#festive500: Acht Tage und keine 500 Kilometer

Tag 1.

Fünf Tage ist mein Sturz vom Rad her. Die Nachwirkungen sind noch spür- und sichtbar. Ich stehe also nicht pünktlich auf und setze mich auch nicht um Sieben aufs Rad. Oder wie manche es gar am ersten Tag der jährlichen und vom Radbekleidungsgersteller Rapha ausgerufenen Festive500 halten: um 0:01 Uhr.

Nach dem Frühstück wage ich mich dann aber doch erstmalig nach meinem Abflug wieder rauf aufs Rad. Schließlich ist gestern der erste Fahrradhelms meines Lebens mit der Post gekommen und will ausgeführt werden.

Um Viertel nach Elf trete ich zaghaft in die Pedale. Vor jeder Kurve, durch jedes bisschen Matsch und durch jede Pfütze fährt die Angst mit, wieder zu Fall zu kommen. Ein Sturz macht sich nicht nur in den Knochen bemerkbar, sondern bleibt vor allem auch im Kopf sitzen. Ich mag kaum Geschwindigkeit aufnehmen.

Erst nach gut über 50 Kilometern stellt sich erstmalig ein annähernd gutes Gefühl in der Rübe ein. Wobei mein Körper dort bereits den Punkt erreicht hat, nicht mehr wirklich weiter zu wollen. Es sind gefühlte 2° Grad und der Rotz läuft in einer Tour aus der Nase. Und dennoch Freude darüber, los zu sein.

Weites Land. Halme im Wind. Zaghaftes, sanft durch Wolken brechendes Sonnenlicht. Kühle, klare Luft. Das Geräusch der sich durch den Matsch rollenden Reifen und einer knirschenden Kette.

81,2 Kilometer stehen nach gut vier Stunden auf der Uhr und ich bin so erschöpft als wäre ich das doppelte gefahren.

Tag 2.

Nach dem Erwachen Kaffee trinken. In der ARD Mediathek die gestern Abend begonnene Mini-Serie Klassentreffen zu Ende schauen. Immer wieder der Blick auf die Uhr.

„Müsstest doch jetzt schon los sein!“, spukt es im Kopf herum.

Meine Frau fragt: „Was ist?“

„Ich hatte mir doch eigentlich was vorgenommen.“

„Ja, du hattest dir etwas vorgenommen. Das war vor deinem Sturz. Und jetzt – nach deinem Sturz – hast du erstmal gar nichts mehr vor.“

Widersprechen zwecklos. Die Sonne scheint und ich lasse Minute um Minute und Stunde um Stunde sinnlos verstreichen. Statt einfach aufzubrechen, sitze ich regungslos auf der Couch und denke dennoch unentwegt ans Radfahren. Momente, in denen der Kopf irgendwie will, doch der sackschwere Körper sich einfach um keinen Zentimeter rührt. Das ist wie auf einer Fernbedienung herum drücken, dessen Batterien leer sind. Es tut sich einfach nichts.

Am Nachmittag gelingt es meiner Frau, mich zu einer klitzekleinen Gemeinschafts-Radtour von 17,6 Kilometern zu überreden. 

Dadurch motiviert beschließe ich, morgen 115 Kilometer zu fahren. Ich lege meine Radklamotten zurecht und nehme mir vor, zeitig zu starten. Die komoot-Route wird angelegt und eine neue Spotify-Playlist zusammen gestellt.

Tag 3.

Ich wache auf. Und bleibe liegen. Ein Kaffee, zwei Kaffee. Frühstück und wieder ins Bett. Trotz des Koffeeinschubes schlafe ich nach 2-3 Minuten fest ein. Nach zwei Stunden werde ich wach. Wieder Kaffee und ein zweites Frühstück. Es ist bereits Mittag. An Radfahren mag ich noch nicht einmal denken. Vergessen all die gestrigen Pläne und guten Vorsätze. 115 Kilometer erscheinen mir unmöglich. Ich lege mich nochmal für zwei Stunden ins Bett. Meine Frau ist irritiert, dass ich überhaupt so viel schlafen kann.

Die erste und einzige Aktivität des Tages ist ein gemeinsamer halbstündiger Spaziergang am Nachmittag bei bereits einbrechender Dunkelheit. Und das auch nur, weil mich meine Frau unter Androhung von Gewalt und Liebesentzug vor die Tür prügelt. Danach lege ich mich vor die Leinwand und beriesel das müde Hirn mit einem Zuviel an Unterhaltung. Für morgen nehme ich mir gar nichts mehr vor.

#Festive500 ist für mich gelaufen.

Tag 4.

Es bleibt alles wie am Vortag. Zu viel Kaffee und zu viel im Bett.

Wie die personifizierte Trägheit schaffe ich es grad noch, aufs Klo zu gehen. Wenigstens das. Wäre danach nicht alles so nass, würde ich den Urin einfach laufen lassen. Zum Abend wird mir abermals ein kurzer Spaziergang abgerungen. Das bisschen frische Luft hilft einen Moment, klar zu denken. Überhaupt zu denken. Einen vagen Entschluss zu formulieren. Nämlich morgen Rad zu fahren.

Es ist Festive500-Halbzeit und ich habe keine 100 von 500 Kilometern im Sack. Egal. Dann eben nur ein Festive250 oder so.

Tag 5.

Schon vor dem Frühstück quäle ich mich in die immer enger werdenden Rad-Klamotten. Der Blick auf die Wettervorhersage legt mir meine erst dieses Jahr erworbene Regenjacke nah. Doch in die passe ich nicht mehr hinein. Ich darf an dieser Stelle gar nicht sagen, was die gekostet hat! Ein Windstopper muss genügen. Ich rolle um 9 Uhr los.

Nach 10 Kilometern bin ich am Deich. Plötzlich zieht in geringer Höhe ein riesiger Vogelschwarm über meinen Kopf. Tausende Wildgänse, die sich in Gruppen auf den Wiesen des angrenzenden Naturschutzgebietes Luneplate niederlassen. Was für ein gigantischer Anblick!

Peter Maffay brummt mir dazu ins Ohr:

„Irgendwo tief in mir
Bin ich ein Kind geblieben.
Erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann,
Weiß ich, es ist für mich zu spät, zu spät, zu spät.“

Ich singe lauthals mit. Noch keine zehn Kilometer auf der Uhr und die Hormone tanzen Tango. Trotz Wind und Kälte und Matsch ist es einfach -entschuldigt den Kraftausdruck – geil.! Siff statt Zwift.

Und die ganzen verquollen-kitschigen Songs aus meiner Spotify-Festive500-Playlist passen wunderbar zum sanften Licht des Tages und der aktuellen Gemütslage.

Vor Kilometer 60 geht es über nasses Laub durch ein kleines, aber feines Waldstück bei Bokel. Nichts kann die Stimmung trüben. Selbst ab und an durch Pfützen waten oder Green Hornet durch den Matsch zu schieben schmälert nicht mein temporäres Glück.

Das hält bis Kilometer 80 an. Dann muss ich mich schon fragen, warum ich ausgerechnet 100 Kilometer planen musste. Das nasskalte Wetter schlägt zurück und fordert Tribut. Auf den letzten Kilometern viel Kampf und Krampf. Doch wenn man dann erstmal daheim unter der heißen Dusche steht, wohl wissend, dass es danach etwas Feines zu essen gibt, haben sich alle Mühen gelohnt. Auch dieser Augenblick ist unbezahlbar.

Fast 200 Kilometer auf dem Zettel. Noch 3 Tage und 300 Kilometer. Doch das gerät zur Nebensache. Für den Moment muss kein Ziel mehr erreicht werden. Ein großartiges Gefühl der Entspannung flutet meinen aufgedunsenen Körper.

Und dann signalisiert Sohnemann, mich am morgigen Dienstag auf dem Rad zu begleiten. Aber nur unter der Voraussetzung, dass sein riesiger Bluetooth Lautsprecher an mein Zweitrad Tank gebastelt werden kann, ich Matsch- und Waldwege außen vor lasse und die Distanz nicht mehr als 60 Kilometer betrage. Er würde mir morgen früh über WhatsApp Bescheid geben, ob es klappt. Ich bin gespannt.

Tag 6.

Nach dem Erwachen kann ich keine Nachricht meines Sohnes auf dem Handy finden. Ich funke ihn an und erhalte die Antwort „Gehe jetzt duschen“. Eine halbe Stunde später klingelt das Telefon. Angesichts des Sauwetters rechne ich mit einer Absage, doch Sohnemann bittet lediglich darum, dass ich Kaffee aufsetze und ein paar Funktionsklamotten für ihn raus lege.

Wir starten um halb Elf. Die ersten 20 Kilometern rollt es gut. Wegen einsetzenden Regens setzen wir uns in ein Buswartehäuschen und essen eine 5-Minuten-Terrine.

Nach weiteren 10 bis 15 Kilometern fällt unser Schnitt peu à peu Richtung 16-km/h-Marke. Tatsächlich rollen wir teilweise bei nur noch 10-12 km/h dahin. Ich muss aufs kleine Blatt schalten und hoffe nicht in eine „Blattkontrolle“ zu geraten.

Dann steigt mein Sohn ab und sagt, er wolle ein wenig laufen. Seine Beine seien so kalt, das Treten nicht mehr möglich ist. Ich solle ruhig alleine vor fahren. Er würde sich derweil in seinem Handy eine Notiz machen:

„Ich fahre nie mehr bei gefühlten -1° C mit meinem Vater Fahrrad.“

Nur für den Fall, dass er das in einem Jahr vergessen haben sollte.

Ich sehe mich gedrängt, die beste Ehefrau von allen und gleichzeitig liebende Mutter unseres gemeinsamen Sohnes anzurufen und um Abholung mit dem Auto zu bitten. Wir würden an der Windmühle zwischen Dedesdorf und Maihausen warten.

Im Auto sitzend, ruft mir Sohnemann noch zu:

„Gute Fahrt, Papa. Herrlich, wie schön warm es hier im Auto ist.“

Kinder. Man muss sie einfach lieben.

Ich trete beherzt in die Pedale und versuche den verkorksten Schnitt zu retten. Auf den letzten 25 Kilometern stelle ich gleich drei persönliche Strava-Segment-Rekorde auf. Nicht, dass das irgendeine Bedeutung hat. Ich wollte es aber dennoch erwähnen.

273 von 500 Kilometern abgespult. Noch 2 Tage. Ich könnte ja, wenn ich wollte. Will aber nicht. Morgen bleibe ich bei der Frau daheim.

Tag 7.

Wie ich bereits sagte: Ich bleibe bei der Frau daheim. Am Abend eine kleine gemeinsame Runde auf dem Rad. Nur kurz aufs Wasser gucken. 285 von 500 Kilometern sind notiert. Es fehlen 215 Kilometer und ich habe noch einen Tag.

Für ein paar Stunden meine ich tatsächlich zu können, wenn ich wollte. Einfach alles raus hauen, was an Kraft-Reserven vorhanden sein mag. Die Route im Kopf steht. Den Wecker auf halb Vier stellen und Zähne zusammen beißen.

Ich deute meiner Frau gegenüber mein Unterfangen an. Sie verschränkt die Arme. Das verheißt für gewöhnlich nichts Gutes.

„Wie viel Kilometer?“

„215.“

„Nein. Auf keinen Fall. Das ist mal wieder dein Zwang. Was soll das? Für was oder wen willst du das fahren? Du bist erst gestürzt. Wozu musst du eine Zahl erreichen? 500 Kilometer“? Reiß diese Schranke in deinem Kopf um. Das ist nur eine Zahl. Ist doch nicht normal?! Du bist ein Getriebener! Geh´da mal gegen an.“

Das ist nur ein klitzekleiner Auszug dessen, was meine Ohren hören, aber im Verstand nur diffus ankommt. Und dennoch weiß ich: das wird nichts. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich die ablehnende Haltung meiner Herzensfrau als Ausrede gebrauche, um doch auf der Couch liegen zu bleiben. Hier und jetzt war ich im Kopf soweit. Doch der Preis wäre zu hoch.

Egal. Wenn ich nicht mitten in der Nacht raus muss, dann kann ich auch noch um 18 Uhr Kaffee trinken. Wenigstens das.

Tag 8.

Festive500. Acht Tage. 500 Kilometer. Eigentlich gut machbar. Doch für mich dieses Jahr nicht. Zu wenig gewollt. Zu wenig gekonnt. Aber wenigstens die 350 will ich knacken. Also noch 65 Kilometer. Durch den Wald. Ein letztes Mal in diesem Jahr Laub und Matsch.

Diese 65 Kilometer verlangen mir noch einmal alles ab. Habe ich nicht gestern fantasiert, auch 215 Kilometer machen zu können? Welche Schaltkreise in meinem Hirn wurden bloß falsch verlegt, dass ich es regelmäßig schaffe, mich immer wieder dermaßen selbst zu überschätzen?

Ich bin jedenfalls völlig fertig, als ich zu Hause ankomme. Kaum ansprechbar. Mir ist einfach nur kalt und ich laufe auf Reserve.

Resümee.

Ich sehe nicht aus wie ein Radfahrer. Habe weder die Figur noch die Haltung. Dabei schaue ich mir all zu gerne schöne Fotos athletischer Radfahrer und Radfahrerinnen an. Und wenn sie schon nicht athletisch sind, dann doch zumindest hip und cool. Immer in den passenden Klamotten. Und im rechten Licht. Ästhetisch. Mit Stil.

Doch das bin ich alles nicht. Da hilft mir auch meine Rapha Festive500-Cap nicht. Und genau so wenig reißt es das Festive500-Halstuch raus. Oder die farblich nicht zum Rad passende Festive500-Wasserflasche. Der ganze Rapha-Kram macht es nur noch schlimmer. Er offenbart lediglich, dass ich ein Markenopfer bin. Wie gewollt, aber nicht gekonnt.

Das weiß ich. Und kaufen tue ich mir den Quatsch dennoch. Warum?

Weil es dieses Jahr kein Festive500-Roundel geben wird – also diesen kleinen Aufnäher als Andenken an 500 gefahrene Kilometer. Dafür wurden aber erstmalig auch virtuelle Kilometer auf der heimischen Rolle zugelassen. Also statt Dunkelheit, Wind und Kälte einfach Kilometer im nach Wahl temperierten Wohnzimmer abspulen. Natürlich lasse ich bei meinen Überlegungen die Südhalbkugel außen vor, wo es sicher auch Gegenden gibt, in denen es sich ganz prima zum Jahresende radeln lässt. Aber zum einen ist die Südhalbkugel von Bremerhaven weit weg und zum anderen muss der geschilderte Kontrast von Out- zu Indoor-Kilometern beim Festive500 schon möglichst groß sein, damit meine Gedanken auch halbwegs ihr Ziel treffen. Und die Firma Rapha selbst bevorzugt in ihrem Instagram-Feed auch ganz offensichtlich Fotos von Schnee, Kälte und Regen.

Also: wer will sich schon ein Rapha Festive500 Roundel aus dem Jahre 2020 irgendwo anbringen, nur um dann gefragt zu werden „Bist du eigentlich drinnen oder draußen gefahren?“

Ich nicht. Festive500 muss draußen sein! Also für mich. Selbst dann, wenn ich kläglich versage und nur 350 Kilometer zusammen geklöppelt bekomme (und demnach den Aufnäher so oder so nicht erhalten hätte).

Ich finde, es ist von der Firma Rapha nur gut und konsequent, mit der Einführung von Indoor-Kilometern auch den allseits beliebten Festive500-Aufnäher ad acta zu legen. Für indoor gibt’s halt ein digitales Zeichen. Und für outdoor 1000 Sinneseindrücke und Erinnerungen. Und so verpeilten Typen wie mir, die meinen, etwas „zum Anfassen“ haben zu müssen, zieht man eben die Kohle aus der Tasche und verkauft Ihnen eine Mütze, ein Halstuch und eine Wasserflasche, die an das Festive500 des Jahres 2020 erinnern, welches man dann nicht einmal geschafft hat. Herrjemine.

Ich habe zuvor noch nie was von Rapha gekauft. Die Klamotten passen mir ja eh nicht. Und jetzt habe ich eine Mütze mit einer 500 auf dem Schirm. Einer 500, an der ich gescheitert bin. Na toll!

Egal. Spaß hat es trotzdem gemacht!

Und meine Frau würde sagen:

Das ist kein Scheitern. Sondern ein Wachsen. Ein sich frei machen. Zu erfahren, dass Glück auch in 300 Kilometern zu finden ist.