Hanse Gravel – Tag 2

Gegen 8 Uhr verlasse ich den Campingplatz in Travemünde und fahre in der morgendlichen Frische das kurze Stück zur Fähre, mit welcher ich bis Priwall übersetze. Zwischen Priwall und Dassow suche ich mir eine idyllisch gelegene Bank mit freiem Blick ins Grüne, koche Kaffee und ein warmes Frühstück. Zwar einen Tick aufwendiger, als sich einfach in einen Bäcker zu setzen, dafür darf ich den Vögeln beim Zwitschern zuhören.

Gut gestärkt ist Zeit für ein wenig Musik. Nachdem ich gestern die 80er habe aufleben lassen, lege ich nun meine „Calm down“ Playlist auf. Die funktioniert nicht nur auf Korsika, sondern auch auf einsamen, sehr einsamen Wegen im Osten.

„I wanna perfect body. I wanna perfect soul“ haucht Kinna Grannis mir in den Gehörgang. Da hebe ich doch gleich mal die Hand. Und im „Wonderful life“ Cover  von Katie Melua heißt es: „Everywhere is magic“. Dem kann ich nur zustimmen. Sind es doch oftmals die kleinen Dinge, die das Radreisen so schön machen. Sei es die über den Weg huschende Echse. Oder dass ich für 100 Meter einen fliegenden Spatz hinterherfahren darf. Oder ein rotes Eichhörnchen, das den Baumwipfel geschwind erklimmt und dabei geschickt von Ast zu Ast springt. Das große Glück in den kleinen Dingen.

Ich befahre zunehmend sandigere Abschnitte und bin ich froh, nicht mehr die Semislicks auf den Felgen zu haben. Nun sind es etwas profiliertere Reifen mit hoffentlich auch mehr Pannenschutz als die G-One Speed. Natürlich laufen sie auf Asphalt nicht mehr ganz so schnell und schon gar nicht mehr so ruhig, doch hier im sandigen Osten sind sie die richtige Wahl. Ich frage mich wie die wahren Helden des Hanse Gravel – also die am kommenden Donnerstag Startenden – diese Abschnitte mit ihren wahrscheinlich schmaler bereiften Gravel Bikes bewältigen werden. Wahrscheinlich rauschen sie einfach drüber, während ich selbst mit meiner 2-Zoll-Bereifung wie ein Bewegungs-Legastheniker im Sand rumeiere.

Um 13:30 Uhr wähle ich mich mit dem Handy in die Versammlung ein. Das ist das erste Mal, dass ich eine Zusammenkunft radelnd erlebe. Ein Satz aus dem Vortrag bleibt mir besonders in Erinnerung: „Der Mann ist das Haupt. So.“ Ganz wunderbar, wie der Redner das hinterher geschoben „So“ betont. Mit der gebotenen Eindringlichkeit. Ich nehme mir vor, da bei der nächsten Unstimmigkeit mit meiner lieben Frau auch mal zu versuchen. Einfach den Satz rausholen: „Ich bin das Haupt. So.“ Ich male mir schon aus, wie sie gleich untertänigst gehorcht. So weit die Theorie. In der Praxis machen wir es dann wahrscheinlich wie gewohnt so wie sie es will.

Vor Wismar geht es ein gutes Stück an der Ostseeküste entlang. Wieder sehr standig und keineswegs menschenleer. Aber schön ist es. Durch Wismar radel ich recht zügig durch. Das macht auf mich alles keinen so netten Eindruck, mag auch aber an meiner allgemeinen Abneigung gegenüber Städten liegen. So richtig was gerissen habe ich heute noch nicht, bin aber dennoch so erschöpft, dass ich mich ein paar Minuten auf den warmen Asphalt des Radweges lege, nachdem ich der Stadt entkommen bin. Hier ist nicht mehr viel los und niemand kann meine Schande beobachten.

Neubukow durch, frage ich mich, wo ich wohl einen Campingplatz finde. Schlauerweise habe ich meine sorgfältig ausgearbeitete Camping Liste zu Hause gelassen. Und Internet gibt es hier gerade im Wald keines. Manchmal muss man Dinge auch auf sich zukommen lassen. Ein sehr langsam fahrender Pkw blockiert meinen Fahrradweg. Ich komme näher und sehe, dass neben dem Pkw ein Hund her läuft. Der Hundebesitzer führt also seinen Hund mit dem Auto Gassi.Habe ich so auch noch nicht gesehen.

Es geht durch Kröpelin und Bad Doberan. Auf dem Friedhof fülle ich meine Wasserflaschen auf. Laut Internet findet sich weit und breit kein Campingplatz. Ich fahre durch den Wald und die Sonne geht unter. Es wird so duster, dass mir ein wenig unheimlich wird. Nach Verlassen des Waldes setze ich mich auf die nächstbeste Bank und werfe den Gaskocher an. Ich brauche etwas Warmes und erhitze eine Gulaschsuppe für 79 Cent aus dem Aldi. Wahrlich nichts besonderes, aber heute Abend zusammen mit einem Brötchen ein Gaumenschmaus.

Das Restlicht des Tages entschwindet und es wird kühler. Ich ziehe die Jacke an und sattel auf, um wieder in Bewegung zu kommen. Auf meinem Weg zur Arbeit bin ich bereits oft im Dunkeln gefahren, aber heute ist es das erste Mal auf einer mehrtägigen Tour. Aufregend.

Ich rolle in Rostock ein. Vorbei am Zoo und der Stadthalle. So fast ohne Verkehr auf den Straßen, dass hat was. Der Track macht einen kleinen Schlenker. Aha, zum Penny geht es hier. Der hat natürlich zu, dafür entdecke ich eine schön fotogene Wand, vor der ich mein Rad knipse. Ich komme an etlichen Hotels vorbei, doch widerstehe der Versuchung, ein Zimmer zu nehmen. Das übersteigt nun wirklich mein Budget. Dafür setze ich mich in eine Bar und trinke einen Kaffee gegen die Müdigkeit. Wo es mich heute Nacht wohl noch hin verschlägt? Ich berichte morgen und verabschiede mich erstmal…