Ostseeküstenradweg VI.

Auch wenn es gegen jede Wahrscheinlichkeit ist: wir erwachen auch an unserem 5. Morgen in Dänemark und sind demnach lebendig und wurden in der Nacht zuvor nicht ermordet. Wieder mal Glück gehabt!

Meine liebe Frau deutete bereits gestern an, dass ihr ein etwas ruhigerer Tag mit weniger Kilometern entgegen käme. Ich freue mich über ihre Anregung, denn auch bei mir machen sich nach bisher 270 Kilometern erste Erschöpfungserscheinungen bemerkbar. Nur wollte ich meine Schwäche nicht offen zeigen und habe weiter den starken Mann und unerschrockenen Radfahrer markiert. Nun denn, heute werden wir bereits nach 24 Kilometern Schluss machen und uns einen Ruhetag gönnen.

Nach einem kräftigen Frühstück radeln wir mit Musik auf den Ohren – dieses Mal Pop aus den 80ern – bis in das Hafenstädtchen Kalvehave, um uns im LokalBrugsen mit Lebensmitteln einzudecken. Später wird sich heraus stellen, dass das Gebäck aus der kleinen, unscheinbaren Auslage mit Backwaren über jeden Zweifel erhaben ist.

Während unseres Einkaufes in dem Tante-Emma-Laden zieht der Himmel dramatisch schnell zu. Alles ist plötzlich Grau in Grau und bei einer wirklich steifen Brise radeln wir über die Dronning Alexandrines Bro – die Königin Alexandria Brücke. 1943 eröffnet, 745 Meter lang, bis zu 26 Meter hoch und einfach schön.

Diese an sich ungemütliche Überfahrt ist mein persönliches Tages Highlight. Der starke Wind, die grauen Wolkenmassen, unter uns der in die Steger Bucht führende und aufgewühlte Ulvsund (Wolfs-Sund) und feine Gischt im Gesicht. Einfach Naturgewalten spüren. Meine Frau kämpft gegen Steigung und Wind und ich genieße den Moment.

Die Brücke führt uns auf die Insel Møn. Nur wenige hundert Meter hinter der Brücke liegt auch schon die Einfahrt zum Campingplatz.
Wir checken ein. Dieses Mal sind nur 200 DKK (26,50 €) zu löhnen. Auf Møn hat man sich noch einen Rest Anstand bewahrt und raubt scheinbar nicht jeden deutschen Touristen hemmungslos aus.

Der Regen wird nun deutlich stärker und wir flüchten in die Gemeinschaftsküche des Platzes, um zu verschnaufen und Kaffee zu trinken. Wieder treffen wir auf ein deutsches Radlerpärchen. Sie wollen noch weiter und suchen nur kurz Unterschlupf, um nicht völlig durch zu nässen. Einen Kocher und Kaffee haben sie – wie das Pärchen von gestern – nicht dabei. Vor allem die Frau freut sich richtig, bei uns ein wenig von dem flüssigen Kaffee-Gold schnorren zu können.

Den Rest des Tages verbummeln wir dann in aller Ruhe und Gelassenheit auf dem Platz. Zum Abend hin schlendern wir frisch geduscht ans Meer, setzen uns in die wieder scheinende Abendsonne und lassen unsere Füße vom Ostseewasser umspielen. Was für ein toller Anblick auf Brücke, Segler und Wasser! Das ist nun der sechste Tag in Folge, an welchem wir uns sagen können:

„Gut, dass wir nicht zu Hause geblieben sind. Ist doch schön hier.“

Und damit die beste Ehefrau von allen auch beruhigt einschlafen kann, erwähne ich besser nicht, dass es morgen auf Møn bis zur am anderen Ende der Insel liegenden Steilküste nochmal richtig hügelig werden wird.