Orbit360 Brandenburg – Sand im Getriebe

Mein Einstieg in den Orbit Brandenburg ist die Fähre am Aalemannkanal. Die erste geht morgens um Acht. Zeit für ein Frühstück. Ein türkisches Café hat bereits geöffnet hat, aber sieht sich noch in nicht in der Lage, Frühstück zu servieren. Einen türkischen Tee hätten sie aber schon. Weiter zu „Junge Der Bäckerei“ in der Spandauer Altstadt. Die Türen stehen weit offen und ich betrete den Laden.

„Wir ham‘ noch nicht geöffnet.“

„Wann öffnen Sie denn?“

„Sieben.“

Ich schaue auf die Uhr. Drei Minuten vor Sieben.

Die Bäckerei Thoben schaut freundlich aus. Hier gibt es allerdings keine Frühstücksangebote. Sicherheitshalber nehme ich erstmal Brötchen mit. Die einfachen kosten hier ganze zehn Cent.

Google behauptet dass in direkter Nähe zur Fähre am Aalemannkanal eine Bäckerei ist. Kalle’s Back-Center. Das klingt verlockend. Dort angekommen, kann ich in der Morgensonne sitzen und die Bäckersfrau versprüht gute Laune. Mit den Stammkunden wird ein herzliches Verhältnis gepflegt und das Frühstück ist liebevoll angerichtet. Ein Ort zum Wohlfühlen.

Punkt Acht rolle ich als Letzter vor dem Ablegen auf die Fähre. Dort steht bereits ein weiterer Orbiter. Allerdings aus einer anderen Liga. Als ich nach zwei Dritteln der Strecke abbreche, ist er längst durch. Es übersteigt meine Vorstellungskraft, wie er über den brandenburgischen Sand geflogen sein muss. Wo ich absteige, schaltet er wahrscheinlich noch aufs kleine Ritzel und drückt 8000 Watt auf die Pedale.

Der Fährmann kassiert mein Gegenüber ab.

„Eenen Euro.“

Er sieht den ihm entgegen gestreckten 5 Euro-Schein.

„Haste es nich klein?“

„Nee. Leider nicht.“

Wenn noch dree von deiner Sorte kommen, kann ick die Kasse dicht mach’n.“

Ich bin froh, noch einen verwaisten Euro aus der Börse hervorkramen zu können. Sollen die anderen drei, die heute noch kommen, das mit dem Fährmann ausbaden.

Jetzt wollte ich nur einen kurzen und dem Abbruch eines Orbits angemessen knappen Bericht zusammen schustern und halte mich bereits mit der Einleitung so lange auf. Ab jetzt in der gebotenen Kürze.

Ich drücke Start. Gutes Wetter. Tolles Licht. Wald und wahnsinnig schöne Landschaften. Immer wieder Sand. Auch Kopfsteinpflaster. Oder Betonplattenwege. Und Sand. Tiefer Sand. Sand wie Zucker. Ich rutsche und schiebe. An den Reifen liegt es wohl nicht. Die sind mit 52mm nicht zu schmal.

Immer wieder Wälder. Lange Geraden in endlosen Wälder. In langen Reihen stehende Kiefern. Durch Zweige gebrochenes Sonnenlicht.

War es Goethe oder Schiller? Jedenfalls muss es ein bedeutender Denker und Dichter gewesen sein, der den bedeutungsschweren Satz prägte:

“Willst du Körper und Seele pflegen, musst du sie ab und zu zerlegen.”

Also durch stetes Pedalieren den körperlichen, geistigen und emotionalen Nullpunkt erreichen. Dort angekommen, den Geist nach eigenem Belieben wieder aufbauen und spüren, wie der Körper folgt und zu größerer Stärke zurückkehrt, als vor dem Orbit. You are just orbited.

Und der Jaro – ganz offenkundig ein belesener Orbiter – meint, dass es auf dem Orbit Brandenburg „Abschnitte“ gebe, auf denen man „die Seele einwandfrei auf Null“ bringe.

Und ja, das stimmt. Irgendwann gegen Abend nähert sich meine Seele dem Nullpunkt. Stundenlang Wälder, Kiefern, Sand. Dazu die noch vom Orbit Berlin müden Beine. Es dämmert. Auch mein Körper geht schnurstracks auf die Null zu. Ich werde müde. Trete noch langsamer. 

Es ist dunkel. Wie sich die Wahrnehmung derselben Landschaft nur durch das Ausknipsen des Lichts verändert. Tagsüber lieblich und verzückend. In der Nacht bizarr und fremd. Die Fantasie spielt verrückt und plötzlich erscheinen im Licht des Scheinwerfers merkwürdige, mitunter bedrohliche Formen und Gestalten. Dabei sind es nur Baumstämme oder Äste. Und Augen in der Dunkelheit.

Es wird noch sandiger. Ich weiß überhaupt nicht mehr wo ich bin. Irgendwo in einem Meer aus Sand. Ich schiebe. Ich schiebe und taumel auch dann noch vor mich hin, wenn ich schon wieder fahren könnte. Bemerke es aber gar nicht mehr. Über mir funkeln Sterne. Wunderschön.

In einem kleinen brandenburgischen Ort lege ich mich auf den Asphalt, eingerollt in meine Rettungsdecke, und schlafe ein. Das Telefon weckt mich. Ob alles ok bei mir ist? Ein müdes „Ja, nur der Boden könnte bequemer sein.“

Noch bevor die obligatorische Frage der besten Ehefrau von allen gestellt werden kann – „Warum tust du dir das an?“ – weiß ich, dass ich es heute Nacht nicht mehr schaffe, meinen Geist die Stärke zu verleihen, trotz aller körperlichen Wehwehchen weiter zu fahren und den Orbit Brandenburg zu beenden.

Mein Zug nach Hause ist gebucht und ich müsste mich die letzten 100 km ran halten, um pünktlich am Bahnhof zu sein. Aber ich will nicht mehr.

Routenänderung in den nächsten Ort mit Bahnanschluss. Sechs Kilometer in einer an sich nicht kalten Nacht und dennoch ist mir fröstelig. Während ich auf die erste Bahn nach Berlin-Spandau warte, gibt es Kaffee, Twix und Erdnüsse von der Tanke.

Am Bahnhof hält sich eine angetrunkene Truppe junger Männer mit White Power T-Shirts auf. Der eine meint:

„Hey, gib mir dein Fahrrad“.

Ich will schon erwidern: „Was willst denn damit? Nach Polen einmarschieren?“

Kann mich aber noch zurück halten und murmel nur: „Auf keinen Fall.“

Um keinen unnötigen Ärger mit diesen Backfeifenjesichtern zu bekommen, ziehe ich mich auf einen verlassenen Supermarkt-Parkplatz zurück, um ein weiteres Stündchen zu dösen.

Dann in den Zug und in Spandau Frühstück. Ist das schön. Auf der Parkbank in der Morgensonne liegen. Herrlich. Mit sandigen Beinen im Schatten sitzen mit Blick auf die Havel und auf die vor der Stauschleuse liegenden Boote. Wunderbar.

Ich bin trotz Abbruch zufrieden mit mir. Insbesondere bei dieser Fahrt bin ich mir über einiges klar geworden. Habe Dinge im Kopf sortieren können. Viel Denkarbeit. Die lohnend, aber auch anstrengend war. Sicher hat das mit dazu beigetragen, dass ich letzen Endes vorzeitig abbrechen musste und wollte.

Meine Orbit-Saison ist hiermit zu Ende. Es war eine tolle Herausforderung und ein Riesen Spaß. Nochmals Danke an alle Organisatoren, und Freiwilligen, die viele, viele Stunden Arbeit und Herzblut in dieses tolle Projekt gesteckt haben! Dit war richtich dufte!

Daten des Orbit 360 Brandenburg (offiziell):    

  • 305km
  • 1430hm
  • Gravel: 64%
  • Asphalt: 25%
  • Singletrack: 8%
  • Rideable Time: 95%

Daten meines Navis:    

  • 213 km (Abbruch)
  • Ø 16,7 km/h
  • 860hm
  • Fahrtzeit: 12h 43m
  • Gesamtzeit: 16h 44m

Daten meiner Sportuhr:    

  • 234,94 km (inkl. Anfahrt zum Orbit)
  • 982hm
  • 8.462 kcal verbrannt