Hanse Gravel 2019 – Prolog

Ab morgen geht es für mich auf den Hanse Gravel.  

„Hanse…was?“  

Hanse steht für den Hanseatenweg – ein die Hansestädte Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Wolgast, Anklam und Stettin verbindender Rad- und Wanderweg. Eine stilisierte Kogge dient dabei als Symbol dieses Wander- bzw. Radweges.

Und Gravel ist neudeutsch für Schotter. Denn es geht dabei über weite Strecken auf naturbelassenen Pfaden mit entsprechend hohem Schotter-, Kies- und Sandanteil.

Die schöne Wortschöpfung Hanse Gravel entstammt übrigens nicht meiner verwirrten Gedankenwelt, sondern der Hanse Gravel ist eine eigentlich erst kommenden Donnerstag startende „Bikepacking-Abenteuer-Selbstversorgerfahrt“. Zur Hanse Gravel Homepage geht es hier.

Ein das Radabenteuer suchendes Fahrerfeld von gut 180 Mann bzw. konkreter ca. 160 Herren und 20 Damen hat sich vorgenommen, die ca. 625 km lange und 2500 Hm umfassende Strecke bis Stettin im „Rennmodus“ unter die Pedale zu nehmen. Zwar kein Rennen im klassischen Sinn, aber was das Tempo anbelangt, wohl schon rennorientiert. Will heißen: möglichst leichtes Rad, wenig Gepäck, wenig schlafen, selten Pausen, quasi „Radeln, bis einer heult.“ Ich vermute, dass die ersten nach weniger als 48 Stunden in Stettin ankommen werden.

Das erklärt dann auch, warum ich nicht offiziell teilnehme. Weder ich noch mein Rad sind leicht. Und ich habe nicht nur einen Schlafsack für die Bank am Wegesrand dabei, sondern gleich ein ganzes Zelt und schlafe in der Regel mehr als eine Stunde am Stück. Tagsüber mache ich häufig und gerne Pausen und nehme meine Nahrung nicht auf dem Rad, sondern im Lokal sitzend ein. Sogar einen Gaskocher habe ich erstmals dabei, um mir morgens einen anständigen Kaffee gönnen zu können. Und überhaupt: konditionell bin ich nicht annähernd in der Lage, so lange mit hohem Tempo fahren zu können. Die meisten Teilnehmer werden samt Rad, Gepäck und Verpflegung weniger wiegen als ich ohne Rad und nackt. Und das bei gleichzeitig weniger Muskelmasse.

Daher habe ich mich entschieden, einfach mal ein paar Tage früher zu starten. Nicht im „Renn- sondern Spaßmodus“. Was nicht ausschließen wird, ebenfalls an ganz persönliche Grenzen zu stoßen und hier und da mal ein wenig zu heulen. In Zahlen ausgedrückt: wenn ich es in weniger als 120 Stunden bis Stettin schaffe, bin ich zufrieden. Und während ich dem Verlauf alter Handelsrouten folge, habe ich so auch viel mehr Zeit, um über europäische Völkerverständigung im Allgemeinen und die Bedeutung der Hanse im Besonderen nachdenken zu können.

Mein persönlicher Hanse Gravel wird übrigens nicht in Stettin enden, sondern so wie wahrscheinlich auch für die meisten „richtigen“ Teilnehmer des offiziellen Hanse Gravel geht es ca. 170 km weiter bis in die deutsche Hauptstadt hinunter. Dort findet kommendes Wochenende die VELO Berlin statt – eine Fahrradmesse auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof. Wenn es körperlich, emotional und zeitlich möglich ist, gerne wieder aus eigener Kraft mit dem Rad, alternativ eben mit dem Zug. Denn spätestens Freitag Abend möchte ich so oder so Berlin erreicht haben, um am Samstag über die VELO Berlin schlendern und zwei- bis drei neue Räder zu kaufen zu können.

Die Fahrradmesse war auch der eigentliche Rechtfertigungsgrund gegenüber der besten Ehefrau von allen, überhaupt mit dem Rad nach Berlin zu fahren. Denn wer mit selbigem auf das Tempelhof Gelände einrollt, bekommt das Tagesticket für 7 € statt 9 €. Und Sparen ist ja auch im Interesse meiner Frau. Später habe ich zwar gesehen, dass ich das Ticket auch online zum Sparpreis von 7 € hätte erwerben können. Aber mal ehrlich: mit dem Auto nach Berlin? Wo wäre da der Spaß? Und ohnehin befürchte ich, dass meine Frau mich durchschaut hat, dass mal wieder der Weg das Ziel ist.