Ostseeküstenradweg – III.

Bei Wolken, Wind und Wetter satteln wir nach einem warmen Frühstück auf und erarbeiten uns die mehr oder weniger sanften Hügel der Insel Ærø. Bis zum nächsten Fähranleger in Ærøskøbing sind es knapp 20 Kilometer.

Die anschließende Fahrt mit der Fähre von Ærø bis Svendborg auf Fyn (Fünen) ist auch hier für Fußgänger und Radfahrer umsonst und dauert eineinviertel Stunde.

Unsere Abläufe wiederholen sich jeden Tag ein wenig. Kaffee und Frühstück. Lebensmittel für den Tag einkaufen. Selbstnatürlich auch Gebäck in die Radtaschen hinein. Und wieder Kaffee. Dieses Mal im Zusammenspiel mit dänischen Leckereien. Auf einer Radtour reduziert sich das Leben auf wenige Dinge. Essen. Radfahren. Schlafen. 24/7 an der frischen Luft. Mal mit Sonne, hier fast immer mit Wind und ab und an Regen. Bisher glücklicherweise überwiegend in der Nacht.

Hinter Svendvorg verläuft der Radweg direkt an der Küste Fünens und wir schauen immer wieder auf die Ostsee. Warum nicht ein kleines Bad in diesem aus Brackwasser bestehendem Meer nehmen? Und schon laufen wir bei einem kräftigem Westwind in das flach abfallende Gewässer und planschen in dem durch den warmen Sommer auf 20 Grad aufgewärmten Nass herum. Einfach herrlich!

Im weiteren Verlauf unserer Tour knickt der Radweg immer mal wieder in das wellige Binnenland ab. Ich bin mehr als erstaunt, dass die beste Ehefrau von allen sämtliche Steigungen meistert. Zumeist klaglos. Und das mit einem recht lang übersetztem 1. Gang an ihrem Rad. Ich frage mich, welcher Dame aus meinem Bekanntenkreis könnte solch ein Streckenprofil noch zugemutet werden? Um das abzuzählen, brauche ich nicht einmal alle Finger meiner rechten Hand. Die meisten scheitern ohne E-Antrieb doch bereits daran, den heimischen Deich hinauf zu fahren. Ich bin auf alle Fälle mehr als angenehm überrascht. Diesen Kampfzwerg muss ich einfach lieben. Meine kleine Janina Ullrich.

Die Sonne lacht und wir stöpseln uns jeweils einen Bluetooth Kopfhörer in die Ohren und hören die besonderen Lieder. Wenn Steigung und Atem es zulassen, singen wir mitunter laut mit. Eine Däne, welchen wir in seinem Garten stehend passieren, schaut leicht gequält. Nicht ganz zu unrecht.

Die letzten Kilometer bis Nyborg sind die Straßen plötzlich nass. Es muss zuvor kräftig geschauert haben, doch wir bleiben (mal wieder) trocken. In Nähe des Holckenhavn Fjord soll eine private Shelterwiese zu finden sein. In einem je nach Betrachtungsweise verwunschen-romantischen bzw. verwildert-zugewachsenem Garten steht am Ende eines schmalen Trampelpfades ein geräumiger Shelter.

Die Eigentümerin des Platzes wohnt in einem Haus auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Sie ist nicht daheim, sondern im Urlaub in Norwegen, wie ich telefonisch erfahre. Wir können den Shelter jedoch nutzen und sollen die 60 DKK (8 €) einfach in ihren Briefkasten werfen.

Auf mich machen die dänischen Shelter fast immer einen urgemütlichen Eindruck und ich bin jedes Mal bei ihrem Anblick versucht, sofort hinein zu hüpfen und mich wie ein zufriedener Hund auf dem Holzboden zu wälzen.

Meine liebe Frau hingegen beäugt jede dieser Holzhütten mit Misstrauen. Soll sie sich wirklich auf einen Boden legen, auf dem zuvor schon tausend andere genächtigt haben? Ist es nicht besser, das Zelt auf zu schlagen und auf „eigenem Boden“ zu schlafen?

„Wir können gerne auch den nächsten Campingplatz ansteuern“, sage ich.

„Nein, zu teuer.“

„Soll ich das Zelt aufbauen und wir schlafen darin statt im Shelter?“

„Nee. Das wird so schon gehen. Und dir macht das wirklich nichts aus?“

„Nö.“

„Ist diese verlassene Wiese überhaupt sicher? Hier kann doch jeder rauf kommen?!“

„Diese Wiese ist so sicher wie jeder andere beliebige Platz. Wir befinden uns schließlich in Dänemark. Einem der sichersten Länder der Welt.“

„Gibt es in Dänemark nicht auch viele Mörder?“

„Ich glaube, die gibt es nur in dänischen TV-Produktionen.“

So geht es eine Weile hin und her. Ich breite die Zeltunterlage im Shelter aus und lege die Isomatte meiner Frau darauf. Nach weiterem gut Zureden kann ich sie schließlich in die hölzerne Behausung locken. Während ich nach wenigen Minuten den Schlaf der Gerechten und Unbekümmerten schlafe, googelt meine Frau nach den Stichworten „Shelter“, „Mord“ und „Dänemark“.

Dänischer Ostseeküstenradweg – Tag 3: