Von Alternativen und Forschungsprojekten

Bildungsurlaub mit dem Rad im Rheinischen Braunkohlerevier – Teil II.

Nach dem gestrigen sehr warmen und Kräfte zerrenden Tag bekommen wir am Dienstag im Frühstücksraum einen Videovortrag aufs Auge gedrückt. Corana-bedingt ist der Besuch des  Forschungszentrum in Jülich – dem Ptj Jülich mit seinen 1.300 Menschen an vier Standorten – nicht möglich. Daher nur eine Live Schaltung mit den studierten Leuten vor Ort.

Marco und ich schlagen pünktlich um 8:30 Uhr im Gemeinschaftsraum auf, sind aber dennoch nicht rechtzeitig. Die Schaltung steht bereits und ein guter Herr zeigt am vor unseren Nasen aufgebautem TV-Schirm Bilder von irgendwelchen Gebäuden, Labor-Einrichtungen und Photovoltaik Anlagen. Es scheint um alternative Energien, Klima- und Luftreinerhaltungsforschung zu gehen. Und über weitere dreitausend Themen und Forschungsprojekte. Ich verliere nicht den Überblick, ich gelange gar nicht erst zu dem Punkt, das ich behaupten könnte, Überblick zu haben.

Wir als Gruppe haben heute Morgen bereits ab halb acht gefrühstückt. Doch unser Dozent Andreas zieht es vor, etwas später aufzustehen und frühstückt erst jetzt seitlich vom Fernseher sitzend. Schaut gemütlich aus, wie er umringt von O-Saft und Kaffee sein Müsli löffelt.

Währenddessen laufen weitere Bilder über den Schirm von irgendwelchen Membranen, Luftschiffen, Dauerversuchen, Rasterelektronen- Mikroskopen und Supercomputern.

Für meine Ohren gibt es dazu begleitend recht unstrukturierte Informationen, die ich schwer in einem Zusammenhang mit dem Rheinischen Braunkohle Tage Abbau bringen kann. Sind es die fehlenden Minuten, die verhindern, dass ich nicht ins Thema komme? Wahrscheinlich liegt es einfach an meinem schlicht gestrickten Gemüt.

Jetzt werde ich gewahr, dass mehrere Personen zugeschaltet sind. Der eine berichtet von einzelnen Molekülen, die miteinander verbunden werden können. Der andere von Google Computern, die Berechnungen innerhalb von Sekunden machen, die früher Jahrzehnte gedauert hätten. Der Supercomputer auf dem dortigen Campus verbraucht dann auch gleich so viel Energie wie 10.000 Einfamilienhäuser. Sagt er tatsächlich gerade, dass das ganze Weltall in einen Quantencomputer passt? Und dann hinterher:

„Ich denke, sie verstehen was ich meine.“

„Ähmmm… Nö. Aber auch nicht mal im Ansatz“.

Dann führt er weiter aus: „Stellen Sie sich mal vor, sie brauchen ein Kühlmittel, um ein fünfzigmillionstel Grad an Null Kelvin heranzukommen.“ Torsten nickt wissend, während meine Vorstellungskraft nur reicht, mir ein kühles Bier vorzustellen.

Ohne Überleitung sind wir plötzlich bei Versuchen mit vielen Menschen, die Helme auf dem Kopf sitzen haben. Anlass für die Versuchsreihe war das Unglück bei der Duisdorfer Love Parade im Jahr 2010, bei der viele Menschen auf engem Raum nicht schnell genug durch einen engen Korridor aus der Menge heraus konnten.

Und jetzt berichtet er von nach dem Tod entnommenen menschlichen Gehirnen, die tiefgefroren in 1500 Scheiben zerschnitten und im Detail angeschaut und erforscht zu werden. Nennt sich Human Brain Project. Für die hoch auflösenden Fotos aller 1500 Scheiben eines einzigen Hirns braucht es 750 Terrabyte zur Speicherung.

Weiter geht es mit MRT, Tesla, Magnetfeldern, in der Zyklotronanlage gewonnene Tracern für die Medikamentenforschung und Europas größtem Reinraum. Und das im Braunkohle Revier. Wer hätte das gedacht? Langsam erschließt sich ein Zusammenhang. Im Rheinischen Braunkohlerevier wird nicht nur auf veraltete und klimaschädliche Energiegewinnung gesetzt, sondern gleichzeitig auch in modernen Laboren geforscht.

Derweil betreibt Aaron seine ganz eigenen Forschungen. Er schaut sich auf seinem Handy Bilder von Fahrrädern an und fragt, ob ich auch noch Fahrradteile mitbestellen möchte.

Dann ist auf dem TV ein Foto des vor zwei Jahren verstorbenen Prof. Grünberg zu sehen, welcher eine schöne Krawatte trägt und 2007 den Nobelpreis für Physik ins beschauliche Jülich geholt hat. Durch seine Grundlagenforschung hat er den Computer Festplatten zu mehr Speicherkapazität verholfen. In der Stimme des Mannes am Ende der anderen Leitung schwingt viel Bewunderung mit.

Der gute Professor schwenkt um zum nächstem Forschungsprojekt. Ein Institut für Strukturbiochemie – das biomolekulare NMR Zentrum – beschäftigt sich mit zerstörten Netzhäuten, um Blinde irgendwann sehend machen zu können.

Marco sagt: „Solche Typen wie den habe ich schon in der Schule nicht gemocht. Die sind total begeistert und du weißt gar nicht, was Phase ist.“

Der Professor auf dem Schirm sagt: „Der Mensch erneuert seine Zellen in 7 Jahren.“ Und ich denke, das kann bei mir aber nicht sein, so alt wie ich ausschaue.

Die Doktoranden müssen jedes Jahr ein Jahresbier brauen und ich denke „Aha, all diese Forschung scheint doch für etwas gut zu sein.“

Das modernste Gewächshaus der Welt haben die Professoren und Doktoren auch. Grüner Daumen, Bier und die leistungsstärkste Playstation der Welt. Wassergekühlt. Scheinen tolle Arbeitsplätze zu sein.

Aus unserer Bildungstruppe kommt die berechtigte Frage, ob das PTJ Jülich Patente hält bzw. die Forschungsergebnisse an die Wirtschaft verkauft. „Ja, schon.“ Für die Ergebnisse zur Festplatte – Stichwort Prof. und Nobelpreisträger Grünberg – hat IBM wohl ganze 15 Millionen gezahlt und wahrscheinlich Milliarden gemacht. Aha.

Kurze Pause. Toddi ist begeistert, Aaron gelangweilt, Marco resigniert und ich will endlich Rad fahren.

Eine weitere Dozentin des Ptj ist in der Leitung und sagt einiges zum Strukturwandel im Rheinischen Braunkohle Revier und zum geplanten Ende der Braunkohleförderung und -verstromung bis 2038. Was passiert mit den 10.000 wegfallenden Arbeitsplätzen? Wo fließen die 15 Milliarden Strukturhilfe der Bundesregierung hin? Ich vermute ja, die versickern grossteils sang- und klanglos im ausgetrocknetem Boden des Rheinischen Reviers. Doch das ist wohl meiner pessimistischen Grundhaltung geschuldet.

Wenn ich Wörter wie Gesellschaftliche Megatrends, Förderkulisse, Wertschöpfungsketten und Themen Cluster höre, fällt es mir schwer, nicht abzuschalten. Das ganze dann auch noch so monoton vorgetragen wie ein russisch synchronisierter Film, in welchem ein Sprecher alle Film Charaktere – ob Mann , Frau oder Kind – ohne jegliche Modulation runter rattert.

Selbst Toddi geht auf Standby und googelt nach Ortlieb Fahrradtaschen, denn Marco ist an seiner gestern hängen geblieben und dadurch ist eine der Halterungen gebrochen. Vielleicht will Toddi aber auch nur ausbaldowern, was die neuesten „Megatrends“ auf dem Radtaschensektor sind und nach Prüfung der häuslichen „Förderkulisse“, „Antragstellung“ und hoffentlich „Bewilligung“ durch seine Regierung für sein Rad neue „Taschenwerte schöpfen.“

Eine Teilnehmerin, dessen Namen mir wie üblich entfallen ist, rettet unsere müde Bildungstruppe, indem sie die ein oder andere gute Frage an die Dozentin stellt, damit wir als Gruppe nicht völlig teilnahmslos und desinteressiert wirken. Danke an dieser Stelle.

Ich schaffe es leider nicht mehr, mich gedanklich weiter mit CO2-Valorisierung und Power-to-X-Technologien zu beschäftigen.

Einmal merke ich noch auf: das Neurotec Projekt hört sich interessant an. Wie kann man Prozesse des menschlichen Gehirns in einen Rechner transportieren? Was kann der Computerprozessor vom Gehirn lernen und übernehmen? Denn das menschliche  Gehirn arbeitet äußerst energieeffizient und wesentlich sparsamer als ein Rechner. Faszinierend, was sich Menschen alles von der Schöpfung – von Menschen, Tieren und Pflanzen – abzugucken versuchen und unter großen Anstrengungen nachahmen möchten. Und dann ist für die meisten doch nicht vorstellbar, dass ein intelligenter Schöpfer hinter allem stehen könnte, sondern der bloße Zufall soll Ursache dieser hochkomplexen und maximal effizienten Schöpfung sein.

Und endlich ist der Vortrag rum. Hat sich dann doch gezogen zum Ende hin. Also rauf aus Rad.

Auf zu einer Stippvisite beim Standort Jülich des DLR, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Herr Göhring empfängt uns vor den Toren und berichtet, dass hier Solarforschung betrieben wird. Seit 2011 betreibt das DLR-Institut ein solarthermisches Versuchskraftwerk im kleinstmöglichen Maßstab. Dazu wurden am Boden 2000 bewegliche Spiegel (Heliostate) installiert, welche sich automatisch nach der Sonne ausrichten und das einfallende Sonnenlicht bündeln und zur Spitze des 60 Meter hohen Solarturms senden. Der nimmt mit einer 22 qm großen Fläche – dem Receiver – das gebündelte Licht auf und wird bis zu 1000 Grad heiß. Ähnlich wie eine Lupe Licht bündeln und dadurch Dinge entzünden kann. Mit der vom Receiver empfangenen Wärme wird dann angesaugte Luft auf ca. 700 Grad erhitzt. Der entstehende Wasserdampf treibt eine Turbine an und der daran angeschlossene Generator wandelt in Strom um. Die so erzeugten 1,5 Megawatt dienen primär nicht zur Stromversorgung, sondern es geht darum, diese und ähnliche Techniken weiter zu erforschen.

Im Prinzip wird hier in Jülich Solarenergie Grundlagenforschung auf ein zwar kleines, aber in seiner Komplexität vollständiges Kraftwerk übertragen. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse sollen dann auf den Bau größerer Kraftwerke übertragen werden. Inzwischen steht neben dem ersten Solarturm ein zweiter Turm kurz vor seiner Fertigstellung. Er bietet Platz für drei Schächte, in die unterschiedliche Receiver installiert werden können, um weiter zu forschen.

Inzwischen sind es 32° Grad und wir stehen und sitzen auf dem Asphalt vor den beiden Türmen. Denn auch hier müssen die Corona-Abstände eingehalten werden. Zum Ende der Ausführungen ist mein Eindruck, dass nur noch Andreas Kraft und Konzentration hat, weiter zuzuhören.

Nur eine kurze Fahrt und wir befinden uns in der Jülicher Innenstadt. Andreas gönnt uns eine kleine Eis- und Getränkepause. Im Stadtpark im Schatten sitzend, treffen wir auf Herrn Ross, dem Klimaschutzmanager der Stadt Jülich. Natürlich ist er mit dem Rad gekommen. Herr Ross macht einen engagierten Eindruck und berichtet von kommunalen Klimaschutz- und Energiewende-Projekten. Doch zwischen den Zeilen ist raus zu hören, dass es auch in Jülich – so wie in wahrscheinlich endlos vielen anderen Kommunen Deutschlands – schwer möglich ist, Klimaschutz, Verwaltung und Politik unter einem Hut zu bringen. Das fängt bei Ladenbetreibern an, die Angst haben, niemand kaufe mehr bei ihnen ein, wenn man nicht mit dem Auto direkt ins Geschäft rollen kann und hört noch längst nicht bei denen auf, die Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern der gemeindeeigenen Gebäude zwar für grundsätzlich wünschenswert halten, es dann aber doch verhindern, weil man ja erstmal gucken muss, ob das Gebäude nicht in 8 bis 12 Jahren ohnehin renoviert werden müsse und dann könne man immer noch mal sehen.

Die Konzentration in der Gruppe lässt nach. Es ist Ende Gelände und Zeit für den Aufbruch. Aaron und ich setzen uns auf dem Rückweg ab, um ein wenig Watt auf die Pedale zu bringen. Marco hat Knieprobleme und auch Toddi will sich schonen. Er behauptet, dass er schließlich fast immer ohne Akku gefahren sei. „Ja klar, auch gestern den Berg hinauf“, sagt er ohne rot zu werden. Er habe sich noch gewundert, was ich so rum schnaufe. „Das war doch alles nix.“ Aber nun scheint er auch ein wenig ausgepowert zu sein.

Aaron übernimmt mit seinem Rennrad die Führungsarbeit und ich habe Mühe, mit meinem Lastesel Tank mitzuhalten. In der abendlichen Hitze geht es im hohen Tempo bis zur Pension. Der Rest der Truppe trudelt erst eine Dreiviertel Stunde später ein, als wir beide schon unsere kroatischen Grillteller vor der Nase haben.

Unser Tourverlauf: