Ostseeküstenradweg – V.

In aller Ruhe frühstücken wir im alten Gewächshaus und anschließend geht es über einen klasse Abschnitt bis Karrebæksminde und weiter in Richtung Næstved, einer Stadt mit etwas über 40.000 Einwohnern.

Hinter Næstved ist es dann soweit. Die beste Ehefrau von allen kann nicht weiter tatenlos an in der Landschaft wild herum liegenden Flaschen und Dosen vorbei fahren und fängt an, diese aufzulesen und in eine an ihr Rad gehängte Plastiktüte einzusammeln.

So schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Dänemark wird endlich mal gesäubert und wir verdienen uns ein wenig Pfandgeld. Das haben wir nach der gepfefferten Campingplatz-Übernachtung und der kostspieligen Zugfahrt bitter nötig. Auch unser gestriges Frühstück am Morgen hat ein gewaltiges Loch in die Urlaubsbörse gerissen. Und Sponsorengelder konnte ich dieses Jahr – wahrscheinlich Corona-bedingt – nicht vereinnahmen. Dann muss eben Pfand gesammelt werden und notfalls gehen wir noch containern.

Das dänische Pfandsystem kennt drei Pfand-Kategorien. Pant A, B und C. Eine Krone (13 ct) für Dosen und Flaschen bis 1 Liter, eineinhalb Kronen (20 ct) für kleine Plastikflaschen und ganze drei Kronen (0,40 ct) für große Plastikflaschen. Also die Königsklasse.

Nachdem ich mich anfänglich gegen die Pfandflaschen-Sammlerei gewehrt habe – denn unnötiges Anhalten entspricht nicht meiner Radfahrer Mentalität – mache ich schon bald mit und sammle ebenfalls eifrig. Nur dass ich mir nicht jedes Mal die Hände desinfiziere, nachdem ich eine Tuborg Dose aufgehoben und den letzten Schluck aus ihr genommen habe.

Zur Rechten liegt nun der Dybsø Fjord, zur linken ein dänischer Imbiss. Der Mensch lebt nicht nur von Kuchen allein, manchmal muss es Backfisch sein.

Und noch ein paar Kilometer weiter bauen wir unsere Campingstühle mit Blick auf den Avnø Fjord auf und machen die obligatorische Kaffeepause. Für heute wurde wieder mal Schlechtwetter vorhergesagt, doch ebenfalls wieder mal scheint die Sonne mehr als ausreichend.

Wir kommen mit einem weiteren Radpärchen aus Deutschland ins Gespräch. Sie sind ein wenig neidisch auf unser mobiles Wohnzimmer und den Gaskocher samt Kaffeebereiter. Sie reisen auf ihren Gravel Maschinen mit leichtem Gepäck und sind auf geöffnete Cafés und öffentliche Bänke angewiesen. Und die stehen eben nicht an jeder schönen Ecke. Tja, wer hat, der hat.

Ich mache in der Sonne mit Blick aufs Wasser sitzend ein Foto meiner Füße. Denn wie bereits an anderer Stelle angemerkt, sind nackte Füße – ab fotografiert oder gefilmt – wohl ein aktueller Trend dieses Jahr. Da möchte ich doch auch mal up to date sein und meine Senk-, Spreiz- und Plattfüße in die Landschaft halten. Wenngleich ich mit meinen Mauken keinen Schönheitspreis mehr gewinnen kann.

Am späten Nachmittag rollen wir durch Vordingborg und kaufen im Supermarkt ein. Unsere mühsam gesammelten Pfandflaschen werden in bare Münze getauscht. Meine Frau nimmt sogar einigen Jugendlichen noch eine leere Dose ab, da diese zu bequem sind, die fünf Meter zum Automaten und anschließend zur Supermarktkasse zu laufen. Die sollen ruhig wissen, dass unsere Generation die Dänische Krone noch ehrt. Wir können und wollen es uns nicht erlauben, mit dem Geld herum zu werfen. Jawohl!

Im „REMA 1000“ gibt es dann auch endlich – endlich! – einzelnes Lakritzeis am Stiel zu kaufen. Die bisherigen Supermärkte hatten nur Multipackungen, die auf einer Radtour eher unpraktisch sind, wenn man nicht gleich 6 bis 10 Eis am Stück essen möchte. Und dann kostet diese Kostbarkeit nur schlappe 10 DKK (1,35 €), da es sich um die Eis-Eigenmarke des Marktes handelt. Welch ein Tausch! Pfandgut gegen Lakritz-Eis!

Schnell treten wir die wenigen letzten Kilometer bis Nyråd und nähern uns abermals der Küstenlinie. Abermals soll es eine private Wiese sein, auf der wir zu nächtigen gedenken. Wir haben uns zuvor telefonisch versichert, dass wir unser Zelt auf der großen und direkt am Wasser gelegenen Wiese neben einem Pfadfinder Vereinshäuschen aufstellen dürfen. Denn immer dann, wenn das Haus nicht von Pfadfindern oder Kanu-Gruppen genutzt wird, ist das Zelten erlaubt und kostenlos.

Allerdings stellt meine holde Maid fest, dass der kleine Weg zwischen Wiese und Wasser doch nicht völlig ungenutzt bleibt und wir demnach nicht völlig alleine sind. Ein älterer, aber sehr sportlicher Radfahrer spricht uns sogar an. Wie kann der nur? Und dann reiten noch drei Damen auf ihren Pferden vorbei und gucken uns ungeniert an, wie wir da bräsig in unseren Campingstühlen sitzen. Ja, hat man denn nirgendwo seine Ruhe? Und wenn hier „um diese Zeit“ noch Menschen unterwegs sind, was ist dann erst in der Nacht los?

„Kommen dann nicht die dänischen Mörder?“, will die beste Ehefrau von allen wissen.

„Nun, ich würde zwischen Radfahrern bzw Reitern am Abend und Serienkillern in der Nacht schon einen Unterschied machen.“

„Ich weiß nicht. Hier kann doch alles passieren.“

„Ich meine gelesen zu haben, dass zumindest in den letzten 10 Jahren hier an Ort und Stelle niemand hingemeuchelt wurde.“

„Ja, ja. Was du wieder gelesen haben willst.“

„Soll ich das Zelt wieder abbauen und wir fahren zu einem richtigen Campingplatz?

„Nee. Das ist zu teuer.“

„Aber wir haben doch Pfandgeld gesammelt?“

„Das hast du ja wohl für Eis ausgegeben.“

„Stimmt.“

„Ich schließe mein Rad lieber ab“

Und ich verkneife mir zu erwidern: „Na, wenn uns heute Nacht ein gemeiner Mörder metzelt, dann wäre es meine letzte Sorge, ob der auch noch das Rad klaut.“

Ich werde gleich jedenfalls tief schlafen. Doch meiner Frau steht wohl wieder eine lange und unruhige Nacht bevor.