„Hambi bleibt!“

Mit dem Fahrrad im Bildungsurlaub – Teil IV.

Von einer Straßenüberführung blicken wir auf die alte A4 hinunter. Auch die Autobahn war dem Tagebau Hambach im Weg und wurde daher um 13 Kilometer nach Süden verlegt. Andreas berichtet, dass er auf diesem ehemaligen Autobahnabschnitt selbst schon an Protestaktionen beteiligt war. 2016 bildeten hier über 1000 rot gekleidete Personen eine rote Linie, um gegen die Abholzung des letzten Stückes des Hambacher Forstes zu demonstrieren und deutlich zu machen, dass gewisse Linien nicht überschritten werden dürfen.

An dem verlegten neuem Abschnitt der A4 hat RWE im Jahr 2014 eine Allee aus 250 Bäumen pflanzen lassen. Und zwar alle „Bäume des Jahres“ von 1984 bis 2014. Die Kosten von rund 250.000 Euro für Bäume und Beschilderung entlang der Strecke haben sie aber nur zur Hälfte getragen. Die andere Hälfte hat das Land NRW gelöhnt. Da schreddert RWE also im Minutentakt alten und wertvollen Baumbestand und meint sich „grün waschen“ zu können, wenn es an einer Autobahn alle hundert Meter ein paar Bäumchen pflanzt, von denen einige aufgrund der trockenen letzten zwei Jahre gar nicht mehr leben. Und dann zahlen sie auch noch nur die Hälfte und den Rest die Landesregierung und somit der Steuerzahler. Gewusst wie!

In Manheim treffen wir auf den Fotografen und Mitglied der Bürgerinitiative „Buirer für Buir“ Hubert Perschke. Das Dorf Manheim musste dem Tagebau Hambach weichen und ist bereits zu 80 Prozent zerstört. Die Ortsschilder sind abgenommen und von einst ca. 1750 Einwohnern sind lediglich 50 verblieben, die sich weigern zu gehen. Dieser Rest von einem Ort wirkt ausgestorben. Verrammelte Fenster, Häuser im Abriss, Absperrbänder und -Zäune. Gäbe es Einschusslöcher in den verbleibenden Gebäuden, könnte man es auch für ein Kriegsgebiet halten.

Herr Perschke hat einen beeindruckenden Bildband erstellt. Häuser, Straßenzüge, Bäume, den Friedhof – all das, was einen Ort ausmacht – hat er vor der Zerstörung fotografiert und aus derselben Perspektive nochmal, nachdem abgerissen und gerodet wurde. Nüchterne und bedrückende Bilder eines „Verdrängungskampfes“.

Während wir sprechen, rollen unentwegt Lkw an uns vorbei, die Schutt von den im Abriss befindlichen Häusern abtransportieren. Vielleicht aber auch den Abraum aus dem Tagebau Hambach nebenan. Wir sind gezwungen, den Standort zu wechseln, so laut sind die Fahrzeuge.


Herr Perschke berichtet, dass Manheim wohl verloren ist. Doch der Nachbarort Morschenich wurde verschont. Obwohl bereits seit 2015 die Menschen von dort umgesiedelt wurden, hat RWE im Januar diesen Jahres erklärt, auf den Abbau zu verzichten. Von einst knapp 600 Einwohnern sind aktuell dort nur noch 174 gemeldet. Einige der zuvor umgesiedelten Einwohner wollten ihre Häuser von RWE zurück kaufen, doch dazu ist RWE – warum auch immer – nicht bereit. Vielleicht spekuliert der Konzern auf höhere Entschädigungszahlen von der Regierung, da auf den Abriss nun verzichtet wurde. Wer weiß das schon?

Zurück zu Manheim. Wir erfahren, dass in Manheim einige der bereits an RWE verkauften Grundstücke und Häuser zeitweise illegal besetzt wurden, um den Ort wieder bewohnbarer und lebendiger zu machen. Nicht RWE, sondern vielmehr die ursprünglichen Hauseigentümer waren damit nicht einverstanden. Jetzt haben sie doch an RWE verkauft, dann soll das Haus auch weg. Man wolle endlich abschließen und nicht mit an sehen, dass fremde Leute das „eigene“ Haus weiter bewohnen. Sogar eine Bürgerwehr wurde gegründet, um die nun RWE gehörenden Liegenschaften räumen zu lassen und schnellstmöglich abreißen zu können.

Wir fragen: „Wie viel bekommt man denn für so ein Haus?“

„Den Zeitwert plus Umsiedlungspauschale.“

Da die Häuser alle schon älter waren, mögen das im Schnitt 120.000 bis 160.000 € je Haus gewesen sein. In Einzelfällen aber auch deutlich weniger und nur fünfstellig. Davon neu zu bauen ist nicht möglich. Für jüngere vielleicht eine Chance für einen Neustart in Manheim-neu oder anderswo. Für Ältere möglicherweise ein in die hohe Neuverschuldung führendes Desaster. Herr Perschke kenne auch Leute, die hatten ein Haus und wohnen nun zur Miete.

Die Kirche in Manheim gehört auch der RWE, steht aber noch. Aus Tierschutzgründen durfte sie dieses Jahr noch nicht abgerissen werden. Irgendwelche Vögel sollen im Turm gebrütet haben. 

Es geht weiter nach Buir. Aaron, der heute morgen unpässlich war, ist mit dem Rad nachgekommen und trifft auf die Gruppe. Herr Perschke merkt an:

„Du hast so ein schnelles Rad und bist doch so langsam.“

Auf einer Überführung geht es über den neu verlegten Abschnitt der A4. Dahinter liegt Buir und uns wird eine Pause beim Bäcker gewährt. Und dann schließt sich Todde Kemmerich der Gruppe an. „Aktionskünstler, Dokumentator, Formgeber, Kommunikator und Kunstwerker am Experimentellerrand“, schreibt er über sich selbst auf seiner Homepage. Was für eine Type!

„Was habt ihr denn schon gehört?“, will er wissen.
„Aha. Also die alte Dörfer Nummer muss ich nicht mehr bringen.“

Todde führt uns in den Hambacher Forst. Oder das, was davon übrig geblieben ist. Der Hambacher Forst hieß früher Bürgewald und hatte eine Fläche von 4.100 ha. Nun umfasst er weniger als 500 ha – und demnach nur noch etwas über 10 % seiner ursprünglichen Größe – und ist zum Symbol der Anti-Kohlekraft-Bewegung geworden.

Bereits seit 2012 ist der Hambacher Fort von Aktivisten besetzt, die auf Baumhäusern leben. 2018 beschloss die schwarz-gelbe Landesregierung, den Hambacher Forst zwangsweise zu räumen. Und zwar wegen angeblich mangelnden Brandschutzes der Baumhäuser. Die Sicherheit der Besetzer lag der Regierung sehr am Herzen. Und natürlich habe das auch nichts mit den Plänen von RWE zu tun gehabt, den Wald ab Oktober desselben Jahres weiter zu roden. In der fünf Wochen dauernden Räumung des Waldes leistete die Polizei nach Schätzungen der Gewerkschaft der Polizei rund eine Million Arbeitsstunden. Einer der Aktivisten starb während der Räumung, weil er aus ungeklärter Ursache aus einem 15 Meter hohem Baumhaus fiel. Todde stellt aber klar, dass die Schuldfrage nicht geklärt sei. Und der verstorbene Steffen, den er sehr gut kannte, hatte seine Sicherheitsausrüstung nicht angelegt, was nicht hätte sein dürfen.

Am Waldeseingang sind Barrikaden aus Metallschrott und alten Reifen aufgebaut.

Aaron sagt: „Toll. Wollen den Wald erhalten und schmeißen ihren ganzen Müll hier hin. Das kann man ja wohl auch ordentlicher machen. Sieht hier aus wie bei Mad Max.“

Die aus Resten gefertigten Baumhäuser schauen urig aus. Einige nur ein paar Meter hoch inklusive Leiter, andere bis zu 15 Meter hoch in den Kronen sitzend, inklusive Panoramablick auf den Tagebau Hambach gleich nebenan. Hier gelangt man nur mit Kletterausrüstung hinauf.

Andreas und Todde haben angekündigt, dass eventuell ein Gespräch mit einigen Waldbewohnern zu Stande kommen könnte. Das ist immer ganz unterschiedlich. Je nachdem wen man so antrifft. Und auch die Stimmung im Wald sei jedes Jahr eine andere. Abhängig davon, wie die Besetzung gerade sei. Die einen gehen und andere kommen.

Wir haben Glück. In einem der „Barrios“ – das sind kleine Zusammenschlüsse aus 2 bis 4 Baumhäusern werden wir von vier vermummten jungen Menschen empfangen. Fotografieren ist nicht erlaubt. Wir sitzen auf Stühlen und Baumstümpfen im Kreis, in der Mitte eine Schale mit Knoblauch und drum herum ein paar Getränke im sandigen Waldboden.

Wir dürfen Fragen stellen und bekommen von den jungen Menschen leise gesprochene Antworten. Sie sind allesamt dunkel gekleidet, barfuß und haben vom Staub schwarze Hände und Füße. Detlef nennt sie später liebevoll „Schwarzfüße“.

„Haltet ihr euch das ganze Jahr hier auf?“

„Einige schon. Andere nur zeitweise.“

„Wie hält man das im Winter aus?“

„Nur mit Thermo-Schlafsack und entsprechender Kleidung.“ Einer sagt, bei -17° Grad war für ihn langsam auch die Grenze des Möglichen erreicht und er hat überlegt, in eine beheizte Bahnhofshalle umzuziehen.

„Wo kommt ihr her? Was habt ihr für einen Hintergrund?“

Die Frage ist zu persönlich. Daten zur Identität und zum eigenen Background werden nicht oder nur ausweichend beantwortet. Na klar, die tragen ihre Burka-ähnliche Vollvermummung nicht zum Spaß und haben sicher schon schlechte Erfahrungen mit Polizei, Ordnungskräften und den Security-Jungs von RWE gemacht.

“Wovon lebt ihr?”

„Vom Containern.“ Und auch von Spenden. Einige Landwirte melden sich, wenn Rüben oder anderes Gemüse abgeholt werden kann. „Dann müssen wir es nicht mopsen“, fügt einer hinzu.

„Was sind eure Ziele? Nur den Wald zu schützen? Oder habt ihr noch andere klimapolitische Ziele?“
Der Wald sei ihr Zuhause. Hier gehören sie hin. Es wird deutlich: es geht diesen vieren nicht nur darum, dass der Rest Wald nicht endgültig abgeholzt wird. Dazu muss gesagt werden, dass die Restrodung 2018 ohnehin vom Oberverwaltungsgericht Münster vorerst für drei Jahre gestoppt wurde. Und dass das letzte Stück Wald so oder so sterben wird. Zur einen Längsseite ist der Tagebau bis auf ein paar Meter heran gerückt. Zur anderen Seite will RWE ein Kieswerk hinsetzen. Das wird dazu führen, dass das dringend im Wald benötigte Oberflächenwasser aufgrund der abfallenden Böschungen zu den Seiten nicht gehalten werden kann und die Bäume austrocknen. Und die sehen jetzt schon nicht mehr gut aus. Der Sterbeprozess hat bereits begonnen.

Doch den Waldbesetzern geht es zu einem großen Teil auch um ihren Lebensstil. Den wollen sie sich nicht mehr nehmen lassen. Sie sind gegen jede Form von Autorität. Der Mensch wisse doch auch so, wie er zu leben habe. Dafür braucht es keine Herrschaftsstrukturen. Einer bemerkt: das Schlimmste, was ihnen passieren könnte, wäre die Ausrufung des Hambacher Forstes zu einem Naturschutzgebiet. Dann würde man sie wohl endgültig vertreiben.

„Was macht ihr, wenn es mit einzelnen Personen im Wald Ärger gibt?“

„Eine Hierarchie gibt es hier nicht.“ Klar, man könne sich absprechen. Bei einem grundlegenden Konsens würde jemand aus dem Wald vertrieben werden. Eine höhere Strafe gibt es nicht, wenn man so will. Ich frage mich, was bei einer schweren Körperverletzung oder Vergewaltigung passiert? Wird man dann nur vertrieben? Und wie soll das funktionieren, wenn das anarchistische Waldbewohnermodell auf das ganze Land, die ganze Welt ausgedehnt würde? Wohin wird der Übeltäter dann vertrieben? Und wer stellt fest, was Recht und Unrecht ist, wenn jeder seine eigene Meinung dazu haben darf? Ich stelle die Frage aber nicht. Allein schon, weil ich den Friede-Freude-Eierkuchen-Charakter unseres Zusammentreffens nicht beeinträchtigen möchte. Ich sitze schließlich in einem fremden „Wohnzimmer“ und empfinde es nicht als selbstverständlich, dass die vier sich Zeit für uns Bildungsurlauber nehmen. Es sind junge Menschen auf dem Weg sich zu finden. Und dass hier im Wald keineswegs immer Eintracht herrscht, hat Todde bereits anklingen lassen. Über „fast alles“ sei man sich hier zuweilen „uneinig“. „Aber worin alle übereinstimmen, ist das an der Stelle, wo der Steffen vom Baumhaus gefallen und verstorben sei, „niemals wieder ein Baumhaus errichtet werde.“

Das Todde bei den Ausführungen der Waldbewohner oft zustimmend nickt, ist klar. Doch auch aus unserer Gruppe kommt Zuspruch. Einer meint sogar: „Ihr seid für mich Helden. Wirklich.“

Das wollen die vier nun aber auch nicht stehen lassen. Als Helden sehen sie sich nicht. Und mir fällt es auch schwer, sie so zu sehen. Die hehren Ziele hinter der Besetzung des Waldes vermag ich noch zu erkennen. Doch hier und jetzt – in diesem sterbendem Rest von Wald bei aktuell bestehendem Rodungsstopp – wirkt das Verhalten der angetroffenen Waldbesetzer auf mich nicht wirklich zielgerichtet. Und sie geben auch zu, gerne „in den Tag hinein zu leben“. Einfach mal in sich horchen. Den Wald bestaunen. Einer sagt „aus zwei, drei Dingen hier im Wald“ könne zum Beispiel Wein hergestellt werden. Also, wenn man Lust drauf hat. Hat offenbar niemand. Denn in unserer Kreismitte steht nur ein Tetrapack von „Omas Glühwein“. 

Während des Gespräches kramt Todde aus seiner Tasche eine Tupper-Schüssel mit seinem Mittagessen heraus. Er wird auf den ebenfalls in der Kreismitte liegenden Gemeinschaftslöffel hingewiesen. Den nimmt er gerne, löffelt sein Essen aus, leckt den Löffel gründlich sauber und legt ihn wieder zurück. Das erscheint mir jetzt aber nicht Corona-konform. Da haben die Polizisten im Frühjahr diesen Jahres vielleicht doch zu Recht die von einem Unternehmen gespendeten und am Waldrand entladenen Desinfektionsmittel beschlagnahmt, weil die Besetzer sie als Waffe einsetzen könnten.

Die Gruppensitzung löst sich auf, nachdem Toddi – nicht Todde – und Marco und Aaron klammheimlich entschwunden sind. Lassen mich hier einfach sitzen. Aber ich finde es auch hoch interessant, den verschiedenen Sichtweisen zu lauschen.

Auf der am Waldeingang aufgestellten Karte ist die Lage der einzelnen Barrios verzeichnet. Darauf war auch das sogenannte ABC-Camp markiert. Dieses Air Base Camp soll eine große Dachterrasse haben, auf welcher regelmäßig die Waldbewohner zu Filmvorführungen geladen werden. „Natürlich alles politisch korrekte Filme“, sagt Todde.

Das ABC-Camp würde ich mir wohl noch mal anschauen wollen. Ein Großteil der Gruppe wagt sich mit mir weiter in den Hambacher Forts hinein. Todde hat uns bereits verlassen und auch Andreas kenne sich hier nicht mehr weiter aus. Wir schlängeln mit den Rädern an umgelegten Bäumen und Barrikaden vorbei. Die den Ewoks aus Star Wars nicht unähnlichen Waldbewohner haben sicher ein wachsames Auge auf uns.

Detlef und ich nehmen eine Abzweigung hinein, hinter welcher wir das ABC-Camp vermuten. Einigen anderen wird es zu gruselig und so tritt der Rest der Truppe den Heimweg an. Hinter der ersten Abzweigung werden wir nicht fündig. Auch nicht hinter der zweiten und dritten nicht. Wir stoßen zwar auf weitere Baumhäuser und auf zwei weitere Waldbewohner – nicht vermummt und sehr entspannt – doch der Anblick des ABC-Camps geht uns durch die Lappen. Nicht weiter schlimm.

Auf dem Rückweg zu Pension biegen wir auf die ehemalig und langsam verrottende A4 ab. Was für ein cooles Feeling, in der Abendsonne auf einem Stück still gelegter Autobahn mit dem Rad fahren zu können. Hat einfach was endzeitliches und macht zugleich Spaß! Und so brüll‘ ich der Abendsonne entgegen: „Hambi bleibt! Rettet den Hambacher Forst!“

Tourverlauf: