„Hier von meinen kleinen Ort aus, kann ich feststellen, dass die Welt überall brennt.“

Mit dem Fahrrad im Bildungsurlaub – Teil V.

Die letzten Stunden unseres Bildungsurlaub brechen an. Zum Abschluss bekommen wir den Film „Brand I.“ aufs Auge gedrückt. Der erste Teil einer Filmtrilogie von Susanne Fassbinder. Der Untertitel lautet: „Vom Eigentum an Land und Wäldern. Eine Reise im Rheinischen Braunkohlenrevier und eine Denkreise zum Kern der ökologischen Krise.“

Vieles von dem, was wir sehen, kommt bekannt vor und lässt sich mit dem in den letzten Tagen Erlebten verknüpfen. Rote Linien, die überschritten wurden und Klima(un)gerechtigkeit.

Eine Stimme sagt: „Hier von meinen kleinen Ort aus, wo ich bin, kann ich feststellen, dass die Welt überall brennt.“

Etwas ähnliches sage ich, wenn ich mit Menschen an den Haustüren (vor Corona) versucht habe, ins Gespräch zu kommen. Sie sind satt und zufrieden mit ihrem Leben. Ihrem Haus, ihren zwei Autos, ihrem Motorrad, ihren drei Urlauben im Jahr. Sie sagen, es geht ihnen gut. Wozu Veränderungen? Und ich frage sie: „Finden Sie nicht, dass die ganze Welt brennt?“ Und ernte zuweilen leer Blicke und ein lapidares „Nö. Mir gehts gut.“ Und frage mich: „Wie kam man das nicht sehen? Wie groß müssen die Scheuklappen sein, wie groß die eigene Gier nach mehr?“. Und irgendwann später, wenn ich vor dem Internet hocke und nach einem vierten Fahrrad google, das ich mir kaufen könnte, wird mir bewusst, dass auch meine Gier zu groß ist.

Im Film geht es weiter mit Emissionshandel. In Afrika und anderswo werden Wälder aufgekauft, Bewohner vertrieben, um einen Ausgleich für unsere Emissionen, unseren Schmutz zu schaffen. Gutschriften, die erworben werden, um mehr Dreck frei setzen zu dürfen. Auf Kosten der Ärmsten dieser Welt.

Dann Waldbewohner des Hambacher Forstes zu transzendentalen Querflötenklängen.

Eine sagt: „Wir wollen eine Welt ohne Herrschaft.“ Haben wir gestern ja so ähnlich gehört.

Die Bilder zeigen, dass bei Dreh des Films das Dorf Immerath noch in Gänze stand. Als wir am Dienstag dran vorbei fuhren, war das Areal komplett abgesperrt und es standen nur noch ein paar Straßenlaternen traurig rum.

In Altholz kommen Betroffene kommen zu Wort und stehen mit einer Flasche Bier in der Hand in ihrer bald abgerissenen Kirche. Es wird nochmal deutlich, dass sich die Enteignung im Bergbaurecht seit 1897 nur auf Landbesitz bezog und erst seit 1937 auch auf Häuser und Gebäude. Bisher hat man eine Gesetzesänderung nicht für nötig gehalten.

So holprig die filmischen Mittel und so schräg die begleitende Musik auch waren: Brand I. lässt nachdenklich zurück. Die anschließende Abschluss-Runde fällt ruhig aus. Vieles hallt in uns nach und will verarbeitet werden. 

Jemand sagt, das Gesehene mache mutlos. Wo bleibt Hoffnung, wenn alles, was wir Menschen zustande bringen, letztlich doch zum Scheitern verurteilt ist? Und selbst vielleicht anfänglich gute Ideen nur zu weiterer Ungerechtigkeit führen? Und all unser Fortschritt doch nur auf viel Leid und Unrecht fußt? Das wäre der Zeitpunkt gewesen, um in aller Kürze den eigenen Standpunkt darzulegen. Dass man selbst eine Hoffnung hat. So altmodisch es auch klingen mag: eine biblisch begründete und fundierte Hoffnung. Dass unser Schöpfer eingreifen wird, um alles wieder ins Lot zu bringen. Doch mir fehlt der Mut. Und meinen drei Mitstreitern geht es heute ähnlich. Ich bin sicher, dass unsere Frauen das Wort ergriffen hätten. Von wegen schwächeres Geschlecht.

Und damit ist mein diesjähriger Bildungsurlaub vorbei. Es war interessant und aufschlussreich. Ein großes Dankeschön an Andreas, der uns ganz wunderbar durch die Woche geführt hat. Es war bereits mein dritter über das Forum Unna gebuchter Bildungsurlaub und wieder bin ich absolut nicht enttäuscht worden.
Während Aaron, Thorsten und Marco mit dem Auto zurück gen Heimat fahren, setze ich mich Freitagmittag aufs Rad und nehme die 400 Kilometer bis Bremerhaven in Angriff. Allerdings nicht auf derselben Route wie auf dem Hinweg.


Erstmal Richtung Düsseldorf und dort bei bestem Wetter am Rheinufer entlang bis Duisburg. Dahinter quer rüber an den Weser-Datteln-Kanal und bis zum Campingplatz Hohes Ufer nahe Schermbeck. Der Platz hat zu nächtlicher Stunde und nach 124 gefahrenen Kilometern bereits geschlossen und ich postiere mich auf der Wiese davor.

Am nächsten Morgen wird zwar zeitig gestartet, doch es geht nur schleppend voran. Ich bin müde und zuweilen lustlos. Mit lediglich 119 Kilometern auf der Uhr beende ich meine Fahrt auf einem Campingplatz kurz vor Osnabrück. Denn die beste Ehefrau von allen ermahnt mich mehrfach am Telefon, doch bitte nicht wieder wild zu campen.

Am Sonntag wären es noch 185 Kilometer bis in die Arme meiner Frau. Doch ich fühle mich ähnlich unfit wie am Vortag und beschließe abzukürzen und in Osnabrück in den Zug zu steigen. In Twistringen bleibt die Bahn allerdings stehen und alle Passagiere werden gebeten aus zu steigen. Ich könnte doch die 40 Kilometer bis zum Bremer Hauptbahnhof radeln? Gedacht, getan.

Und auf diesen 40 Kilometern reift der Wunsch nach einem weiteren Rad. Und das, wo ich mir doch mehr Konsumverzicht vorgenommen habe. Ich bin kein Stück besser als all die anderen. Doch das ist eine andere Geschichte…