„Unser Land? Widerstand!“

Bildungsurlaub mit dem Rad im Rheinischen Braunkohlerevier – Teil III.

Mittwoch Morgen rollen wir mit unseren Rädern über das :terra nova Biosphärenband – einer Trasse des ehemaligen Braunkohle Förderbandes für den Tagebau Fortuna-Garsdorf, welche zu einem gut asphaltiertem Speedway für Fahrräder ausgebaut wurde.

Wir bleiben zwischen Feldern stehen. Hier befand sich der Tagebau Fortuna-Garsdorf, in welchem seit Mitte der 50er Jahre Braunkohle gefördert wurde. Dazu mussten im Laufe der Jahre mehrere Dörfer weichen und ca. 2.500 Menschen umgesiedelt werden. 1993 standen die Braunkohle Förderbänder still und die entstandenen Löcher in der Landschaft wurden mit dem Abraum aus anderen Tagebauen – in erster Linie dem Tagebau Hambach – wieder verfüllt. Anschließend begann die Rekultivierung dieses Landstriches. Ein Teil wurde zu einem Naherholungsgebiet umfunktioniert und der andere Teil wurde für die landwirtschaftliche Nutzung wieder hergestellt. In der Ferne stehen Kraftwerke von RWE. Die älteren haben neben den Kühltürmen Schornsteine stehen. Diese fehlen bei den neueren Kraftwerken, da die Emissionen dem Wasserdampf beigemischt werden. In Deutschland sollen etwa 85 % der durch Stromerzeugung entstehenden CO2-Emissionen aus der Kohleverstromung kommen. In der Landschaft hat :terra nova eine orangefarbene Hinweistafel aufstellen lassen, die über die erfolgte Rekultivierung nach Schließung des Tagebaus Fortuna-Garsdorf informiert. Auf diese hat jemand mit einem Edding geschrieben: „Unser Land? Widerstand!“.

Gegen Mittag sind wir in Paffendorf und betreten das gleichnamige Schloss. Andreas gelingt es, ein spontanes Treffen mit einem RWE-Mitarbeiter zu organisieren. Das Schloss wird von RWE genutzt und beherbergt neben einer Ausstellung zum Braunkohle Tagebau die RWE „Forschungsstelle Rekultivierung“. Deren Leiter ist Herr Eßer, welcher uns in der Ausstellung vor einer großen Karte des Tagebaus bereit ist, Rede und Antwort zu stehen. Und das macht er knackig, ehrlich und direkt. So geht er beispielsweise auf die Pläne ein, den Tagebau Hambach nach Ausstieg aus der Braunkohleförderung bis 2038, zu einem sehr großen Teil mit Wasser zu füllen. Das soll dem Rhein entnommen und mit Pipelines in das Hambacher Loch gepumpt werden. Der entstehende Hambacher See wäre dann der tiefste und vom Volumen her nach dem Bodensee der zweitgrößte See Deutschlands.

„Und wie lange soll das dauern?“

„Das ist schwer zu sagen. Vielleicht 40 bis 50 Jahre.“

Oder 60. Oder 80. Der Rhein hat gerade in letzter Zeit extremes Niedrigwasser geführt. Unsere Landschaft wird zusehends trockener. Kaum vorstellbar, das hier ein zweiter Bodensee entsteht, doch RWE hält an den optimistischen Planungen fest.

Wir erfahren weitere Details zur Wiederherstellung der Flächen, die nach Förderung der Braunkohle landwirtschaftlich genutzt werden sollen. Herr Eßer führt aus, dass bei der Rekultivierung als letzte Bodenschicht ca. zwei Meter das wertvolle Bodensubstrat Löß aufgetragen wird. Frau Oberherr sprach gestern noch von einem halben Meter. Herr Eßer meint, die Flächen seien nach der Rekultivierung oftmals wertvoller als zuvor. Von anderer Stelle haben wir gehört, dass die entstehenden Neuböden lange nicht das landwirtschaftliche Potenzial mehr bieten als ihre in Jahrhunderten entstandenen Vorgänger. Wie auch immer: sechs Jahre bewirtschaftet RWE das Land wohl selbst, um es wieder fruchtbar zu machen. Ein siebtes Jahr ruhen die Flächen und werden dann den Landwirten zur weiteren Nutzung übergeben. Erinnert mich an das Sabbatjahr, also jedes 7. Jahr, in denen die Juden damals ihre landwirtschaftlichen Flächen haben ruhen lassen.

Herr Eßer ist als Kind auch mit seiner Familie umgesiedelt.

„Wie haben Sie das empfunden?“

„Ja, das macht mich immer noch traurig. Aber anderseits leben wir hier seit Jahrzehnten gut von der Braunkohle.“

Und er kann sich nun auch nicht vorwerfen lassen, den falschen Arbeitsplatz bei RWE zu haben. Immerhin ist er an der Wiederherstellung der Flächen beteiligt.

„Wie stehen Sie zur Rodung des Hambacher Forstes?“

„Deswegen habe ich nicht eine schlaflose Nacht. Das ist ökologisch betrachtet ohnehin kein wertvoller Wald.“

Irgendwie spiegeln sich in den Aussagen von Herrn Eßer viele widersprüchlichen Emotionen wieder, die wir bis jetzt erlebt haben. Da ist Trauer über Verlust von Land und Heimat. Und dennoch eine nüchterne, pragmatische Meinung zur aktuellen Situation. Und natürlich widersprechen sich die Aussagen zur Daten- und Faktenlage. Je nachdem, wer vor einem steht.

Nach einer wegen des doch länger gedauerten Gespräches mit dem Herrn Eßer nicht statt gefundenen Mittagspause finden wir uns im Sitzungssaal des Rathauses der Kreisstadt Bergheim ein. Der ist wenigstens klimatisiert, hat bequeme Sitze und es werden kühle Getränke angeboten. Da kann es uns recht sein, dass der Vortrag der  Frau Dr. Laengner von der Stabstelle „Zukunftsagentur Rheinisches Revier“ nicht hochinteressant ist. Vielleicht tue ich ihr auch unrecht und die Müdigkeit trägt dazu bei, dass die Aufmerksamkeitsspanne auf ein Minimalmaß geschrumpft ist. Es geht wieder um die vielen Milliarden, die der Bund oder wer auch immer in den Strukturwandel stecken möchte. Die Kommunen können sich mit Projekten bewerben. Ideen müssen aufploppen und Pläne erstellt werden. Ich höre nur noch einzelne Wörter ohne deren Sinn zu erfassen: Wirtschafts- und Strukturprogramm, Kraftraum-Shuttle, Digitales Gemeinschaftsstadtwerk und Klimahülle. Ein seltsam anmutendes Wort für ein energiereduziertes Gewerbegebiet.

Theoretisch könnten die verschiedenen Kommunen zusammenarbeiten, doch in der Praxis klappt das nicht. Jeder scheint sein eigenes Förderantrags-Süppchen zu kochen. Mal wieder Verwaltung, wie man sie kennt.

Dann endlich Pause. Toddi, Marco, Detlef und ich machen uns auf die Suche nach einem nicht zu teurem Imbiss. In der Fußgängerzone muss das Rad geschoben werden. Oder nur Schrittgeschwindigkeit gefahren werden. Unsere Meinungen zur Beschilderung gehen auseinander. Da zwei Polizisten mittig in der Zone stehen, steigen wir rechtzeitig ab und schieben. Einer der Polizisten wendet sich an mich und fragt:

„Haben Sie heute schon alkoholische Getränke zu sich genommen?“

„Ja, klar. Deswegen schiebe ich ja.“

Da muss er schmunzeln. Seine Kollegin fragt:

„Haben Sie denn auch einen Fahrradhelm?“

„Sehen Sie einen?“

„Nein. Meinen Sie denn, ihr Cappy schützt sie?“

„Na ja, vor der Sonne schon.“

Die Sheriffs wollen heute nicht verwarnen, sondern nur informieren. Irgendein Fahrrad-Aktionstag. Sollte an unseren Rädern ein kleinerer Defekt sein, könnten wir diesen nebenan sogar kostenfrei beheben lassen.

Und wo wir jetzt schon mal bei meinem Reizthema Fußgängerzonen und Radschieben angelangt sind: auf meiner Anreise von Bremerhaven nach Elsdorf kam ich am Zwischenahner Meer vorbei. Vielleicht erinnert ihr euch noch an meinen Bericht von der Anfahrt. Sowohl ein Rentner als auch Patienten der anliegenden Reha-Klinik haben mich verbal attackiert, dass ich so dreist war, im dortigen Park Rad zu fahren. Davon habe ich der Bildungsurlaubs-Teilnehmerin Iris vorgestern erzählt. Das ist die Dame, die am Sonntag noch befürchtete, der Akku ihres Pedelecs könne nicht halten. Den grausigen Ort des Geschehens – Bad Zwischenahn – habe ich dabei gar nicht erwähnt. Da fragte Iris:

„War das in Bad Zwischenahn?“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Das ist mir vorletztes Wochenende dort auch passiert. Zweimal haben die mich angeschnauzt, ich müsse runter vom Rad, obwohl ich ganz langsam gefahren bin.“

Daher mein Hinweis: bist du ein verbitterter Rentner oder mies gelaunter Reha-Patient? Und Fahrradfahrer kannst du auch nicht ab? Dann ab ans Zwischenahner Meer! Hier triffst du Gleichgesinnte! Alle anderen sollten einen Bogen um dieses elende Kaff und seinen Tümpel machen.

Zurück nach Bergheim. In der Innenstadt essen wir zu Viert beim Chinesen und fahren anschließend als kleine Gruppe zurück in die Pension.

Es ist 16 Uhr und normalerweise wäre ich jetzt bereits im Feierabend. Doch im Bildungsurlaub ist Zähne zusammen beißen angesagt. Denn um 17 Uhr besucht uns in unserer Pension „Zum Goldenen Schuss“ der Kinderarzt Dr. Christian Döring aus Köln. Und der gute Dr. stellt viele Fragen. Wobei er für gute Antworten eine Kaugummi Zigarette an uns verteilt und für sehr gute Antworten gibt es ein Stück Apfel.

„Wo gibt es die sauberste Luft in Deutschland?“, fragt er.

In der Eifel in Hellenthal. Der saubersten Stadt Deutschlands.

„Was haben die Lungen von toten Hunden in Mexiko und die Fassade des Kölner Doms gemeinsam?“

Sie sind schwarz.

„Wie viele Verkehrstote gibt es jährlich in Deutschland?“

Ca. 3.500.

„Und wie viele Tote durch Feinstaub?“

Ca. 13.000. Wobei andere Studien von bis zu 120.000 ausgehen. Laut einer Studie sollen nirgends mehr Menschen frühzeitig an Verkehrsabgasen als in Deutschland sterben. Deutschland ist halt Autoland.

Dr. Döring erklärt, warum insbesondere der Feinstaub so gefährlich ist. Ultrafeinstäube gehen sogar durch die Dichtung von Fenstern und Türen. „My home is my castle“ stimmt hier also nicht.

„Wer weiß, wofür PAK steht?“

Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe. Diese PAK führen zu PAK DNA. Ein kleiner Einstieg in die Epigenetik. Und warum durch Feinstaub belastete Mütter ihr ungeborenes Leben durch Mutterkuchen & Co. frühzeitig schädigen.

Meine geistigen Lämpchen sind bereits vor Ende des Vortrages nahezu erloschen. Wenigstens konnten Marco und ich jeweils eine Kaugummi Zigarette und ein Stück Apfel abgreifen. Doch Überraschungssieger des Abends ist Toddi. Lange Zeit war von ihm nichts zu hören, doch urplötzlich ist er aus seiner scheinbaren Starre erwacht und gibt zwei gute – nein: sehr gute – Antworten, die mit jeweils drei, also gesamt sechs Apfelstücken entlohnt werden. Respekt geht raus!