Ostseeküstenradweg – I.

Im letzten Jahr haben die Dame des Hauses und ich eine 3-tägige Testfahrt mit Rädern und Zelt im Cuxland unternommen. Aufgrund der durchaus als gut zu bezeichnenden Erfahrung beschließen wir, eine etwas längere Radtour zu unternehmen.

Auf dem dänischen Ostseeküsten Radweg soll es durch das im Südosten gelegene Gebiet gehen, dass hierzulande als Dänische Südsee bekannt ist und in Dänemark als Sydfynske Øhav, also als südfünisches Inselmeer bezeichnet wird. Start- und zugleich Endpunkt unserer Tour soll Flensburg sein.

Die Zugtickets sind schon seit längerem gebucht. Nach einer Hitzewelle verspricht der Wetterbericht Abkühlung, aber auch sehr durchwachsenes Wetter mit viel Regen und Wind. Noch am Vorabend unseres geplanten Starts hardern wir, ob wir es überhaupt wagen wollen. Die Wetterprognose verheißt für die nächsten 10 Tage nicht viel Gutes. Letztlich beschließen wir, es einfach darauf ankommen zu lassen und am Freitag Morgen in den Zug zu steigen und zu hoffen, dass der Wetterbericht mal wieder dramatisiert.

Bei Regen und mit gemischten Gefühlen entern wir mit unseren schwer bepackten Rädern den Zug in Bremerhaven und nach einer sich endlos anfühlenden Zugfahrt inklusive Maskenpflicht wuppen wir die Drahtesel bei Sonnenschein in Flensburg aus dem Waggon.

Die Frau meines Herzens steuert zielsicher auf einen Rossmann in der Flensburger Innenstadt zu, denn einen solchen suchte sie bereits auf dem Hamburger Bahnhof vergeblich. Anschließend kurz zu Deichmann und einen Abstecher zu Aldi und Lidl. Warum nicht nur zu Aldi und noch einen Umweg zu Lidl? Der dringend benötigte Pfefferminztee soll bei irgendeinem Qualitäts-Test viel besser abgeschnitten haben als der vom Aldi. Vielleicht ist diese Information für den einen oder die andere auch von Wert.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ich noch in Flensburg an einer Tankstelle genötigt bin, den Mantel des Hinterrades meiner Frau zu wechseln. Dieser hat eine deutliche Unwucht und lässt sich trotz gut zureden nicht dazu bewegen, rund zu laufen. Also schnell in den nächsten Fahrradshop und einen dieser sackschweren, dafür angeblich unkaputtbaren Marathon Plus Mäntel gekauft, aufgezogen und mit 5 Bar auf Hochdruck gebracht.

Hinter Wassersleben liegt einer der kleinsten Grenzübergänge Europas: die Schusterkate. Dieser kann ausschließlich von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden. Merkwürdigerweise steht dort ein Radfahrer verboten Schild und die Grenze ist liebevoll mit einem rot-weißen Flatterband verschlossen. Wir nähern uns dennoch vorsichtig der kleinen nach Dänemark führenden Holzbrücke an. Man kann ja mal gucken. Unter uns gleitet auf dem Wasser eine Frau in einem Kanu.

Sie sagt mit dänischem Akzent: „Einfach Durchschneiden.”  

Meine Frau bemerkt: „Ja, genau. Einfach ignorieren.“

„Ja. Ignorieren„, wird ihr bestätigt.

Wir müssen annehmen, dass es sich bei der Dame um eine dänische Grenzbeamtin auf Kanu-Patrouille handeln muss. Es wäre wohl nicht rechtens, ihren unmissverständlichen Befehl zu missachten. Schnell zücke ich mein Messer, schneide das Band durch und wir passieren die Grenze. Nicht, dass wir noch Ärger mit der Dame bekommen.

Zur Rechten liegt die Flensburger Förde. Man könnte nun meinen, der Radweg habe flach zu sein, wenn er doch am Wasser verläuft. Doch weit gefehlt. Die erste Steigung mit mehr als 10 Prozent ist schnell erreicht und wir müssen schieben.

Da sich der Tag bereits dem Ende neigt, erwählen wir nach ganzen 16 Kilometern einen Campingplatz in Kollund zum Nachtlager. Ich möchte ja nicht immer über Geld reden, kann es aber aus gegebenem Anlass doch nicht lassen. Denn spätestens jetzt wird uns bewusst, in Dänemark angekommen zu sein. Eine Übernachtung für zwei Personen in einem selbst aufzubauenden Zelt schlägt mit 268 Dänischen Kronen bzw. 36 € zu Buche. Und damit wird dem Campingplatz in Kollund die zweifelhafte Ehre zu teil, das bisher teuerste von mir besuchte Camping-Domizil gewesen zu sein. 

Wenigstens bietet der Platz dafür überdachte Sitzbänke und Tische. Die brauchen wir dann auch. Denn nach einem abendlichen Abstecher ans Wasser, wechselt das Wetter binnen kürzester Zeit und überrascht uns mit einem kräftigen Schauer. Wir treten die Flucht zum Platz an und sind froh, uns und die Räder unterstellen zu können, um im Trockenen zu essen.

Die Abendsonne lässt sich nochmal blicken und färbt die über uns hinweg ziehenden Wolken in verschiedenste Rot- und Rosatöne. Wir verkriechen uns in unser kleines Zelt und sanfter Regen plätschert über unseren Köpfen auf das Zeltdach.

Hinweis: Bei der Überquerung der Dänisch-Deutschen Grenze mag die Fantasie des Autors mit ihm durchgegangen sein. Nicht das noch jemand vermutet, wir würden rot-weiße Grenzbänder verletzen oder irgendwo irgendwie illegal einreisen. Meine Texte enthalten mitunter Spuren von Ironie und Satire.

Dänischer Ostseeküstenradweg – Tag 1: