Orbit360 BERLIN – Nu aba ran an de Buletten

Nachdem ich kürzlich meine Rennstrategie ausgeplaudert habe, dürfte allseits bekannt sein, dass ich zunächst die Zeiten der anderen Orbiter studiere. Und dabei die Tabelle ausschließlich von hinten aufarbeite. Ich bin zwar unsportlich, will aber dennoch nicht der Letzte sein.

Eine Stefanie hat den Orbit Berlin mit einem Tag, vier Stunden und sechzehn Minuten am längsten genossen. Der Jojo ist in 19h und 32min durch Berlin geritten und davor konnte sich die Anouk mit 19h 21min platzieren. Ich setze mir jetzt einfach mal die 19-Stunden-Marke als Ziel, während ich mit der Deutschen Bahn nach Berlin-Spandau rolle.

Obwohl ich Zug fahren grundsätzlich begrüße, ist mein Stress Level bei jedem Umstieg maximal hoch. Vor allem, wenn ich nur 7 Minuten Zeit habe und eine der drei Zahlen – Gleis, Zug-Nummer und Wagennummer – oder auch den Bereichsbuchstaben, in welchem mein reservierter Fahrradstellplatz zu finden sein soll, regelmäßig vergesse. Egal, wie oft ich in die DB App gucke.

Die vier Männers im IC nach Berlin, welche sich auf 8 Plätze vor mir verteilt haben, sind dagegen ganz entspannt. Man erfrischt sich aus in Alufolie gewickelten Bierflaschen und um eine Dehydrierung durch die Hitze zu vermeiden, geht sogar eine ebenfalls in Alufolie gekleidete Wodkabuddel rum. Ein intensiver Austausch über die gut recherchierten Artikel in der Bild Zeitung ist in Gange. Man ist sich aber grundsätzlich einig. Hier ist keine Lügenpresse im Spiel. Bei der Bild wird noch seriös und ehrlich am Wohl der Menschen hinter den Schlagzeilen berichtet. Oder so ähnlich. Die vier haben übrigens auch ihre Räder mit im Zug. Also E-Bikes. Einer von ihnen trägt seine gepolsterte Radhose so niedrig wie eine Baggy Pants.

Gegen halb Zwölf mittags wird in Nähe des Bahnhofs Berlin-Spandau gestartet. Demnach sollte ich zum Frühstück am nächsten Tag durch sein. Schon kurz nach meinem Einstieg in den Orbit Berlin bei Spandau rollt es durch den Wald und bereits nach wenigen Minuten könnte man fast vergessen, dass es sich um einen Stadt Orbit handelt. 

Es ist brüllend heiß. Selbst in den vielen schattigen Abschnitten habe ich mit der drückenden Wärme zu tun. Zur Rechten liegt der Mühlenbecker See. Da könnte ich doch kurz rein springen, oder? Keine 40 Kilometer auf der Uhr und ich fange an, mein gesetztes Stunden Ziel langsam zu begraben. Aber dit is mir schnurz piepe! Rein ins kühle Nass und kurz die Seele baumeln lassen. 

Nach weiteren 10 Kilometern marschiere ich wieder gut angeschwitzt in einen Supermarkt. Körperlich fühle ich mich bereits, als wenn ich 150 Kilometer gefahren wäre. Doch es sind nur schlappe 50. Ich bin so durch, dass mir erst an der Kasse auffällt, dass ich meine Mund- und Nasenbedeckung nicht aufgesetzt habe. 

Wie bei bisher jedem Orbit, macht mir die Navigation ein wenig zu schaffen. Der Wahoo hängt oft hinterher. Das weiß ich. Und schaffe es dennoch regelmäßig, ein paar Meter zu weit zu fahren. Ansonsten versuche ich der Linie auf dem Gerät blind zu vertrauen. Selbst dann, wenn ich der Meinung bin, dass das unmöglich der richtige Kurs sein kann. So geht es über Äcker und durch zwei Meter hohe Brennnessel Felder. Die müden Beine freuen sich über Durchblutung und mein Finger macht eine tief nachwirkende Begegnung mit einer Dorne.

In Friedrichshagen genehmige ich mir Döner und ein isotonisches Kaltgetränk. Der Körper will schließlich auch leben. Rechts von mir ein Dreier-Trupp. Allesamt betrunken. Der eine klappt seinen Laptop auf, macht Speed Metal an, raucht einen Joint und fixiert den Bildschirm so angestrengt, als wenn er eine Doktor-Arbeit schreibt. Dem Gespräch der anderen beiden ist wahrscheinlich nur mit Freude zu folgen, wenn man einen ähnlichen Alkohol- oder Drogenpegel erreicht hat. Links von mir ein Herr in den Fünfzigern. Auch betrunken, aber von der ruhigeren Sorte. Er hat vier Schachteln Zigaretten auf dem Tisch liegen. Klingt erstmal viel. Doch so kontinuierlich, wie er die Glimmstengel wegraucht, erscheinen die vier Schachteln durchaus angemessen.

Eine Gruppe Männer bleibt stehen. Alle betrunken. Der Jüngste wird in den Döner Laden zum Bier holen geschickt. Eine Mutter mit ihrem Kind kommt des Weges. Das Kind wird von einem der Männer (wahrscheinlich versehentlich) angerempelt. Die Frau sagt:

„Hey, sie haben meinen Sohn angerempelt“.

Von den Männer bekommt es nur der Gesichtsälteste mit. Er starrt die Frau leer an, wartet bis sie sich wegdreht und wirft seinen Müll nach ihr. Ich zucke zusammen und die Frau sagt:

„Sie müssen aber nich‘ ihren Müll nach mir werf’n.“

Doch dieses Mal starrt der Mann noch nicht mal zurück. Er wendet sich seinen Kumpels zu und holt eine Zahnprothese aus dem Mund heraus, um diese an seinem Shirt zu reinigen. Und da kommt dann endlich auch das erlösende Bier und sorgt für heitere Stimmung in der Truppe.

Dit is Berlin. Sowas kannste dir nicht ausdenken.

Weiter durch einen Fußgängertunnel unterhalb der Müggelspree. Während ich am Ufer einer Berliner Seenlandschaft entlang hubbele, dämmert es und die vielen Boote auf dem Wasser sind die einzig beleuchteten Punkte in der einsetzenden Dunkelheit. Stille über der spiegelglatten Wasseroberfläche und ausgedehnte Wurzelteppiche unter den Reifen.

Dann herrliche Ruhe im dunklem Wald. Langsam kurbel ich mich vorwärts und folge dem Lichtkegel vor mir. Hier und da gibt es Wildschweine zu sehen. Doch sie treten augenblicklich die Flucht an.

Wie ich parallel zur Start- und Landebahn des Flughafens Berlin-Schönefeld fahre, kommt sie mir ausreichend lang vor. Ich werde müde und lege mich auf den noch warmen Asphalt, um ein paar Minuten zu ruhen.

Es dämmert bereits, als ich an der Havel entlang und in den Grunewald komme. Warum hier jetzt noch hoch treten?, will mein müder Kopf wissen. Ich finde keine Antwort, doch der David von der Tann wird’s wissen. Denn er hat den Orbit Berlin gescoutet. Es geht auf Singletrails, durch Halfpipes und über Rampen. Andere haben hier bestimmt richtig Spaß. Mir geht das mangels Fahrkönnen und Kraft ab. Es ist nicht so, dass ich auf den David schimpfe, doch ein kleines „Menno, muss das denn jetzt noch sein?“, kommt schon in den Sinn.  

Als ich dann aber ein paar Minuten später zu Fall komme, wächst der Frust über das eigene Unvermögen, aber auch über David. Jetzt ist es soweit. Ich suche einen Schuldigen und der will nicht immer nur ich sein. Ich zitiere einen Mitorbiter: „Dem könnt ich eene rin haun.“ Ja, oder wenigstens eine kleine Nackenschelle geben. Also, David, wenn du mal in Bremerhaven bist, kannst die bei mir abholen. Verdient hast du sie.

Und dann stehe ich am sandigen Fuß des Teufelsberges. Allein der Anblick frustriert. Ich kann nicht mehr. Bei mir ist Ende Gelände. Ich bin kurz davor, an Ort und Stelle nach Davids Adresse zu googeln. Wenn ich mit dem Ding hier durch bin, fahre ich bei ihm vorbei. Er braucht sich seine Schelle nicht mehr abholen, sondern sie kommt zu ihm.

Während ich meine letzten Kraftreserven bemühe und mein Rad den Hang hinauf drücke, muss ich darüber nachdenken, wie oft ich schon vom Rad gefallen bin.

Vier Wochen ist mein Sturz in den Harburger Bergen her. Noch immer leide ich unter Schmerzen im Arm. Von anderen Orbitern lese ich, dass sie ebenfalls zu Fall kommen. Einige gleich zweimal pro Orbit. Schneller sind sie auch. So dass ich annehmen muss, dass sie eigentlich um so härter aufschlagen müssten. Doch von ihnen klagt niemand über Folgeschäden.

Bin ich eine Memme? Oder liegt es an meiner Sturztechnik? Ich vermute natürlich letzteres. Ein geschickter Orbiter – und das bin ich eben nicht – stürzt, schüttelt sich einmal kurz wie ein Hund, sattelt auf und ballert sein Rad unbeirrt weiter über den Orbit.

Man muss schon die Zeitlupe bemühen, um seinen Bewegungsablauf in Gänze und aller Schönheit wahrnehmen zu können. Das vordere Rad bricht weg, während das hintere vom Boden steigt. Die Hände lösen sich vom Lenker und der ganze Körper hechtet elegant nach vorne. In einer an Geschmeidigkeit kaum zu überbietenden Rolle minimiert der Körper den Bodenkontakt und absorbiert die Energie des Falles. Staub wirbelt auf. Der Orbiter steht bereits auf den Beinen und macht auf dem Absatz kehrt. Sein Rad ist gerade zu Fall gekommen, da greift die Hand bereits den Lenker und richtet es kraftvoll auf. Formvollendet wird in einer fließenden Bewegung das austrainierte Bein über den Sattel geschwungen, die Schuhe klicken in die Pedale und das Rad wird sogleich mit zwei, drei Tritten kräftig beschleunigt. Die schmalen Reifen haben eine Hundertstel Sekunde Mühe, das gewaltige Drehmoment auf den Boden zu bringen. Dann greifen sie zu und preschen brutal nach vorne. Erst jetzt, während das Rad schon wieder mit mehr als 30 km/h über den Untergrund gleitet, nimmt er war, dass er so eben gestürzt ist. Ein kurzes Anspannen der Muskulatur – und er weiß, dass seinem Körper nichts ernstes passiert ist.

Und wie sieht es bei mir aus? Die Zeitlupe kannst schon mal weglassen. Ich fahre nicht schnell, stürze aber hart. Meinem Körper gelingt es nicht, die Wucht des plumpen Aufpralls auch nur irgendwie zu mindern. Lediglich der Speckmantel ist leidlich bemüht, die inneren Organe vor den schlimmsten Folgen zu bewahren.

Staub wirbelt natürlich auch auf. Und dann legt er sich auch langsam wieder. Mein massiger Körper liegt dann immer noch auf dem Boden. Ich realisiere, dass ich gestürzt bin. Sterne vor meinen geschlossenen Augen und langsam dahinziehende Wolken über den dann langsam geöffneten Augen. Der Schmerz macht es mir kaum möglich, mich aufzurappeln. Langsam das rechte, dann das linke Bein.

Ich schwanke zu meinem Rad und bücke mich stöhnend nach meinem Lenker. Ahhh…. das tut weh. Langsam hebe ich das Rad an und lasse es auf halber Höhe wieder fallen. Verschnaufe einen weiteren Moment, sammel Kräfte und versuche es ein zweites Mal. Dann lasse ich mich mit verschränkten Armen auf meinen Aero-Aufsatz fallen. Durchatmen. Kann ich schon weiter fahren? Nein, nicht sofort.

Ich lasse das Rad nochmal fallen und angele ein Stück Plunder aus den Taschen. Gut, dass ich den eben beim Bäcker noch mitgenommen habe. Erstmal was essen. Das beruhigt. Nach vielleicht 10 Minuten bin ich so weit und sattel auf. Wieder nicht ganz ohne Herumgestöhne. Langsam fahre ich die ersten Kilometer weiter. Ob ich mit diesen Schmerzen nochmal richtig Fahrt aufnehmen kann?, frage ich mich.

Sind euch die Unterschiede aufgefallen? Und deswegen heul ich auch noch vier Wochen später rum.

Auf der Teufelsbergkuppe angekommen (zuletzt auf Asphalt. Danke, David.), verschnaufe ich. Währenddessen kommt ein Jogger rückwärts hinauf gelaufen. Wir kommen ins Gespräch. Ich frage, was das für ein Turm sei? Er sagt: „Die ehemalige amerikanische Abhörstation, um die Russen zu belauschen.“ Er bietet an, mich kurz über das verschlossene Gelände zu führen. Er hätte hier etliche seiner aus Müll hergestellten Kunstobjekte stehen und würde jeden Tag schauen, ob alles in Ordnung sei.

Meine Zeit ist eh im Eimer. Gerne nehme ich die Gelegenheit war und lasse mir die Relikte aus der Zeit des Kalten Krieges zeigen. Lochkartenmaschinen, auf denen abgefangene Funksprüche gespeichert wurden. Lochkartenschredder und eine Apparatur, die aus den geschredderten Karten Pellets zum Beheizen der Anlage gepresst hat.

Und natürlich die Kunstobjekte. Das ganze Areal ist damit voll. Immer wieder taucht das Logo des Künstlers auf. Eine Melange aus Brandenburger Tor, Fernsehturm und Reichstagkuppel. Der Künstler fegt um seine Installationen herum den Dreck weg. Er habe da seinen Anspruch. Ein uriger Typ. Cool, dass er mir einen kleinen Einblick in die Anlage gegeben hat.

Den restlichen Teil der Strecke nehme ich schon gar nicht mehr bewusst war. Irgendwann beende ich den offiziellen Teil und mache mich hungrig auf die Suche nach einem Bäcker. Ein leckeres und reichhaltiges Frühstück stimmt mich dann auch sogleich wieder versöhnlich mit dem Orbit Berlin. Die Mühen und Strapazen verblassen. Ich werde doch nicht David nachstellen müssen. „Pass ma uff Keule! Dein Track find ick knorke! Haste jut jemacht.“

Daten des Orbit 360 Berlin (offiziell):

• 228km
• 1260hm
• Gravel: 66%
• Asphalt: 8%
• Singletrack: 26%
• Rideable Time: 95%

Daten meines Navis:

• 227km
• Ø 15,6 km/h
• 1290hm
• Fahrtzeit: 14h 32m
• Gesamtzeit: 20h 48m

Daten meiner Sportuhr:

• 247km (inkl. An- und Abfahrt)
• 1560hm
• 11.006 kcal verbrannt

Und sonst:

• Nachdem die Schaltung beim Orbit Schleswig-Holstein immer hakeliger wurde, habe ich in mühevoller Kleinarbeit den SRAM Brems-/Schalthebel innen gereinigt und neue Züge reingefrickelt. Danach war meine Schaltung total verstellt. Selbst nach einigen Youtube-Videos läuft sie immer noch nicht so, wie ich es mir vorstelle. Es ist einfach zum Verzweifeln. Sollte jemand in Bremerhaven oder umzu richtig Ahnung von Fahrrädern und deren Wartung habe, würde ich mich gerne von ihm schulen lassen. Mein ewiger Dank und ein Kaffee – ach, was rede ich – ein ganzes Kaffeepaket – seien ihm gewiss.

• Weil ich jetzt eh gefühlt das halbe Rad auseinander genommen habe, wurden auch gleich die Bremsen getauscht. Vorher TRP Spyre (mechanisch) und nun TRP HY/RD (Mischung aus hydraulisch und mechanisch). Warum? Ich vermute „New-Gear-Acquisition-Syndrome“. Muss da mal was gegen machen. Die Bank hat schon angerufen, ob ich einen höheren Dispo benötige.

• Neues Lenkerband war dann auch nötig. Diesmal in gelb. Ist ja Sommer.

• Reifen von Vittoria in 2,1″ bzw 52-622. Wollte mal schauen, ob die in den Rahmen passen und wie die im Gelände rollen. Außerdem New-Gear-Acquisition-Syndrome (siehe oben).