#festive 500 – II.

Um 6 Uhr bin ich wach. In 15 Minuten, um 6:15 Uhr, klingelt mein Wecker. Wieder sitze ich auf der Bettkante und hadere mit mir. Der innere Schweinehund knurrt bedrohlich. Ich denke an 60 Pakete Butter. Gesprächsfetzen im Kopf.

Fragt die eine Kollegin die andere: „Ach, hat Björn noch gar nicht gesehen, dass Lebkuchen in der Zentrale liegen?“
Sagt die andere: „Das wundert mich auch. Der Riedel ist doch sonst immer wie ein Trüffelschwein.“

Ich stehe auf. Heute bereits nach drei Minuten.

Während ich mich fertig mache, kommt Sohnemann bierselig zur Haustür hinein.

„Wo willst du denn hin?“
„Fahrrad fahren. Willst mit?“
„Was meinst du? Könnte ich das schaffen?“
„Ohne Schlaf und mit Alkohol im Blut? Nein.“
„Ich komm mit.“ Plötzlich ist Sohnemann ganz aufgeregt und redselig.
„Nein. Du legst dich hin. Schläfst. Und dann lernst du brav wie in den letzten Tagen.“
„Nein, ehrlich. Ich komm mit.“
„Das schaffst du nicht. Ich fahre heute 125 km. Bei 4 bis 6 Grad. Du machst es vielleicht bis Bad Bederkesa. Dann rufst du Mama an, damit sie dich abholt. Du kannst morgen mit. Dann fahre ich 100 km und du bist ausgeschlafen. Wird immer noch anstrengend genug.“
„Ok. Aber morgen komm ich mit. Ich mach das. Aber mindestens 100 km. Muss schon dreistellig sein.“
„Das ist die richtige Einstellung. Dann bis später.“

Ich bin raus aus der Tür und rolle mich kurz nach Sieben auf dem ersten Abschnitt meines täglichen Arbeitsweges bis Spaden ein. Jetzt fahre ich hier also auch im Urlaub im Dunkeln lang. Ich muss einen an der Waffel haben.

Bis Drangstedt meide ich die Hauptstraßen und befahre Wirtschaftswege. Die stille Dunkelheit schärft die Sinne. Keine Geräusche. Nahezu windstill. Nur das Abrollen der Reifen und das leise Surren der geölten Kette. Ich kenne die versteckten Wege bis Drangstedt, doch fahre ich sie erstmalig bei Dunkelheit. Wie anders sich das anfühlt.

In Bad Bederkesa gibt es im Aral Bistro einen zweiten Kaffee. Bis zum Ende der Tour werde ich zwar noch einige Tankstellen passieren, doch diese wird die einzige bleiben, die am heutigen 1. Weihnachtsfeiertag geöffnet hat.

Gestern im Landkreis Vechta, Oldenburg und Wesermarsch, heute im Landkreis Cuxhaven. Ist der attraktiver? Zumindest zu der Zeit, in der ich am Hadelner Kanal entlang radel, die aufgehende Sonne hinter dunklen Wolken hervor blitzend und Enten auf der spiegelglatten Wasseroberfläche schwimmend, meine ich, das der Landkreis Cuxhaven die Nase vorn hat. Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Später, als wieder alles grau in grau ist und ich auf endlosen Straßen an zahllosen Gehöften mit ihren langen Auffahrten – ob geschottert, geteert, gepflastert oder einfach nur vermatscht – vorbei rolle, bin ich mir nicht mehr sicher, ob attraktiv überhaupt das passende Adjektiv für einen dieser Landstriche ist. Ich will es mal so sagen. Wenn der Hund im Landkreis Wesermarsch begraben liegt, dann ist er zumindest im Landkreis Cuxhaven gestorben.

Mittags erreiche ich Freiburg an der Elbe. Die morgendliche Unterhaltung mit Fynn kommt mir in den Sinn.

„Wo fährst denn lang?“
„Bad Bederkesa. Neuhaus an der Oste. Freiburg an der Elbe. Hemmoor. Bremervörde.“
„Wie? Mit dem Zug bis Freiburg?“
„Nee. Mit dem Rad.“
„Bis Freiburg?“
„Ja. Freiburg an der Elbe.“
„Da gibt es auch ein Freiburg?“
„Ja. Nur kleiner.“

Und hier bin ich. Wie ausgestorben. Alles zu. Vor über drei Jahren – im milden Spätherbst 2016 – bin ich schon mal mit dem Rad durch Freiburg an der Elbe gefahren. Damals war Stadtfest. Hausgemachte Rocher-Torte und Kaffee satt für 3,50 € im Festzelt. Ich darf gar nicht weiter dran denken. Mir fröstelt´s und es sind noch 50 Kilometer bis zum Bahnhof in Bremervörde.

Stoisch trete ich vor mich hin. Wenn ich mit den Armen auf dem Auflieger bin und gebückter fahre, schlagen die Oberschenkel rhythmisch gegen meinen Schweinebauch. 80 Mal in der Minute. Das hat sich auch schon mal besser angefühlt.

Immer wenn die Kraft mich  verlässt und das Tempo sinkt, suche ich mir ein überdachtes Buswartehäuschen und esse. Die Kraftriegel machen den Eindruck, bereits mehrfach geschmolzen und nun wieder erkaltet zu sein. Kein Wunder. Die habe ich im Sommer bei bis zu über 30° C schon über die Alpen bis Venedig transportiert. Und im Oktober sind sie abgelaufen. Doch heute, angesichts allseits geschlossener Bäcker, Imbisse und Supermärkte erfüllen sie ihren Zweck. Energie, um weiter zu kommen.

Es geht an Torfabbau-Flächen vorbei. Sehe ich zum ersten Mal bewusst. „Norddeutscher Schmuddelkram is dat“, wird später jemand zu mir sagen.

Plötzlich erscheint in Bremervörde ein großes, leuchtendes M vor den Augen. Kann es sein? McDonald’s hat geöffnet und da ich noch 20 Minuten und 1,5 km bis zum Zug habe, gönne ich mir die neue Currywurst Chicken von Deutschlands beliebtester Fastfood Kette. Das Dinge kostet 2,80 €. Und beim Öffnen der Schachtel frage ich mich, wieso die Größe meiner Currywurst im eklatantem Missverhältnis zur riesigen Pappschachtel steht, während die Currywurst auf dem Bild die Verpackung mehr als gut ausfüllt. Schmecken tut sie auch nicht. Das Teil hole ich mir nicht nochmal. Das nächste Mal gibt es wieder den Doppel-Cheeseburger. Da weiß man, was man hat. Und wo ich gerade den Doppel-Cheeseburger erwähne: eben jenen kaufte ich mir vorvergangenen Samstag nach zuviel Kaffee und mit flauem Gefühl im Magen. Ich musste am Tresen warten. Ein gutes Zeichen. Denn dann ist der Burger heiß und frisch. Den McDonald’s verlassend, beiße ich hinein und sage zu meinem Sohn: „Ist der lecker. Und so schön heiß.“ Just in dem Moment schnappt sich eine Möwe meinen Burger. Einen Moment unachtsam und man steht mit leeren Händen und leerem Magen dar.

Zurück zur geradezu lächerlichen Currywurst. Die würde ich den Möwen freiwillig vor den Schnabel werfen. Nur dass in Bremervörde keine Möwen sind.

Ab in den Zug. In Bremerhaven-Lehe aussteigen. Dusche. Essen. Couch. Mit Fynn „L.A. Crash“ gucken.

229 von 500 km stehen auf der Uhr.