#festive 500 – I.

Rad fahren kann so vieles sein. Anstrengend. Leicht. Langweilig. Interessant. Wärmend. Auskühlend. Belebend. Ermüdend. Oder einfach schön. Das alles und noch viel mehr war das Rad fahren für mich während meiner Teilnahme an der weltweiten Radsport-Challenge Festive 500.

Um 5:40 Uhr bin ich wach. In fünf Minuten wird mein Wecker klingeln. Ich sitze auf der Bettkante und überlege vier geschlagene Minuten lang, ob ich aufstehe, um Rad zu fahren und erstmalig an der vom Radbekleidungshersteller Rapha weltweiten Radsport-Challenge Festive 500 teil zu nehmen. 500 mit dem Rad zu fahrende Kilometer. In acht Tagen. Zwischen den Feiertagen. Egal wie, egal wo. Zu gewinnen gibt es nichts. Einfach so. Einziger Anreiz ist ein kleiner Rapha Aufnäher, der einem in diesem Jahr letztmalig zugesandt werden soll, wenn die 500 zwischen den Feiertagen gefahrenen Kilometer über einen Strava-Account nachgewiesen werden können.

In die stylishen Radklamotten von Rapha passe ich ganz sicher nicht, doch den Aufnäher würde ich nehmen wollen. Gestern Abend dachte ich auch noch, dass die 500 km gut machbar sein müssten. Doch heute morgen um Zwanzig vor Sechs, draußen kalt und dunkel, das Bett muschelig warm, der verfettete Körper träge und müde, erscheinen 500 km wie etwas weit jenseits meiner Vorstellungskraft. Durch die geschlossene Jalousie höre ich es leise regnen. 5:44 Uhr. Will ich weitere 2 kg über die Feiertage zunehmen? Träge im Bett und auf der Couch liegen? Von youtube und Netflix das Hirn berieseln lassen? Oder raus aus der Komfortzone und dem inneren Schweinehund einen Tritt in den Allerwertesten geben?

Ich muss an die 60 Pakete Butter denken, die ich mittlerweile zugelegt habe. Und stehe auf. Machen ist krasser als wollen. Challenge accepted. 500 km. 8 Tage. Festive 500. How hard can it be?

Um halb Sieben nehme ich den Zug bis Goldenstedt. Das ist ein kleines Kaff kurz hinter Wildeshausen und zugleich Grenze des VBN Gebietes, in dem unser MIA Plus Ticket gilt. Weiter will ich aus Kostengründen nicht fahren.

Ich trete in die Pedale und der Tag erwacht. Viel heller wird es dadurch allerdings nicht. Bleischwerer Himmel über brach liegenden landwirtschaftlichen Flächen.

In den nächsten Stunden passiere ich Hunderte von Zugvögeln. Die ein oder andere Gruppe von Wildgänsen schreckt auf, wenn ich an ihnen vorbei keuche. Immer wieder ein schöner Anblick, der das allgegenwärtige Grau erträglich macht.

In Elsfleth komme ich an einem im E-Center gelegenen Bäcker vorbei. Obwohl vorgenommen, meine am Morgen geschmierten Brote zu essen, ist die Vorstellung, im geheizten Café zu sitzen, einfach zu verlockend. Während ich mir selbstzufrieden meine Teilchen rein stopfe, beobachte ich zwei ältere Männer. Der Linke sabbelt in einer Tour und berichtet von vergangenen Heldentaten. Der Rechte sagt nicht ein Wort. Seine Beteiligung am Gespräch beschränkt sich auf fortwährendes Nicken und eine Mimik, die von Erstaunen über Zustimmung bis Bewunderung reicht. Unterhaltsamer Höhepunkt des heutigen Tages.

Später ein Herzschlagfinale auf die Fähre in Brake. Hechelnd rolle ich auf die Fähre und schon setzt sie nach Sandstedt über. Bisher war´s kalt. Jetzt kommt Regen dazu. Nach einer halben Stunde bin ich durch. Doch es ist nicht mehr weit.

Um 14 Uhr bin ich zurück. Zeit für ein verspätetes Mittagessen und anschließend Kaffee und Kekse. Geduscht fällt mein schwerer Körper auf die heimische Couch. Tiefe Zufriedenheit und Ruhe überkommen mich. Sohnemann gesellt sich zu mir und wir gucken gemeinsam „Insomnia“ mit Al Pacino, Robin Williams und der noch jungen Hillary Swank.

103 von 500 km stehen auf dem dem Tacho. An die noch 397 noch zu fahrenden Kilometer darf ich jetzt nicht denken.