Orbit360 Bremen – „The flat of the land“

Um kurz nach 5 Uhr klingelt der Wecker. Es regnet. Damit ist die gestrige Wettervorhersage schonmal bestätigt. Wolkig mit Aussicht auf viel Regen. Also nicht einer dieser Tage, an denen zwingend Rad gefahren werden muss. 

Die beste Ehefrau von allen wundert sich, woher ich bei dem Schietwetter die Motivation nehme, mich raus zu wagen. Ich weiß es selbst nicht. Habe einfach Bock, mit dem Rad eine Runde zu butschern und freue mich wie ein Schnitzel auf das, was ich heute erleben werde.

Um 6:30 Uhr stehe ich mit Green Hornet – meiner bepackten Allzweckwaffe – am Fähranleger in Bremerhaven und rolle auf den Orbit.

Die Route wird mich durch das Naturschutzgebiet Luneplate, über Bramstedt, Osterholz-Scharmbeck, Worpswede, Lilienthal, die Fischerhuder Wümmeniederung, Ritterhude, Bremen, Hude, Oldenburg, Rodenkirchen, Eckwarden, Fedderwardersiel und Burhave bis an den Fähranleger in Blexen führen. Die Fahrt mit der Weserfähre ist dann der letzte Abschnitt. Summa sumarum 322 km in flachem, aber nicht anspruchslosen Gelände.

Eine feste Zeit, in der ich den Orbit Bremen fahren möchte, habe ich mir nicht vorgenommen. Ehrlicherweise erscheint mir bei genauerer Betrachtung das ganze Vorhaben deutlich überambitioniert. Wie soll ich bloß über 320 km am Stück fahren? Na ja, Versuch macht klug. Für den Notfall packe ich den Schlafsack ein, mit dem ich mich notfalls in ein Buswartehäuschen legen könnte, sollten Kopf oder Körper irgendwann streiken.

Ich drücke den Startknopf meines Navis. Gleich hinter der Doppelschleuse ein Blick über den Deich und auf die Weser. Denn die Route führt nicht im Windschatten auf der Straße hinterm Deich längs, sondern schön im Wind obenauf. Dann geht es über feinsten Asphalt durch das Naturschutzgebiet Luneplate und über die Lune. Vertrautes Terrain.

Der Truppenübungsplatz Garlstedt muss umfahren werden und nach gut vier Stunden Fahrtzeit frühstücke ich bereits im Dorfcafé in Worpswede. Obwohl ich bereits zwei- oder dreimal mit dem Rad durch Worpswede gekommen bin, sehe ich zum ersten Mal den dort im Park stehenden Niedersachsenstein – ein 18 m hohes ziegelsteinernes Monument zur Erinnerung an die im 1. Weltkrieg gefallenen Soldaten.

Hinter Lilienthal rolle ich durch die Borgfelder Wümmewiesen. Fischerhude erreicht, wendet der Track und die Fischerhuder Wümmeniederung wird durchfahren. Den Verlauf der Wümme über Feld- und Wiesenwege folgend, geht es durch das Naturschutzgebiet Untere Wümme bis Ritterhude und anschließend über Blockland in Richtung Bremen. Einmal durch den Stadtpark und nach 149 km und nicht ganz der Hälfte der Strecke erreiche ich den Bremer Hauptbahnhof und stärke mich um 16 Uhr in einem Falafel-Schnellrestaurant.

Während ich esse, rollt eines dieser monströsen Party-Fahrräder auf der Straße vorbei. 12 junge Leute saufen sich einen rein und haben ihren Spaß. Sollen sie. Aber während ich beim Heimatbäcker mit maximal zwei Leuten im Verkaufsraum stehen darf, handdesinfiziert und bemundschutzt, und das Schokocrossoint hinter einer Plexiglasscheibe eingetütet wird, sitzt diese alkoholisierte Truppe dich an dicht und brüllt sich bei lauter Musik an. Verrückte Welt.

Raus aus Bremen wird durch das Naturschutzgebiet Ochtumniederung gegravelt und nachfolgend immer wieder und gerne durch Wald und kleinere Wege, von denen mir viele bisher völlig unbekannt waren.
Viertel vor Neun rolle ich in Hude bei Oldenburg ein. Wasser tanken und eine große Pizza beim Italiener in die Futterluke. 200 Kilometer stehen auf dem Tacho. Nach der notwendigen Nahrungsaufnahme werde ich meinen bisherigen Tages-Streckenrekord von 200 Kilometern brechen. 

Nach weiteren 20 Kilometern pausiere ich bei Regen und langsam einsetzender Dunkelheit unter der Huntebrücke in Oldenburg. Der Orbit wird mich nun in die Nacht führen. Freudiges Kribbeln im Bauch und gleichzeitig gesunder Respekt vor dem, was die Dunkelheit mit sich bringen mag. Das wird heute möglicherweise die erste Nacht, die ich durchfahren werde – #orbitmethroughthenight (geklaut von Bengt Stiller, einem der Organisatoren des Orbit360).

Zusätzlich zu meiner frisch nachgerüsteten und dynamobetriebenen Fahrradfunzel setze ich mir eine Stirnlampe auf, falls es bei der Wegfindung hakeliger werden sollte. Und bereits ein paar Minuten später bin ich über mein zusätzliches Akku-Lämpchen froh, denn ich stehe orientierungslos an einer Weggabelung und suche den Track. Ahh, über den nieder getretenen Zaun durch die Büsche zum Großen Bornhorster See. Ohne Licht wohl kaum zu finden.

Die Stirnlampe wird mich heute Nacht noch weitere Male retten. Egal, ob planlos im Brennesselfeld stehend oder durch ein Meter hohes Gras und nichtsahnend auf einen vom Bauern gespannten Stacheldraht zurollend. 
Das Schöne an so einem nightride ist die ganz besondere Stimmung, die er mit sich bringt. Stille, die sich über das Land legt. Menschenleere. Dafür hier und da dämmerungs- und nachtaktive Tiere, die erst spät bemerken, dass man sich ihnen nähert und schlagartig die Flucht ergreifen. Rehe, Wildkatzen, Hasen, sogar ein Fuchs nimmt vor mir reißaus. Das Blickfeld wird verengt. Nur noch auf das Wesentliche konzentriert. Während bei Tageslicht der Blick in die Ferne streift, liegt nun der Fokus auf den kleinen Lichtkegel vor mir. Nasses Gras, schräg fallender Nieselregen, feuchter und Kräfte raubender Sand und immer auf der Suche nach der idealen Linie. 

Obwohl sonst gar nicht so meine Musik, lege ich die 8000-Watt-Playlist auf Spotify auf und kurbel mich vorwärts. Immer großes Blatt. 8000 Watt. Heute passt die Elektro-Mucke und ich muss meine vom Sand knirschende Kette nicht mehr hören.

Da es oft plästert, wird um 2 Uhr ein frisches und trockenes Trikot angezogen. Erstaunlich, was das ausmacht, aus dem nassen Vorgängershirt raus zu sein und neue Kleidung anzuhaben.

Bereits kurz vor Vier setzt die Dämmerung ein. Langsam erwacht der Tag und die Umgebung wird wieder sichtbar. Auf dem Deich schlafende Schafe und ein dezenter Morgenrotschimmer im Osten. In grau-blauer Dämmerung bis Eckwarderhörne und – auch wenn der Track es gar nicht vorsieht – rauf auf den Deich und neben dem Denkmal des Kapitäns Hullmann stehend den Blick aufs Wasser und in die Ferne schweifen lassen.

Die letzen Kilometer durfte ich gegen den Wind petten, doch nun schiebt er mich bis Tossens und darüber hinaus von hinten an. Hinter Butjadingen wechselt die Route die Deichseite und führt über etwas holprige Platten direkt am Wasser entlang. Auf der anderen Weserseite sind die Containerbrücken aufgereiht und die Skyline der wirtschaftlich gebeutelten Stadt Bremerhaven reckt sich stolz gen Himmel. Obwohl die Sonne sich nicht zeigt, ist das Licht und die Stimmung auf diesen letzten Kilometern einfach schön. Vielleicht ist es aber auch die körperliche Erschöpfung in Verbindung mit all den körpereigenen Drogen, die ausgeschüttet werden, welche meinen Blick immer wieder leicht verklärt und entrückt über Wasser und Wiesen gleiten lassen.

Die 300-km-Marke fällt und ich rolle die letzen Kilometer bis Blexen gemütlich aus. Kein Grund zur Eile, denn während einer Pause sehe ich, dass ich in Gedanken die Fährabfahrtzeiten von Samstag abgespeichert habe. Doch heute ist bereits Sonntag und die erste Fähre geht erst um 9 Uhr. Also muss ich zwei Stunden Wartezeit überbrücken. Wie schön, dass in Nordenham ein Bäcker um halb Acht öffnet und ich in aller Ruhe frühstücken kann. 

Das ich in den letzten 24 Stunden ohne Schlafpause die 323 km des Orbit Bremen geschafft hab – mit An- und Abfahrt zum Start- und Endpunkt und dem jetzigen Rumgecruise in Nordenham werden sogar mehr als 340 km auf dem Tacho stehen – ist nicht wirklich greifbar und schwer zu fassen. Ich bin hochzufrieden mit mir, setze um 9 Uhr mit reichlich Glückshormonen im Kopf mit der Fähre über den Weserstrom und beende um halb Zehn meinen ersten Orbit360.

Daten des Orbit 360 Bremen (offiziell):

  • 323km
  • 730hm
  • Gravel: 69%
  • Asphalt: 26%
  • Singletrack: 5%
  • Rideable Time: 99%

Daten meines Navis:

  • Ø 18,1 km/h
  • Fahrtzeit: 17h 49m
  • Gesamtzeit: 1d 2h 29m

Daten meiner Sportuhr (inkl. An- und Abfahrt zum Start-/ Endpunkt der Route und Fahrt zum Bäcker in Nordenham):

  • 340km
  • 13.708 kcal verbrannt
  • und laut eigener Aufzeichnung ca. 6.100 kcal und 6 Liter Wasser getankt

Und sonst:

  • Eine Zecke nach dem Duschen entdeckt.
  • Die zuvor frisch aufgezogenen Mäntel – WTB Riddler in 45-622 (tubeless) – sind vielleicht minimal unkomfortabler als die zuvor montierten WTB Ranger in 50-622 (tubeless), dafür mit den braunen Seitenwänden aber hübscher anzusehen.
  • Erstmalig eine Bib-Shorts getragen. So enges Radfahrzeug ist mir bei meiner Figur eher peinlich, aber das Teil hat geliefert, denn ich hatte keine größeren Sitzbeschwerden.
  • Mein großes, leicht verbogenes Kettenblatt nervt nach wie vor. Von Bombtrack gibt es keinen Ersatz. Aber die Bomtrack-eigenen Teile (Kurbel, Sattelstütze, Sattelklemme, Vorbau) scheinen ohnehin aus einem der unteren Regale zu kommen. Habe jetzt eines von TA bestellt und hoffe, dass es passt.