Hanse Gravel – Tag 1

Heute morgen ist die beste Ehefrau von allen ungewöhnlich gut gelaunt. Man könnte fast meinen, sie ist aufgekratzt. Ob es damit zu tun hat, dass ich ein paar Tage weg fahre? Auf Nachfrage druckst sie verschmitzt lächelnd ein wenig herum. Natürlich gönne ich ihr sehr gerne die paar freien Tage. Überhaupt ist das ja quasi der Hauptgrund, warum ich fahre: die Erholung meiner Frau.

Mein Zug bis Hamburg startet nach dem Frühstück um 10:23 Uhr. Bei dem Wetter bin ich nicht der einzige Radler im Zug. Ich döse vor mich hin und (be-) lausche meine Mitreisenden. So ein Zugabteil kann ein kleiner Mikrokosmos unserer Gesellschaft sein. Da sitzen gut situierte Rentner mit Jack Wolfskin Jacke und Marken E-Bike neben den sozial abgehängten unserer Gesellschaft.

Bei strahlendem Sonnenschein steige ich um viertel nach zwölf in Hamburg aus. Dafür, dass es vor genau einer Woche geschneit hat und lausig kalt war, kann ich sehr zufrieden sein.

Anfangs geht es an der Alster entlang. Bei dem Wetter und gleichzeitig Osterwochenende natürlich mit dementsprechend viel Rad- und Fußgängerverkehr. Schon auf den ersten Metern bin ich ein wenig von der Fahrrad- Verkehrsführung Hamburgs angetan. Vernünftige Fahrradspuren und einige Fahrradstraßen, an denen ich entlang komme. Hier haben die Räder Vorrang. Das mag nicht stellvertretend für die ganze Stadt sein, aber schon erschreckend, dass in Bremerhaven noch nicht einmal ein Radweg auf der Kennedybrücke für nötig gehalten wird, als diese saniert wurde. Auf das die LKW weiterhin dreispurig am Klimahaus vorbei donnern können.

Schon bald finde ich mich im Hamburger Wald wieder. Auf wirklich verschlungenen Pfaden geht es durch das Gehölz. Da der Hanseaten Weg primär ein Wanderweg ist, geht es auch schon mal eine Treppe rauf und runter oder auf einen Meter breiten Trampelpfad über Stock, Stein und Wurzeln. Es macht wirklich Spaß, durch den Wald zu brausen.

Auf dem mich begleitenden Flüsschen sind etliche Kanus unterwegs. Ein Mann in den 50ern paddelt ganz gelassen. Auf mich macht er den Eindruck, als wenn er zu Hause nicht viel zu lachen hat und dies der einzige Ort ist, an dem er noch Captain sein darf. Ich freu mich für ihn.

Ein anderer bepackt gerade sein Kanu mit 2 Jever Kisten. Ach, muss das herrlich sein… sich auf dem Fluss treiben lassen, das sanfte Plätschern des Wassers im Ohr und ein leichtes Gluckern in der Kehle vom wohl leckersten Bier der Welt.

Plötzlich treffe ich auf eine Gruppe mit mindestens 20 Dackeln. Langsam rolle ich an ihnen vorbei. Meine Eltern würden es mir nie verzeihen, eines dieser niedlichen Geschöpfe angefahren zu haben. Einer der Dackel, ich vermute der Anführer des Rudels, rennt mir bellend einige Meter hinterher. Bin mir gar nicht sicher, ob der meine Wade überhaupt erreichen könnte, trete aber dennoch beherzt in die Pedale.

Nach gut über 40 km meine ich, ein Päuschen verdient zu haben. Ich setze mich auf die Bank und packe meine neue Errungenschaft aus. Einen kleinen Gaskocher. Ich fülle den Topf mit ein wenig Wasser, drehe das Gas auf und meine, ihn zu entzünden. Nach drei Minuten wundere ich mich, dass der Kocher zwar nette Geräusche macht, das Wasser aber immer noch nicht kocht. Da stelle ich fest, dass ich den Kocher nicht richtig gezündet habe. So kann man die Gaskartusche natürlich auch leer bekommen. Das kommt davon, wenn in Irland immer der Fahrrad Partner den Kaffee gekocht hat. Nach nun aber erfolgreicher Zündung kocht das Wasser in weniger als zwei Minuten und ich kann mir meinen Räuber Kaffee aufgießen. Dazu die Schokolade, die mir meine Nachbarin heute morgen noch gespendet ab.

Ich komme an einem sehr schön zum Wohnhaus umfunktionierten alten Bahnhof vorbei. Da wird mir bewusst, dass die Strecke, auf welcher ich gerade rolle, nicht ganz zufällig fast schnurgerade ist. Ich bin auf einer ehemaligen Bahntrasse unterwegs.

In Bad Oldesloe freue ich mich über einen DM in der Fußgängerzone. Würdige ich diese elenden Drogeriemärkte sonst keines Blickes, sind sie mir auf Radtouren stets willkommen. Hier gibt es vieles, was das Radlerherz auf Reisen begehrt. Schokoriegel, Wasser, Zahnpasta, Duschgel, Zahnseide und Desinfektionstücher. Heute kaufe ich aus gegebenem Anlass Sonnencreme.

Das Ortsschild Lübecks passierend, wird mir nach und nach ein wenig kühl. Die Sonne scheint, doch der Fahrtwind ist frisch. Ich hole meine erprobte Windweste aus der Tasche und stelle fest, dass die mir vor knapp einem Jahr auf Korsika wesentlich besser gepasst hat. Da wären wir wieder bei denen vor einigen Wochen erwähnten 13 Kilo zuviel. Ich werde auf jeden Fall das Westenmaterial auf seine Reißfestigkeit prüfen können.

In Lübeck werden die Wege wieder ein wenig belebter und mir graut schon davor, durch die Innenstadt zu fahren. Mit der Windweste sehe ich aus wie eine Gummi Wurst aus dem Kühlregal auf zwei Rädern. Mann, ist das peinlich.

Ich möchte nicht verschweigen, dass ich heute eine Ampel in Lübeck bei Rot passiert habe. Weder von rechts noch von links war weit und breit Verkehr zu sehen, da bin ich einfach rüber gefahren, obwohl auf der anderen Seite eine Rentnerin samt Rad vorschriftsmäßig gewartet hat. So gleich weist sie mich auf meinen Fauxpas hin und zeigt wild gestikulierend und aufgeregt, dass hinter mir ein Polizeigebäude ist. Ich bin nicht sicher, ob sie mich warnen oder verpfeifen will. Ihrem Gesichtsausdruck nach eher letzteres. Da kann ich nur hoffen, dass die Sheriffs heute besseres zu tun haben als einen Rad fahrenden Verkehrssünder mit Blaulicht hinterher zu jagen.

Es geht idyllisch an der Trave entlang. Viele Menschen genießen die Abendsonne und haben sich auf die Wiesen und an das Ufer gesetzt. Mir wird dennoch laufend kälter und ich ziehe meine Jacke an.

Der Herrentunnel markiert das baldige Ende meiner Tour. Der Tunnel führt unter die Trave hindurch, ist aber nicht mit dem Rad befahrbar. An beiden Tunnelenden fahren Busse, die Fußgänger und Radfahrer umsonst rüber bringen. Leider verpasse ich den 20 Uhr Bus ganz knapp und muss 15 Minuten warten. So langsam läuft mir die Zeit davon, denn gleich ist Sonnenuntergang. Auf der anderen Seite der Trave sind es auf direktem Weg noch ca. 7 Kilometer bis zum Campingplatz in Travemünde.

Ich komme knapp vor Einbruch der Dunkelheit an, baue mein Zelt in Windeseile auf und gehe zum Italiener, der sich auf dem Campingplatz Gelände befindet. Mir gelüstet nach Pasta und in weniger als 60 Sekunden habe ich mich für eine Gericht entschieden. Einfach lecker nach solch einem Kräfte zehrenden Tag.