokführer sie kurzerhand zum Fenster hinaus geworfen hat? Oder konnte doch ein neuer Zugführer gefunden werden? Hat sich durchgesetzt und nüchtern das Kommando übernommen? Und Frau Schneider lehnt nun zufrieden an seiner starken rechten Schulter, während er mit der Linken gekonnt den Geschwindigkeitshebel nach vorne drückt?

Wir sind jedenfalls erleichtert, als wir eine zarte Stimme über den Lautsprecher hören:

„Wir begrüßen Sie recht herzlich im Regionalzug von Hamburg nach Bremen. Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten und die damit verbundene Verspätung.“

Nach Hamburg kommt uns Bremen wie der letzte Dorfbahnhof vor. So ruhig ist es hier. Wieder in die Bummelbahn und in Bremerhaven-Lehe steigen wir erschöpft und müde aus. Keinen halben Tag in Deutschland und wir vermissen eines der vielleicht schönsten und hyggeligsten Reiseländer bereits jetzt.