Ostseeküstenradweg – IV.

Wir werden vom Geräusch sanften Regens geweckt. Meine liebe Frau lag die Nacht wohl mehr wach als das sie geschlafen hat. Die Angst vor Mördern.

Wir beschließen, beim ersten Bäcker in Nyborg zu frühstücken. Während wir uns der Innenstadt nähern, sehen wir einen großen und hinter Mauern und Stacheldrahtzäunen liegenden Gebäudekomplex.

Was ist das? Doch nicht etwa ein Gefängnis? Doch, das ist es. Wir blicken auf das Nyborg Fængsel. Auf Google ist es mit einem Schnitt von 3,7 von 5 Sternen benotet. Ein gewisser Svend R. sagt in einer der Rezensionen, dass das Gefängnis „nicht gut“ sei. Sein „Freund „säße darin, aber er hat ein Telefon, so dass er mich anruft und sagt, wenn ich ihm Hash bringen muss“. Spricht ja eher dafür, dass es vielleicht doch nicht so schlecht ist. Kommunikationsmöglichkeiten sind vorhanden und die… äh… Medikamentenversorgung klappt offenbar.

Das Nyborger Gefängnis soll Platz für 312 Insassen bieten. Und hat 225 Beschäftigte, davon 140 Betreuer, also Gefängniswärter. Überleg doch mal: in welchem Luxushotel dieser Welt hast du so ein tolles Gäste-/ Betreuerverhältnis? Es gibt sogar zwei Besuchswohnungen, in welchen die Familie des Insassen sich für bis zu 48 Stunden herum treiben können. Und kein Witz: auf der Homepage des Nyborger Gefängnisses heißt es: „Gefängnisbeamte laden die Kinder der Insassen mehrmals im Jahr zu Veranstaltungen ein, z.B. für einen Backtag, eine Weihnachtsbaumparty oder dergleichen.“

Ja, ich lenke ab. Das einzige, was meine Frau beim Anblick des Gefängnisses sagt, ist:

„Aha. Mörder gibt es hier in Dänemark also nicht. Und warum steht hier ein Riesen Gefängnis? Ganz schön groß der Kasten, oder? Kannst du mir das erklären?“

„Öhh… ich vermute Abschreckung? Steht wahrscheinlich leer.“

„Aha. Und das soll ich glauben?“

Ich denke „Nee“, sage aber: „Jetzt links, Schatz. Da müsste auch gleich der Bäcker sein. Hm… hast du auch schon Hunger?

Ist aber schon merkwürdig, dass das Gefängnis in Nyborg 312 Plätze bei einer Einwohnerzahl der Stadt von gerade mal 17.000 hat, während die Bremerhavener Justizvollzugsanstalt nur 101 Plätze aufweist bei knapp 114.000 Einwohnern.

Egal, ich habe auch Hunger. Ab in den Bäcker. Mit Lachs, Avocado und was weiß ich noch belegte Sandwiches. Ein Träumchen. Und noch mehr Kaffee. Und so schön warm. Wenn nur nicht die dänischen Preise wären. Zum kriminell werden.

Nach unserer Frühstückspause kommt die Sonne raus. Wir radeln bis zum Bahnhof, denn ab Nyborg verlässt der Ostseeküsten Radweg die Insel Fünen und setzt nach Sjælland (Seeland) über. Leider ist es nicht erlaubt, mit Rädern die 18 km lange Storebælt Brücke über den Großen Belt Dänemarks zu benutzen. Die ist ausschließlich den doofen Autos vorbehalten und demnach ein Fall von Minderheiten Diskriminierung. Wir müssen daher den Zug nehmen.

Es fährt lediglich ein  dänischer IC. Fahrräder sind demnach ähnlich wie in Good old Germany zu reservieren. Das geht aber nicht am im Bahnhof stehendem Fahrkartenautomaten, sondern nur telefonisch bei der Dänischen Bahn. Also einen dänischen Mitarbeiter anrufen, bei schlechter Verbindung unser Anliegen auf Englisch schildern, eine Zahlen-/ Buchstabenkombination gesagt bekommen, diese am Automaten in die Bildschirmtastatur hacken, die Fahrkarten drucken, die Treppe zum Bahnsteig mit den sackschweren Rädern hoch hechten und unseren Zug um eine Minute verpassen. Okay, das lief auch schon mal besser.

Da unsere Karten 332 DKK (44,60 €) gekostet haben und zwar für genau eine Station – von Nyborg nach Korsør – das sind in Kilometern irgendwas bei 25 und in Minuten ganze 11, stiefeln wir sicher nicht noch einmal zum Automaten runter und rufen bei der Bahn an, um uns überteuerte Karten für die kürzeste Zugfahrt unseres Lebens zu kaufen, sondern nehmen einfach den nächsten IC zwanzig Minuten später, stellen uns in den Gang, warten dort die 11 Fahrtminuten und steigen in Korsør unschuldig guckend wieder aus und fertig.

Wer braucht für so ein kurzes Stück schon reservierte Fahrrad- und Sitzplätze? Bis man sein Rad irgendwo eingehängt hat, kann man es auch gleich wieder aushängen.

Diese Zugfahrt ist bereits unser zweiter Rekord in dänischen Landen. Nach der teuersten ersten jemals auf einem Campingplatz verbrachten Nacht war dies die im Verhältnis zur Streckenlänge die mit Abstand teuerste Zugfahrt. Und dann auch noch im falschen Zug. Es ist zum kriminell werden.

Ab Korsør strampeln wir bis Skælskør, ein am Noret Fjord liegendem Städtchen. Der direkt am Wasser stehende Fischimbiss hat bereits geschlossen. Die Sommer Saison neigt sich in Dänemark wohl bereits dem Ende zu. Wir nutzen dennoch die windgeschützten Stühle und Bänke am Wasser und machen Pause. Bei Sonnenschein sitzen wir im T-Shirt in den Stühlen und schauen auf die funkelnde Wasseroberfläche. Die Möwen stürzen sich gierig auf die von einem Dänen hin gekippten Fischabfälle und der Geruch von Seetang liegt in der Luft. Wer hätte gedacht, dass sich der Tag nach einem ungemütlichen Start so prächtig entwickelt?

Mit immer mal wieder Blick auf Fjorde und Ostseeküste geht es bis Bisserup. Nach einer kleinen Schleife ins Landesinnere machen wir auf einem geschotterten Weg einen nochmaligen Abstecher bis an die Küste und finden einen öffentlichen Shelter- und Zeltplatz inklusive Toilette und Außendusche am Strand.

Meine Frau prüft strengen Blickes die örtlichen Gegebenheiten und schlussfolgert, dass wir hier nicht bleiben sollten. Zu öffentlich, zu ungepflegt und zu viel los. Denn hier und da geht jemand mit dem Hund spazieren oder nimmt ein abendliches Ostseebad. Ich bin froh, dass meine bessere Hälfte einen geschulten Blick für das Detail hat. Ich hätte mal wieder völlig unbedarft das Zelt aufgebaut.

Nach einem Ostseebad steuern wir den nächsten privaten, aber eben nicht öffentlichen Zeltplatz an. Der liegt ein paar Kilometer weiter direkt an der Route und befindet sich auf dem traumhaft schönen Gelände einer ehemaligen Gärtnerei.

Ein älterer Herr begrüßt uns freundlich und beantwortet unsere Anfrage bei ihm zu campen auf Deutsch:

„Dreißig Kronen für jede Nase und jede Nacht.“

Wir scheinen wieder die einzigen Gäste zu sein und freuen uns sehr, die Sitzgelegenheiten im ehemaligen Gewächshaus für unser Abendessen nutzen zu können. Die Sonne hat das große Drivhus (Gewächshaus) über den Tag angenehm aufgeheizt und an den nach oben gekrümmten Wänden wachsen helle und dunkle Weintrauben, reif um von uns gepflückt zu werden. Außerdem gibt es eine Spüle, Strom und sogar Gas zum Kochen.

Gut, dass ich auf die beste Ehefrau von allen gehört habe. Toller Tag, toller Abschluss und eine ruhige Nacht.