Orbit360 „Hamburg, meine Perle“
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Halb drei in der Nacht ist nicht meine Zeit. Doch gegen Fünf möchte ich in Hamburg auf dem Orbit sein. Damit zumindest die theoretische Chance besteht, das Ding bei Tageslicht runter zu rocken.  

213 km lang ist der Orbit in der Hansestadt Hamburg, dem Tor zur Welt. Und demnach deutlich kürzer als der zuvor gefahrene Orbit Bremen. In Johanna Jahnkes neuester Podcastfolge („Die wundersame Fahrradwelt“ – Orbit360 Spezial) höre ich, dass der Hamburger Orbit ein echtes Brett sein soll. Von holprigen Pisten und breiten Reifen bis 55mm wird gesprochen. Gravel ist wohl nur der zur Erholung  dienende Teil der Strecke, ansonsten scheint auch ein Mountainbike durchaus angeraten. Da will ich doch mal sehen, ob ich mit meiner 45er Bereifung über die wahrscheinlich vom Regen der letzten Tage zermatschten Wege komme.

Bis Hamburg habe ich einen Chauffeur. Meine Tochter fährt mich. Ich habe um Viertel vor Drei gerade meinen netzartigen Baselayer und die Bib Shorts angezogen, da sagt sie:   „Ich weiß nicht, ob ich das so sehen sollte.“   Und einen Moment später trudelt mein leicht angesäuselter Sohn durch die Haustür und bemerkt lapidar:   „Die Deutschen und ihre Funktionskleidung. Oder meinst du, wenn jemand in Nigeria Rad fährt, zieht der sich auch so an?“   Und ich denke: „Der durchschnittliche Nigerianer könnte es sich Figurtechnisch wenigstens leisten. Ich schaue in Lycra wie eine Pflaume im Speckmantel aus.“  

Um Halb Sechs wird in Hamburg das Vorderrad montiert und mit Blick auf die Elbe starte ich am Museumshafen Ovelgönne den Orbit360 Hamburg.   Ob es richtig ist, dass der erste Abschnitt über den Elbstrand führt? Muss wohl so sein. Nach den ersten 5 Meter rutsche ich zur Seite weg und liege im Sand. Zwei Schlepper glitschen (Hamburgerisch: gleiten) übers Wasser. Was sollen die bloß denken? Zu blöd, um auf dem Weg ein paar Meter weiter zu fahren. Ich stehe schnell auf, sonst halten die mich noch für einen in die Elbe verirrten und gestrandeten Schweinswal und überkippen mich mit Wasser.

Im Jenischpark und kurz darauf im Waldpark Falkenstein ist es angenehm leer. Bis auf ein paar Hamburger Lüd mit ihren inkontinenten Hunden ist noch niemand unterwegs. Unter dem Blätterdach des Waldes verliert sich immer mal wieder mein GPS-Signal. Ich bin entweder rechts oder links vom Track und muss an jeder Weggabelung raten, wo es hin gehen soll. Nach der zwanzigsten Kehrtwendung werd´ich ganz tüddelig und kann nur hoffen, dass mir nicht eine Zeitstrafe nach der anderen von der Orbit-Rennleitung aufgebrummt wird. Wobei meine Zeit auch ohne Zeitstrafe eher unter ferner liefen einzuordnen sein wird.

Aus dem Schnakenmoor kommend, geht es nach Osten bis Stellingen. Zeit für ein Frühstück beim Schanzenbäcker. Am Nachbarstisch unterhalten sich vier offenbar aus Süddeutschland stammende Männer. Wobei der Dickste von ihnen das Gespräch dominiert. Er weiß scheinbar viel und hat zu jedem Thema eine als Tatsache formulierte Meinung, die es den anderen aufzudrücken gilt. Neben ihm sitzt sein ihm wie aus dem fülligen Gesicht geschnittener Sohn. Er versucht es dem Papa gleich zu tun und haut in Abständen auch die ein oder andere Parole raus. Doch er hat noch zu lernen. Die gewaltige Präsenz seines alten Herrn erreicht er noch nicht.  

Am Flughafen Hamburg ist tote Hose und in einer Kleingärtnervereinsanlage sind zwei Muttis ärgerlich, dass sie ihre Zierhündchen wegen mir an die Leine nehmen müsse. Ich habe Stöpsel in den Ohren und höre sie nicht, sehe aber an ihren Gesichtern, dass mir kein netter Gruß entgegen geworfen wird. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, möglichst zeitig zu klingeln, freundlich zu grüßen und mich artig, aber nicht ironisch, zu bedanken. Können wir uns nicht alle einfach lieb haben?  

Obwohl der Orbit Hamburg viel durch die Stadt geht, bin ich erstaunt, durch wie viel Grün ich rolle. Immer wieder Parks, Wald, Felder und Wiesen. Mal passiert eine Ratte meinen Weg, ein andern Mal duftet es herrlich nach Pferdekoppel.   

Nach einem Regenschauer und wieder hervor lukender Sonne gelüstet es mich bei Tonndorf nach Kaffee und Kuchen. Auch ein Vorteil eines städtischen Parcours – der nächste Bäcker ist nie weit!  

Bis auf zwei, drei gelegentliche Schauer hält sich das Wetter. Einige Wege sind nun zwar noch einen Tick matschiger, doch andererseits ist es nach etwas Regen immer wieder herrlich, den in der Sonne dampfenden Asphalt zu sehen.   Hinter Boberger Niederung und Billwerder Bucht nähert sich der Track nochmalig Centrum und Hafen City.  Am Billhafen Löschplatz spielt mir das Navi mal wieder einen Streich. Oder führt der Orbit wirklich bis an die Spitze der kleinen Landzunge?

Über die Neue Elbbrücke rolle ich rüber in den zwischen Autobahn, Elbe und Bahngleisen liegenden, ehemaligen Stadtarbeiterteil Veddel.  Angeblich soll das Durchschnittseinkommen hier bei unter 15.000 € im Jahr liegen. Daher staune ich über all die jungen Leute unter Dreißig, die in ihren recht neuen und aufgemotzten Kisten inklusive M-Paket oder AMG Schriftzug an mir vorbei blubbern.

Nach einer Portion Nudeln Arabische Art komme ich „auf der Veddel“ auch an einer vergoldeten Hausfassade vorbei. Soll 85.000 € gekostet haben. Toll, dass die Kulturbehörde hier so viel investiert hat. Und Gold passt ja auch gut zu den Einwohnern Veddels und ihren glänzenden Keskin-Felgen.

150 km sind bewältigt. Erste Erschöpfungserscheinungen machen sich breit. Ich strecke in der Auenlandschaft Norderelbe auf dem Boden liegend alle Viere von mir und bestaune die langsam am Himmel vorbei ziehenden Wolken. Das wirkt geradezu hypnotisierend.

Bevor es in die Harburger Berge geht, ein Eis und eine letzte Cola in Heimfeld zur Stärkung. Was jetzt kommt, damit habe ich in diesem Ausmaß nicht mehr gerechnet. Bis hier lief alles geschmeidig.

Doch die Harburger Berge mit ihren Anstiegen, Abfahrten, Gegenanstiegen, dem nassen Waldboden, Steine und Wurzelwerk ziehen mir auf den nächsten 30 Kilometern den Stecker. Ich erinnere mich an das Interview aus der Podcastfolge von Johanna Jahnke mit Bengt Stiller, einem der Köpfe hinter Deutschlands erster Gravel-Serie:   „Hamburg ist ein Brett“.   

Apropos Bengt: er berichtet, dass er auf dem Orbit in den Harburger Bergen seine mit Aufklebern versehene Metallflasche verloren hat. Und er würde sich freuen, die von einem Orbiter wieder zurück zu bekommen. Und was sehen meine ermüdeten Augen? Eine Metallflasche mit Stickern. Hätte ich normalerweise liegen gelassen. Schließlich ist mein Rad Green Hornet praktisch immer kurz vor der Überladung. Doch so freue ich mich für Bengt und drücke die Buddel ins Gepäck.  

Ich holper und polter weiter über verblockte Trails. Ich schiebe aufwärts, ich schiebe abwärts. Allerdings nicht oft genug. Auf einer besonders steilen Abfahrt werden mir mein Übermut und der vom Regen ausgewaschene Untergrund zum Verhängnis. Einer der Absätze ist für mein fahrerisches Unvermögen zu hoch. Ich versuche noch runter zu bremsen, weiß aber sofort, dass das nichts mehr wird und steige über den Lenker ab. Jetzt tun mir auch noch Knie, Becken und Schulter weh.

So schön auf dem ein oder anderen Berggipfel das Abendlicht auch scheint und die Heidelandschaft verzückt. Bei mir „is nu daddeldu“ (Hamburgerisch: es reicht). Nach so einem Sturz mutiere ich erstmal wieder zu einem „Bangbüx“ (Hamburgerisch: Angsthase). Und ich will endlich am Auto ankommen, bevor es zappenduster in den Harburger Bergen wird. Ganz gelingt es mir nicht. Ich irre nun im Dunkeln noch mehr herum. Stehe irgendwann im Unterholz und finde den Track mehr schlecht als recht.   

Plötzlich wird es wieder urbaner und ich bin in freudiger Erwartung letzter und gut zu fahrender Kilometern. Doch da habe ich meine Rechnung ohne den mir unbekannten Orbit-Scouter gemacht. Natürlich geht es nochmal über den Acker. 

Jetzt einfach weiterkurbeln. Immer wieder kreist in meinem Kopf der Gedanke: „Warum tust du dir das an?“   Doch dann an der Dampferbrücke – dem Endpunkt der Tour – sehe ich unser Auto. Geschafft. Die Last fällt ab. Der zweite Orbit ist geschafft. Der Hamburger sagt: „Kieck mal wedder in“. Na, mal gucken, ob ich das so schnell machen werde.

Daten des Orbit 360 Hamburg (offiziell):

  • 214km
  • 1300hm
  • Gravel: 69%
  • Asphalt: 10%
  • Singletrack: 21%
  • Rideable Time: 99%

Daten meines Navis:

  • Ø 16,5 km/h
  • 1600hm
  • Fahrtzeit: 12h 49m
  • Gesamtzeit: 17h 39m

Daten meiner Sportuhr:

  • 219km
  • 1.691hm
  • 10.272 kcal verbrannt

Und sonst:

  • Beim zweiten Einsatz meiner neuen Apidura Racing Handlebar Pack hat bereits der Reißverschluss die Segel gestrichen, obwohl ich sie nicht überladen habe.
  • Das neue äußere Kettenblatt (TA, 42 Zähne) hatte Premiere. Obwohl sich alles schalten ließ, macht Green Hornet immer noch Knarz- und Knackgeräusche, als wenn es gleich auseinander bricht. Kann die Ursache aber nicht lokalisieren. Leider ist an mir kein Zweirad-Mechaniker verloren gegangen.
  • Erstmalig den original Bombtrack Sattel anstelle des Brooks B17 gefahren. Fuhr sich ganz gut.
  • Hintere Reifen hat zwischendurch Luft verloren. Zweimal nachgepumpt und Ruhe war. Tubeless sei dank.