Ostseeküstenradweg – II.

In der Nacht hat es geregnet. Doch heute morgen ist es trocken und sonnig. Im Verlauf des Tages werden wir uns noch etliche Male wie ein seniles Ehepaar mantraartig zurufen:

„Haben wir nicht Glück mit dem Wetter? Ist das nicht toll?“

und „Gut, dass wir nicht zu Hause geblieben sind.“

Der Wind weht von hinten und ein schnelles Wechselspiel von Wolken und Sonne umspielt die dänische Landschaft. Es ist einfach herrlich!

Hinter der Ortschaft Gråsten vermisst meine bessere Hälfte einen ihrer Fahrradhandschuhe. Im Urlaub kehre ich auch gerne mal den Gentleman heraus. Deswegen fahre ich das kurze Stück zurück und lese den verlorenen Handschuh vom Ostseeküstenradweg auf. Die Dankbarkeit in den leuchtenden Augen meiner Frau zu sehen ist Lohn genug.

In Sønderborg betrete ich eine der von mir so geliebten Bäckereien. Hier „Bageri“ geschrieben und „Bäjerie“ ausgesprochen. Die Dänen verwenden sehr gerne Staffelpreise. Bereits bei drei Stück Kuchen gibt es Rabatt. Na, dann muss ich halt zwei Stück essen und die Frau bekommt eines. So ist das, wenn man sparen möchte. Da muss ich auch schon mal Opfer bringen.

Auf einer halbwegs windstillen Bank mit traumhaftem Blick auf die Flensburger Förde wird kaffeesiert. Ein auf Radtouren nicht weg zu denkendes Ritual.

Bei Aufbruch sticht mich eine Wespe am Knöchel. Der schwillt in den nächsten Tagen ganz schön an, schmerzt aber – abgesehen von den ersten Stunden – nicht besonders. Während ich aufgrund des Stiches immer wieder in mich hinein horche, pflückt meine Frau am Wegesrand die Brombeeren von den Sträuchern und freut sich wie ein Schnitzel über ihre Ausbeute.

In Fynshav gilt es, die erste Fährfahrt auf der dänischen Ostseeküstenroute anzutreten. Am Fähranleger verbummeln wir die eineinhalb Stunden Wartezeit. Zwischendurch fängt es an zu regnen. Während wir uns unterstellen, sitzt eine sehr beleibte Frau auf einer ungeschützten Bank und verzehrt eine riesige Bratwurst.

Sowohl im Fahrkartenhäuschen als auch davor gibt es genügend Möglichkeiten, sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Doch die Frau bleibt wie ein massiger Fels in der Brandung sitzen und wird nass. Ununterbrochen setzt sie ihre Nahrungsaufnahme fort. Es macht den Eindruck, als wenn sie dabei den Regen gar nicht bemerkt. Ein faszinierendes Schauspiel, jemanden so in einer Tätigkeit versinken zu sehen, dass er scheinbar alles herum unbeachtet lässt oder gar nicht mehr wahrnimmt. Und nach zehn Minuten hört es ja auch wieder auf zu regnen. Wieder ein paar unnütze Meter und Kalorien gespart.

Die Fähre zur Insel Ærø legt an und mit Mund- und Nasenschutz – der in Dänemark scheinbar nur auf oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zu tragen ist – rollen wir auf die Fähre. Für Fußgänger und Radfahrer kostet die Fähre nichts. Lediglich eine vorherige Online-Anmeldung ist notwendig. Das lobe ich mir!

Während der knapp eine Stunde dauernden Überfahrt bekommen wir ein wahres Naturschaupsiel zu sehen. Ein schneller Wechsel von Wolken, Sonne und Regen. Über der Insel Ærø, die zur Hälfte von der Sonne beschienen und der anderen Hälfte beregnet wird, bildet sich ein kräftiger und toll anzuschauender Regenbogen. Und in der Ferne ist eine Regenwolke in ihrer Gänze zu sehen, umgeben von einem wunderbar blauen Himmel. Wie toll unser Schöpfer diese Dinge gemacht hat!

Eine Besonderheit Dänemarks sind die sogenannten Shelterplätze. Auf diesen stehen oftmals kleine Hütten, die etwas höher gelegt und zu einer Seite offen sind. In diese kann man sich mit Isomatte und Schlafsack hinein legen. Alternativ ist oft auch das Aufschlagen des Zeltes erlaubt. Es gibt sowohl öffentliche und für jedermann und -frau zugängliche Plätze als auch privat betriebene, die gegen eine kleine Gebühr genutzt werden dürfen. In der Regel 30 DKK (4 €) pro Person und Nacht.

Die Fähre legt auf Ærø im Örtchen Søby an. Gegenüber vom Friedhof befindet sich solch eine private Wiese hinter einer großen Scheune mit Leihrädern. Wir klingeln bei einer älteren Dame, bezahlen 60 DKK und schlagen unser Zelt auf dem idyllischen Stück Grün auf. Es gibt einen Wasserhahn und auch ein stilles Örtchen. Welch finanzielle Wohltat, nachdem wir auf dem gestrigen Campingplatz vom Betreiber mehr oder weniger „ausgeraubt“ wurden.

Wir sind die einzigen Gäste auf der Wiese und genießen den Abend. Was das Mitschleppen von Gepäck auf dem Rad anbelangt, ist es dieses Mal eskaliert. Während ich bei meiner Bikepacking Trans Germany Tour und auch dem Fahren des ein oder anderen Orbits im Anschluss auf jedes Gramm am Rad peinlich geachtet habe, stecken nun in einer meiner Satteltaschen zwei zusammen gefaltete Campingstühle und ein Campingtisch. Mit der Frau auf dem Rad unterwegs zu sein, ist der erste Schritt in Richtung Verweichlichung und Dekadenz. Wie ein kleiner König versinke ich in meinem Campingsitz und schlürfe mit abgespreiztem, kleinen Finger den verspäteten Fünf-Uhr-Tee, während Wolken über unser herrschaftliches Anwesen ziehen.

Dänischer Ostseeküstenradweg – Tag 2: