Ab in den Bildungsurlaub! – Prolog

Am Sonntag Abend beginnt für drei meiner Freunde – Aaron, Marco und Toddi – und mich der diesjährige Bildungsurlaub. Ich weiß nicht, wie es den anderen Dreien geht, doch bei mir kam die Bildung in letzter Zeit deutlich zu kurz. Immer wieder Gefühle der Unwissenheit und Leere. Damit soll nun Schluss sein.

Ab nach Elsdorf, einem Städtchen mit 22.000 Einwohnern und in Luftlinie ca. 30 km westlich von Köln liegend. Während des Bildungsurlaubes wird täglich Rad gefahren, denn wie jeder weiß, lässt sich Wissen viel besser an der frischen Luft und bei Bewegung verarbeiten als im stickigen Seminarraum. Und in Corana-Zeiten wie diesen versteht es sich von selbst, dass wir nicht mit fremden Leuten den ganzen Tag zu eng beieinander hocken wollen.

Da das Rad nun ohnehin mit muss, kann ich auch gleich mit selbigem anreisen. Laut meinem Routenplaner würde die direkte Anfahrt nach Elsdorf 385 km betragen. Ich passe die Route ein wenig an, um auf möglichst verkehrsarmen Straßen fahren zu können und verlängere dadurch die Strecke auf 415 km.

Freitag morgen um 8.30 Uhr stehe ich bei bewölktem Himmel und 14 Grad auf der Weserfähre und löhne 4,20 € für die einfache Fahrt. Die Wetterprognose ist gut. Abgesehen vom Gegenwind soll es heute bis zu knapp unter 20 Grad werden und dann täglich wärmer. In Elsdorf werden für die kommende Woche sogar über 30 Grad erwartet. Für Mitte September sicher nicht normal.

Auf der anderen Weserseite  gibt es genau das zu sehen,  was ich  bereits kenne und auch erwartet habe. Ein Schaf. Zwei Kühe. Eine Windmühle. Dann wieder Kühe. Und Schafe. „Oh, eine Windmühle.“

Nach 65 km mache ich meine erste größere Pause am Zwischenahner Meer und befahre den angrenzenden Park. Ein Radfahrer brüllt mir aus der Ferne zu:

„Da ist Radfahren nicht erlaubt!“

Komisch. Ich habe gar kein Schild gesehen, aber das hat natürlich nichts zu heißen.

Dann zeigt einer der unzähligen Rentner mit dem nackten Finger auf mich und ruft bestimmt:

„Das ist verboten.“

Sein Aussehen erinnert mich ein wenig an den Pensionär, welcher mich zuvor auf der Landstraße mit deutlich zu wenig Abstand überholt hat. Doch auch dass will nichts heißen. In ihren beigefarbenen Jacken schauen die alle gleich aus.

Der Weg ist drei Meter breit und ich rolle mit weniger als 10 km/h. Warum haben bloß die Deutschen immer und überall den Zwang, ungefragt in die Landschaft zu brüllen, was verboten ist? Manchmal sogar dann, wenn es erlaubt ist, aber der – oder diejenige meint, es sei verboten. Am liebsten hätte der ältere Herr mir wahrscheinlich noch seinen Gehstock in die Speichen gekloppt.

Freunde von mir sind gerade auf Korsika. Und in diesem Moment, umzingelt von militanten Rentnern, sehne ich mich auf die vielleicht schönste aller Inseln: Korsika. Entspannte Menschen, ein leben und leben lassen. Und von der Natur will ich noch gar nicht sprechen. Neben der mehr als prächtigen Landschaft Korsikas wirkt das Zwischenahner Meer wie ein in Vergessenheit geratener Tümpel.

Ich trinke Kaffee, esse mein Stück Kuchen und erblicke plötzlich zwei Radfahrer. Sie schieben ihre Räder nicht, sondern fahren. Das ist ja unerhört! Ich fühle mich in meiner Ruhe gestört und bin versucht, sie mit dem drohenden Zeigefinger in der Luft anzubrüllen „Das ist hier verboten“, kann mich dann aber gerade noch beherrschen. Die eigene Herkunft lässt sich halt schwer verleugnen.

Beim Verlassen der Parkanlage gucke ich nach einem „Fahrrad verboten“ – Schild. Finde aber keines. Dann sehe ich auf 50 cm Höhe eine kleine Hinweistafel mit einigen Verboten.

„Radfahren verboten. Inliner fahren verboten. Den Rasen betreten verboten. Grillen verboten.“

Willkommen in Deutschland.

Erstmal Musik auf die Ohren und 8000 Watt aus den Beinen drücken. „Mississippi Queen“ von Mountain. Dann das elend langweilige „Why worry“ von den Dire Straits, welches mich so einlullt, dass ich anfange, in Schlangenlinien zu fahren. Plötzlich schrecke ich auf. Stand dort eben wirklich ein Zollbeamter?

„Geradeaus geht’s hier. Fahren Sie mal ordentlich.“

Nee, das muss Einbildung sein. Ich skippe die Fahrstuhlmusik weg und lasse meine Laune  von Don Henleys „Boys of Summer“ aufpolieren. Und dann holen mich doch die ollen Dire Straits – wieso sind die in meiner Playlist? — mit ihrem „Brothers in Arms“ endgültig runter. So schön. Ich verspüre eine tiefe Liebe zu allen Rentnern dieser Welt in mir. Könnte ich die Zeit bloß zurückdrehen. Ich wäre nach der Aufforderung des Rentners sofort vom Rad abgestiegen und hätte gesagt:

„Oh, vielen Dank für Ihren Hinweis. Und wenn ich noch eines anmerken darf? Sie sehen richtig gut aus. Tolle Jacke.“

Ich bin im Landkreis Cloppenburg. Es riecht nach Schweinehaltung. Überall stehen Kreuze in der Landschaft rum. Von geschmacklos bis gruselig. Katholische Gegend hier. Auch dem ein oder anderen von der katholischen Kirche heilig Gesprochenen ist hier und da ein Standbild zur Andacht errichtet worden. Wen die vermeintlich Heiligen wohl beschützen? Ob sie ein Auge darauf haben, dass die Schweine im Landkreis Cloppenburg artgerecht gehalten werden? Und bei der Überwachung der Arbeitsbedingungen ausländischer Billikräfte in den Schlachthöfen drücken Sie sicher ein Auge zu!? Und deswegen bleibt das Kotelett beim Aldi weiterhin unverschämt günstig.

Vom Landkreis Cloppenburg mache ich rüber in den Landkreis Emsland. Riecht immer noch nach Schwein. Aber auch mal nach Ziege. Nach 140 km gibt es die Gelegenheit, einen 5 km abseits der Route gelegenen Campingplatz anzusteuern. Doch ich hatte mir ein paar Kilometer mehr für heute vorgenommen und die 5 km Umweg hätte ich morgen auch wieder auf dem Zettel. Allerdings werde ich den nächsten Campingplatz, der halbwegs auf der Route liegt, nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen können. Daher beschließe ich, wild zu campen oder mir eine Hütte am Wegesrand zu suchen. Eine Dusche scheint mir nach nur einem Tag Radfahren nicht zwingend angeraten. Die gesparten Euros kann ich doch besser in ein feudales Frühstück am nächsten Morgen investieren.

Also Endspurt. Ich schalte den Transparent-Modus meiner Kopfhörer aus, erhöhe die Lautstärke und gebe Druck auf die Pedale. Bei 175 Kilometern auf dem Tacho sehe ich eine Tip-top Schutzhütte. Bänke, Tische, sogar Gartenstühle. Sehr sauber der Stall. Hier bleibe ich.

An Samstag Morgen werde ich kurz vor 5 Uhr wach. Nicht etwa, weil ich ausgeschlafen habe, sondern weil jemand seinen Elektro Roller rückwärts in mein Schlafzimmer – also die Hohner Hütte – schiebt und das Rücklicht den Raum in helles Rot taucht. Ich grunze ein müdes „Moin“.

„Ach, da ist  jemand.“

Ich sage: „Ich hoffe ich störe nicht?“

„Ach, um Gottes Willen. Ich mache nur jeden Tag vor der Arbeit meine Pause und rauche eine.“

Na, dann. Wer will es dem guten Mann verwehren, an seinem täglichen Ritual festzuhalten? Auch wenn ich es nicht gerne sehe, wenn in meinem Schlafgemach geraucht wird. Doch er bleibt an der Tür sitzen und die olfaktorischen Dissonanzen halten sich in Grenzen.

Nach wenigen Minuten entschwindet er mit seinem lautlosen Elektroroller in die Dunkelheit. Soll ich jetzt schon aufstehen? Nee, keine Lust. Außerdem ist es noch ganz schön frisch. Ich nicke abermals weg und werde erst nach sieben wieder wach. Sanfter Morgennebel und 10° Grad. Damit kann ich arbeiten.

Trotz eines opulenten Frühstücks beim Bäcker in Spelle habe ich heute wenig Kraft. Meine Sportuhr behauptet, dass ich auf der gestrigen Etappe 8000 Kalorien verbrannt haben soll. So viel, wie ein durchschnittlicher Rennradprofi auf einer Tagesetappe bei der Tour de France verbraucht. Erst vor ein paar Tagen habe ich einen kurzen Bericht über die Ernährung der Rad-Profis während der drei Wochen andauernden Rundfahrt durch Frankreich gesehen. Am Abend nach jeder Etappe müssen 4000 Kalorien aufgenommen werden und am folgenden Morgen rechtzeitig vor dem Rennen noch mal gute 1000 Kalorien. Nun fahre ich ganz sicher keine Rennen. Doch meine Kohlenhydrat Speicher sind offenbar dennoch leer und ich komme nur langsam voran.

Ab Rheine geht es für lange, lange Kilometer auf ehemaligen Bahntrassen entlang. An sich eine schöne Idee, diese nicht mehr benötigten Gleise zu entfernen und zu asphaltierten, um sie den Radfahrern zur Verfügung zu stellen. Allerdings geht es eben auch fast ausschließlich geradeaus. Und die Kilometer ziehen sich dadurch gefühlt ewig in die Länge. Das rechts und links in jeweils 100 Meter Abstand weiße Steine mit der exakten Kilometerangabe stehen – so wie man es eben von der Bahn kennt – macht es nicht unbedingt besser. Ich wundere mich darüber, dass diese Wege so gut frequentiert sind. Zu einem kleinen Teil von Radfahrern, doch überwiegend von Menschen auf diesem Moped ähnlichen Fahrzeugen, die sich Pedelecs nennen. Ganze Gruppen surren an mir vorbei.

Auffallend viele Fahrer dieser fast von selbst rollenden Gefährte trinken in den Pausen ein Bierchen. Spätestens alle drei Kilometern sind neben der Strecke Sitzgelegenheiten aufgebaut. Und da wird dann eingeschenkt. Manch einer raucht gar ein Zigarettchen dazu. Höhepunkt ist die Dreier Truppe, die sogar während der Fahrt aus der Bier Dose kräftig nach schüttet. Da möchte ich doch hoffen, dass die Akkus bis nach Hause halten.

Und dann gibt es auch diese Momente. Eine ältere Dame – mit Sicherheit Ende 70 oder Anfang 80 – kommt mir, für ihr Alter sehr sportlich gekleidet, auf ihrem unmotorisiertem Mountainbike entgegen. Klar, sie ist nicht mehr die schnellste, aber radelt noch aus eigener Kraft. Klasse! Was sie wohl von den 25-Jährigen denkt, die bereits in so jungen Jahren kraftlos auf ihren Pedelecs und E-Bikes sitzen und sich vom Motor anschieben lassen? Wahrscheinlich macht sie sich um diese verlorene Generation gar keine Gedanken.

Bereits gestern und auch heute bin ich versucht, beim Anblick von leeren Dosen oder Pfandflaschen am Wegesrand eine Vollbremsung zu machen und diese einzusammeln. Die Zeit mit der besten Ehefrau von allen in Dänemark hat mich geprägt. Doch dieses lieb gewonnene Ritual soll unser Gemeinschaftserlebnis bleiben und ich verzichte darauf, mich mit Leergut zu bepacken. Auch wenn ich das Geld gebrauchen könnte.

In einem Supermarkt drücke ich sogar einem Jungen – vielleicht 8 oder 9 Jahre alt und fremdländischer Herkunft – welcher aus einer Plastiktüte sein gesammeltes Leergut in den Automaten schiebt, meine leere Wasserflasche in die Hand. Als ich den Markt verlasse, sehe ich wie er  das von seinem Pfandgeld gekaufte Essen genüsslich verspeist.

Hinter Dülmen und Haltern am See gelange ich immer mehr in Nähe des Ruhrpotts. In Marl muss ich mich entscheiden, ob ich einen in der Nähe liegenden Campingplatz ansteuer oder weitere fünfzig  Kilometer bis zum nächsten, halbwegs in Nähe der Route gelegenen Platz fahre? Oder nochmal wild campen? Ich vermute, hier im Pott zwischen Recklinghausen, Gelsenkirchen und Essen wird es schwierig, ein ruhiges und geeignetes Plätzchen zu finden. Deswegen fällt meine Wahl auf den in Nähe liegenden Campingplatz Ludbrock – Naturpark Hohe Mark bei Sinsen. Und der entpuppt sich als kleines Camping Idyll! Auf den sanitären Anlagen wird sogar Musik gespielt. Und beheizt sind sie auch noch. Was sich insbesondere bei der morgendlichen Toilette, nachdem man aus seinem nass-klammen Zelt gekrochen ist, als großer Pluspunkt erweist.

Am Sonntag werde ich zwar zeitig um 6 Uhr wach, bleibe aber liegen. Noch keinen Bock, mich hochzuquälen. Muss ich hat später schneller fahren, um pünktlich um 18 Uhr in Elsdorf zu sein.

Aufgrund meiner Mitteilungen im WhatsApp Status wurde ich bereits mehrfach gefragt, was denn das Thema des Bildungsurlaubes sei? Spontan vermochte ich darauf keine adäquate Antwort zu geben. Irgendwas mit Pott und Kohle oder so. Nun habe ich nochmal nach geschaut und präsentiere das Thema in voller Länge:

„Das Rheinische Braunkohlerevier in Zeiten von Klimawandel und Energiewende. Von Menschen, Wäldern und verschwundenen Dörfern.“

Natürlich habe ich auch schon die ein oder andere – ich sag mal – leicht abfällige Reaktion erhalten. Bildungsurlaub wird da in WhatsApp Nachrichten plötzlich in Anführungszeichen geschrieben, so als würde mit dem Wort etwas nicht stimmen. Ich vermute mal, dass so etwas nur von denen kommt, die bisher nie im Bildungsurlaub waren. Denn jeder, der solch ein Bildungsprogramm bereits hinter sich gebracht hat, ist sich um Schwere und Tragweite bewusst. Der oder diejenige mag sich lediglich fragen, was das Wort Urlaub in dieser Wortschöpfung verloren hat. In einer Bildungs“urlaubs“-Woche wird uns mehr Wissen eingetrichtert als den Schülern in Bremen in einem ganzen Halbjahr.

Um Zehn Uhr passiere ich die Zeche Zollverein. Dann weiter durch Kleingartenanlagen und um halb elf bei McDonald’s in Essen essen. Am an der Ruhr gelegenen Radweg rollt es sich entspannt. Auch der Ruhr Panorama Rundweg ist schön. Laut Planung muss ich rechts abknickend einen Weg nehmen. Doch der ist gesperrt. Ich will mich gerade durch die Absperrung mogeln, welche bekanntlich in erster Linie für die Autos gedacht ist, da Radfahrer und Fußgänger in aller Regel überall durchkommen, ruft man mir aus der Ferne entgegen:

„Brauchen Sie gar nicht versuchen. Da ist ein großes Loch in der Straße. Da kommen sie mit dem Rad nicht vorbei.“

Während ich die Karte auf meinem Navigationsgerät studiere und versuche eine Alternative zu finden, nähert sich das Pärchen und die Dame fragt:

„Na, wozu sind denn Absperrungen da?“

Interessante Frage für jemanden, der sie scheinbar gerade selbst umgangen hat. Aber wahrscheinlich sind die beiden Anwohner. Und schon fügt er hinzu:

„Wir wohnen hier.“

Ich sage: „Das ist ja prima. Dann kennen Sie sich ja aus. Können Sie mir eine Umfahrung für diese Straße empfehlen?“

Und das können die beiden. Ich bedanke mich und lasse beim Antreten nur den Staub unter meinen Rädern zurück.

Weiter durch Hösel, Ratingen und Düsseldorf. Hier mal ein Eis und dort einen Kaffee mit Kuchen. Und um es abzukürzen: zeitig um Viertel nach Vier bin ich am Ziel. Der Pension „Zum goldenen Schuss“ in Elsdorf. Duschen. Kurz ruhen und dann geht es auch schon los.