Orbit360 – Schleswig-Holstein – der „echte Norden“?

Selbst gesteckte Zielvorgabe für die Orbit360-Serie waren drei erfolgreich abgeschlossene Orbis. Den Orbit Bremen und Hamburg habe ich im Sack und den Orbit Schleswig-Holstein möchte ich heute eintüten.  

Näher lege zwar der Orbit Niedersachsen. Doch die bisherigen Berichte haben mich nicht sonderlich ermutigt, während Schleswig-Holstein mehr oder weniger als Hochgeschwindkeitstrasse verortet wird, auf welcher der größte Feind aufkommende Langeweile sein könnte.

Im Henstedt-Ulzburg stelle ich kurz nach Sechs in der Früh den Wagen ab, baue das vordere Laufrad ein und rolle müde auf den Orbit.

Hier befindet sich die Alsterquelle. Bereits 1908 schrieb ein Dichter, dass jeder „in Hamburg Geborene verpflichtet sein müsste, wenigstens einmal in seinem Leben hinzugehen, um dort seine tiefe Verbeugung zu machen vor der heiligen Quelle, der die Republik ihren schönsten Schmuck zu danken hat.“

In Hamburg bin ich nicht geboren, verbeuge mich aber dennoch und nehme zur Stärkung einen tiefen Schluck aus der moorig anmutenden Alsterquelle.

In Richtung Nord-Osten führt der Track zunächst bis Bad Segeberg und anschließend nach Eutin. Der Himmel grau, ein leichter Wind von hinten und ab und an ein wenig Regen. Ich bin für meine Verhältnisse flott unterwegs. Die dröge Schleswig-Holsteinische Landschaft fliegt an mir vorbei und hinterlässt zunächst keinen bleibenden Eindruck. Nicht selten wird auf Asphalt gefahren und oft muss ich mir den Platz mit den Autos teilen. Ist das der „echte Norden“, wie es auf einem Schild an der Autobahn stand?

Doch so trüb Landschaft und Wetter auch sind: ich komme gut voran und das stimmt mich fröhlich.

Hinter Eutin wird mir dann aber doch klar, dass das nicht mein Tempo ist. Zumindest werde ich körperlich nicht in der Lage sein, so weiter zu fahren. Vom kompetitiven Gedanken, welcher natürlich auch, aber nicht nur hinter solch einer Renn-Serie steht, muss ich mich verabschieden. Obwohl ich von Anfang an ohnehin gar nicht vor hatte, auf Zeit zu fahren. Mein einziges Ziel war, einfach anzukommen. Wahrscheinlich hat mir die durch so eine Veranstaltung entstehende Gruppendynamik ein Schnippchen geschlagen und ich war für zwei oder drei Stunden tatsächlich der Meinung, ich könnte einen Orbit im Race-Modus durchziehen.

Nun stehe ich also auf dem Bungsberg – der mit immerhin 168 Metern höchsten Erhebung Schleswig-Holsteins – gucke auf das Land hinunter und weiß, das ich ab jetzt wieder mein Bummeltempo fahren und ausreichend Verpflegungspausen machen werde. Nur diese ollen Energieriegel sind mir nichts. In Neustadt werde ich mich erstmal ordentlich verprovianten und auf irgendeiner Bank pausieren.

Kein Grund, mich zu grämen. Ich kann froh sein und bin es auch, erstmalig überhaupt solche Strecken am Stück hinter mich gebracht zu haben. In diesen Momenten spukt mir immer mal wieder die Bemerkung aus meinem Zeugnis aus der 9. Klasse herum:

„Björn trug gegenüber den Anforderungen des Faches Sport demonstrative Gleichgültigkeit zur Schau.“

Und dafür schlage ich mich gut.  

Passend zu meinem Stimmungswandel lässt sich die Sonne blicken. Die Landschaft wird sogleich attraktiver. Gut gelaunt rolle ich im Ostseeküsten-Hinterland bis Niendorf. Und dann endlich liegt die Ostsee vor mir. Vitamin Sea. Kann man vom Anblick des Meeres genug bekommen?

Oberhalb der Steilküste klingel ich mich langsam zuckelnd durch all die Fußgänger und Radler bis Travemünde. Es wird immer voller und auf der Hafenmeile in Travemünde herrscht Volksfeststimmung.

Erstmal „legnern“. Also Kaffee und Kuchen inhalieren. „Wat mutt, dat mutt“, sagt man hier im Norden.

Einen Tisch weiter unterhalten sich drei Männer über Fußball. Der mit dem grauselig sitzendem Langhaartoupet und einem schwarz gefärbten Schnauzer erinnert mich an einen Hamburger Luden. An diesen Stullen-Andi aus „Der letzte Lude“. Er liefert jedenfalls die Fußball-Stichworte, wobei er sich immer wieder den Bart zwirbelt und die anderen beiden pflichten ihm nachdrücklich bei. 

Am Dummersdorfer Ufer rollt es an der Trave mit etwas Wind von vorne entlang. In Lübeck darf der Blick auf das Holsten-Tor nicht fehlen, um anschließend am Elbe-Lübeck-Kanals bis Moisling zu gelangen und ab dort wieder dem Verlauf der Trave zu folgen. Hier und da erblicke ich auf den Hanseatenweg hinweisende Aufkleber: eine weiße Hansekogge auf schwarzem Grund. Stichwort Hanse-Gravel. Hätte ich Aufkleber von Johanna Jahnkes Wundersamer Fahrradwelt dabei, hätte ich wohl auch ein paar verklebt.

Es geht durch Rheinfeld und Bad Oldesloe. Ein letzter ausgedehnter Verpflegungsstop beim Mendo-Grill. Der Inhaber meint mit Blick auf mein Rad, der Sattel sei nicht gut für meine Hämorriden. Frage mich, woher er das bloß weiß?

Es ist bereits halb Zehn und die Sonne geht langsam unter. Rennende Rehe im hohen Gras gold leuchtender Felder.

Über Wiesen und durch Naturschutzgebiet führt der Orbit bis Sülfeld, um dort nochmal eine ganz wunderbare Schleife im Gelände zu machen. Im Wald ist es bereits duster und ich sehe einige Male leuchtende Tieraugen im Lichtkegel meines Scheinwerfers. Immer wieder Rehe. Einen Dachs. Und auch eine geschickt über meinem Kopf ausweichende Fledermaus in einer Straßenunterführung.  

Während ich langsam aber stetig vor mich hintrete und dabei über ausgedehnte Wurzelteppiche und Steine hüpfe, telefoniere ich ganze zwei Stunden mit der besten Ehefrau von allen. Das Freisprechen mit den Bluetooth Kopfhörern funktioniert wunderprächtig.

Die Abstände, in denen ich mir die Rest-Kilometer auf dem Navi anzeigen lasse, werden nun kürzer. Ich bin erschöpft und der Poppes war auch schon frischer. Noch 15 Kilometer bis zum Auto. Ich schlage mich mit Green Hornet durch nasses hohes Gras. Die Luft ist merklich abgekühlt und Nebelschwaden wabern im Lichtstrahl meiner Lampe übers Land.

Auf den letzten Kilometern setzt wieder Euphorie ein. Und geschafft. Es ist halb zwei und ich verlade das Rad im Kofferraum. Jetzt noch gute zwei Stunden Autofahrt. Nur unterbrochen von einem prächtigem McDonalds Menu und 20 Minuten Powernapping.

Ist Schleswig-Holstein nun tatsächlich der „echte Norden“? Keine Ahnung. Ich habe zumindest heute festgestellt, dass nicht alles im Norden fach ist. Lange Steigungen gab es nicht, aber es hügelt sich deutlich mehr durch die Landschaft als bei mir an der Nordseeküste.  

Eines ist aber sicher: mir hat der Orbit Schleswig-Holstein wie schon die beiden Orbits zuvor, Spaß gemacht. Ein großes Dankeschön an den oder die Scouts des Tracks!

Mein selbst gestecktes Ziel habe ich erreicht. Dreimal bin ich der Umlaufbahn eines Orbits gefolgt. Einmal in Hamburg „abgestürzt“, aber nicht aufgegeben. Doch nach der Pflicht kommt bekanntlich die Kür. Ob ich einen weiteren Orbit angehe? Sehr gut möglich…

Daten des Orbit 360 Schleswig-Holstein (offiziell):  

  • 276km
  • 1490hm
  • Gravel: 53%
  • Asphalt: 32%
  • Singletrack: 15%
  • Rideable Time: 99%

Daten meines Navis:  

  • 278 km
  • Ø 18,1 km/h
  • 1980hm
  • Fahrtzeit: 15h 19m
  • Gesamtzeit: 18h 58m

Daten meiner Sportuhr:  

  • 282km
  • 1.825hm
  • 11.404 kcal verbrannt

  Und sonst:

  • Apidura Racing Handlebar Pack wurden zuvor auf Garantie wegen Defekt des Reißverschlusses getauscht.
  • Bombtrack Sattel wieder durch den Brooks B17 ersetzt. Einfach bequemer.
  • Hintere Reifen (tubeless) hat zum Ende hin Luft gelassen. Einmal nachgepumpt und gut war.