Orbit 360 – Meine Strategie

Immer wieder werde ich gefragt:

„Hey, Björn. Wie machst du das, dass du auf solche Zeiten beim Orbit kommst?“

Eigentlich verraten Ultra-Endurance-Fahrer, wie ich es seit vier Wochen bin, ihre Strategie nicht. Doch bei der ersten Gravel Serie Deutschlands wird eine offene Kommunikation gepflegt. Da will ich mich nicht so haben und offenbare an dieser Stelle meine Rennstrategie.

Und die schaut so aus: ich gucke mir die bereits gefahrenen Zeiten des nächst geplanten Orbits an. Und zwar ausschließlich die Zeiten im hinteren Drittel. Und dann setze ich mir einfach eine Wunschzeit, die knapp unter der des zuletzt Platzierten liegt.

Da ich ca. 1,5 Watt pro Kilogramm Gewicht auf die Pedale bringe, muss ich natürlich regelmäßig Energie zuführen. Also halte ich sooft ich kann, um zu essen. Vorzugsweise bei Bäckern und Eisdielen. Dazwischen müssen Riegel reichen. So sechs bis acht pro Orbit. Komischerweise bin ich nach dem Orbit dann dennoch so ausgehungert, dass ich beim großen, goldenem M oder dessen kleinem Bruder BK ran fahren muss.

Um während des Rennens Müdigkeit gar nicht erst aufkommen zu lassen, trinke ich hier und da auch einen Kaffee. Natürlich schwarz. Wenn ich im Renn-Modus bin, verzichte ich aber auf Mitnahme meines Gaskochers und brühe nicht selbst auf. Auch wenn ich meinen Kaffee viel lieber mag als die Plörre, die einem für teuer Geld so manches Mal im Café angeboten wird. Doch wer auf gute Zeiten im letztem Drittel aus ist, muss auch mal Verzicht üben können.

Zur aktiven Regeneration meines Hinterns steige ich immer mal wieder ab, um Fotos mit meiner Knipse zu machen. Manchmal regeneriere ich inaktiv und lege mich auf den Boden oder eine Bank.

Das war es im Wesentlichen. Müsst ihr gucken, was ihr davon übernehmen könnt. Da dürfte eigentlich für jeden was dabei gewesen sein.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne nochmal auf Johannas Podcast Die wundersame Fahrradwelt hinweisen. Im letzten Special zur Orbit360-Serie gab es weitere Tipps von Orbitern. Allerdings auch nur von männlichen Teilnehmern. Aber damit habe ich nicht zu tun.

Jedenfalls habe ich gut zugehört, um zu lernen. Und dann kann ich den ein oder anderen wohl möglich mit seinen eigenen Waffen schlagen. Ha!

Zu Wort kamen Tom Gehler aka Gehlerrette, Filip Shleir vom Suicycle Team aus Hamburg und Matthias Fischer aka Hanslookinthesky.

Tom gräbt zu Motivationszwecken zu jedem Orbit eine thematisch passende Kompaktkassette aus.

Für die Jüngeren unter uns: Kompaktkassetten sind so etwas wie der analoge Vorgänger der CD: Kennt ihr auch nicht? Also so etwas wie der analoge Vorgänger der MP3. Sagt dir nichts? Na, diese Dateien, die man gespeichert hat, bevor gestreamt wurde. Ja, Stream kennst du, ne?

Jedenfalls bei der Kompaktkassette kam die Musik vom Band und man konnte nicht beliebig vor- und zurück skipen, sondern musste spulen. Nicht spülen. Spuuulen. Das Band wurde elektrisch – soweit war man damals auch schon – vor- und zurückgespult. Und wenn man Pech hatte, hat sich das Band dabei – oder noch öfter: beim Abspielen selbst – verheddert und man musste versuchen, es mit einem Bleistift wieder aufzuwickeln. Also nicht elektrisch.

Wie auch immer: dass mit Toms Kassetten finde ich toll. Jugenderinnerungen kommen hoch. Ich sehe meinen ersten blauen Walkman von Sony vor mir. Hat je ein danach folgendes Gerät mich derart in seinen Bann geschlagen?

Auf der von meinen Eltern selbst aufgenommenen bzw. raubkopierten Kassette steht Schweden 1984. Zusammen mit meinem Bruder höre ich auf der Rückbank des Passats Musik. 99 Luftballons und Big in Japan, solang wie es die Batterien hergeben. 

Zurück zu Tom. Er sagt im Interview tatsächlich, er hört die Kassetten gar nicht auf dem Orbit. Diese Info ist enttäuschend. Ich habe mir in meiner kleinen idealisierten Welt so schön vorgestellt, wie er mit Walkman über den Orbit Bayern brettert, diese mit Schaumstoff gepolsterten Ohrbügel auf dem Kopf und zum leicht leiernden „Die kleine Bimmelbahn“ lauthals mitsingt, während er eine Zeit von unter 17 Stunden aus den Beinen hämmert.

Ein wenig hat sein Nimbus unter der harten Wahrheit schon gelitten. Obwohl… wenn ich dann wieder höre, dass er nur 2 Energieriegel pro Orbit braucht, nicht viel schwitzt und Anhalten für ihn nicht in Frage kommt, zucke ich sofort wieder ehrfürchtig zusammen.

Toms Strategie ähnelt übrigens in Teilen der meinen. Er verzichtet auf unnötigen Ballast. Er fährt ohne Walkman und ich ohne meinen Gaskocher. Das mit nur 2 Riegeln und nicht anhalten erscheint mir zwar plausibel, aber auf meine persönlichen Verhältnisse zugeschnitten, nicht umsetzbar.

Kommen wir zu Filip vom Suicycle Team Hamburg. Filip sagt, Langstrecke sei er zwar nicht gewohnt. Doch als ehemaliger Fahrradkurier zieht er aus dem Stand den Hamburger Orbit in unter 10 Stunden weg. Fühlt sich für ihn wie ein Kuriertag in der Weihnachtszeit an. Nur im Sommer.

Er spricht von „richtig drücken“, „den Pegel hart halten“ und „hart im Tunnel“ sein. Die ganze Ausdrucksweise macht auf mich einen kämpferischen Eindruck. Mangelnde Erfahrung hin oder her. Die Haltung stimmt.

Und dann führt er noch ein Säckchen bei sich. Also noch ein Säckchen. Und jetzt festhalten: in dem Säckchen hat er gekochte Kartoffeln. Und die werden natürlich matschig auf der Fahrt. Und aus dieser Kartoffelbreipampe schaufelt er sich laufend was in die Futterluke. Das hört sich mäßig appetitlich an, muss aber ungeheuer Energie geben. Sonst wäre er wohl kaum so schnell.

Filip hat übrigens die selbe falsche Abzweigung wie ich hinter den Harburger Bergen beim Hamburger Orbit genommen. Nämlich rechts statt links. Und am Ende der Weide war dann ein Graben. Ich habe missmutig und bereits im Dunkeln kehrt gemacht, um zurück auf den Track zu kommen, während er mit Rad im Huckepack bauchnabeltief durch den Schmodder-Graben gewatet ist. Das ist ein wahrer Racer. Einfach durch statt drumherum! So werden Helden geboren! Ja, so siehddas aus, wenn man vom Suicycleteam ist! „Bhamm“, um nochmal den Filip zu zitieren.

Was gucke ich mir von ihm ab? Die Kartoffeln: Nur dass ich die durch Pommes ersetze. Auf alle Fälle eine stabile Haltung und gute Strategie.

Und dann darf Matthias Fischer ans Mikro. Der ist gar nicht mehr zu bremsen und führt die Tabelle zur Zeit an. Selbst Orbit-Organisator Raphael wurde vom Thron gekickt und vorerst auf den dritten Platz verwiesen.

Der Vollständigkeit halber muss aber gesagt werden, dass Raphael – so zumindest noch immer die Gerüchte – mit viel mehr Ballast an den Start geht. Denn er verteilt angeblich nach wie vor allerlei Krempel wie Flaschen, Handschuhe und dergleichen auf den Orbits, um zu prüfen, ob die Orbiter auch den Original Tracks genau folgen. Volles Tempo erreicht er dann immer erst auf den letzten Kilometern. Das schmälert aber in keinster Weise die nahezu übermenschliche Leistung von Matthias.

Dem ist ein Orbit auch nicht genug, erwähnt er lapidar. Nachdem er mit 8:57 – in Worten: acht Stunden und siebenundfünfzig Minuten – einen neuen Streckenrekord für den Orbit Hamburg aufgestellt hat, ist er gleich am nächsten Tag den Orbit Bremen gefahren. Das ist für ihn in etwa so, wie wenn die Tour de France Fahrer nach einer Etappe auf der Rolle noch etwas abschwitzen und ausrollen.

Und dann behauptet er noch frech, er fährt einen Orbit manchmal nur „aus Faulheit“ zu Ende. Er habe keine Lust, selbst zu navigieren und sich um Alternativrouten zu seinem Auto zu bemühen. Ja nee, ist klar.

Seine Bereifung ist 33mm schmal. Breiter gehe angeblich nicht in den Rahmen. Doch er empfiehlt allen anderen, deutlich breitere Reifen zu nehmen. Ob er der Johanna dabei zugezwinkert oder die Finger hinterm Rücken gekreuzt hat, ist beim Podcast hören leider nicht zu sehen. Würde ich ihm aber zutrauen. Selbst auf Asphalt-Trennscheiben neue Streckenrekorde aufstellen und den anderen ein Fatbike empfehlen, oder was?Desinformation nennt man sowas.

Von Matthias‘ Strategie kann ich mir jedenfalls nichts abkupfern. Erstens hat er nichts Wesentliches verraten. Und zweitens fährt er wie von einem anderen Stern. Nämlich – um König Fußball zu bemühen – er fährt in der Champions League. Und ich – ich spiele eben nur Tischkicker.

Na ja. Vielleicht nehme ich für mich mal mit, auch zwei Orbits hintereinander zu fahren. Mal gucken, was ich dann an Zeit noch so raus holen kann. Auf nach Berlin am Wochenende! Wer auch immer sich am Ende des Rankings des Orbits Berlin bzw. Brandenburg tummelt: mach‘ dich darauf gefasst, dass ich dir die rote Laterne abnehme!