BTG2020 – Tag 8

Sowohl Nacht als auch Frühstück im Gasthof Fränkische Schweiz waren sehr angenehm. Das dreckige Rad wird aus der Garage geholt, die Kette geölt und auf das Navigationsgerät der dritte Abschnitt der Bikepacking Trans Germany geladen. Auf 358 km stellen sich mir 6.150 Höhenmeter in den Weg. Das ist happig.

Runter ins Tal gerollt, erwartet mich bereits nach drei Kilometern die erste kleine Herausforderung. Ein Flussbett muss durchwatet werden. Sicher, ich könnte auch einfach die dort herüber führende Landstraße nehmen. Doch der Track ist der Track ist der Track.

Schuhe und Socken aus und rüber mit der Kiste. Erst vorgestern hatte ich mir doch in der Hitze eine kleine Kneipp Kur für meine Füße gewünscht. Jetzt bekomme ich sie bei 13 Grad und frischem Wind.

Was ist wohl schwerer zu fahren als steinige und lehmige Feldwege? Richtig: nasse, steinige und lehmige Feldwege. Ruckzuck setzt sich das Profil meiner Reifen mit Matsch zu und der Rollwiderstand wird in die Höhe getrieben.

Vor Bayreuth werde ich – wieder auf glatt asphaltieren Radweg – frech von einem Rennradler überholt, der sogleich in den Wiegetritt übergeht und Watt auf die Kette bringt. Na, warte…

Ich beschleunige Green Hornet und versuche, mich ran zu hängen. Leichter gedacht als getan. Der Abstand vergrößert sich zwar, aber nur unmerklich langsam. Witzigerweise dreht der Rennradler sich mehrfach um. Ihm ist bewusst, dass er einen Verfolger hat und ich kann sehen, dass er bemüht ist mich abzuhängen. Aber ist meine grüne Hornisse erstmal auf Geschwindigkeit gebracht, rollt sie auch nicht schlecht. Zumindest die zwei Kilometer, bevor ich abzweigen muss, bleibe ich mehr oder weniger an ihm dran. So eine kleine Hatz zwischendurch macht schon Spaß.

Mittags erreiche ich Bayreuth. Zu Bayreuth fallen mir nur irgendwelche Opern Festspiele ein, ansonsten sagt mir die Stadt rein gar nichts. Das wenige, was ich von Bayreuth mitbekomme, ist ein kollabierender Autoverkehr und eine schlechte Radweg Infrastruktur. Gut, dass ich da gleich wieder durch bin.

Hinter Bayreuth werde ich nochmalig von einem Rennrad überholt. Diesmal an einer Steigung und auf dem Rad sitzt eine Frau. Ich versuche erst gar nicht mitzuhalten. Und sie dreht sich auch nicht wie ihr männlicher Kollege um. Sie weiß auch so, dass sie mich an der Steigung eiskalt stehen lässt.

Auf dem Fränkischen Gebirgsweg setzt um zwei leichter Regen ein. Und dass, wo mir ohnehin schon etwas fröstelig ist.

Unterstellen. Warten. Weiterfahren. Wieder Regen. Schnell zum nächsten Unterschlupf. Ich telefoniere mit der besten Ehefrau von allen. Die ist auch nicht so richtig fein zuwege. Zum ersten Mal kommt der Gedanke an Abbruch auf. Einfach den nächsten Bahnhof ergooglen und rein in den Zug. Solls das gewesen sein? In Basel gestartet und im Fichtelgebirge aufgegeben?

Nur noch Nieselregen. Also weiter zum Edeka in Bad Berneck. Ich bin durchgefroren. Hole mir zwei Stück Kuchen vom Backshop und stelle mich mangels Sitzgelegenheiten in den warmen Windfang. Während ich mich vor den Wertstoffbehältern wie an einen Tresen lehne, gesellen sich zwei Männer dazu und verpacken jeweils ihre vier Halben in die Rucksäcke. Dann zückt jeder seinen Jägermeister Flachmann und sie prosten sich zu.

Der eine sagt: „Tötet Die Viren.“  

Der andere meint: „Jo, aber wir beide haben das ja im Griff.“

Leider kam ich das von meinem Kuchenkonsum nicht sagen.

Und weiter. Zunächst bis Gefrees. Und ab da zum Großen Waldstein hinauf auf 877 Meter. Kurz vor dem Gipfel steht eine steinerne Bärenfalle. Der sogenannte Bärenfang. In dieser Falle soll zuletzt 1760 ein Bär gefangen worden sein. Ein echtes Jägerdenkmal!

Auf dem großen Waldstein angekommen, ist es weniger die Aussicht oder die dortige Burgruine, die ich bewundere, sondern die bizarren Gesteinsformationen wie beispielsweise den Teufelstisch. Es wirkt einfach surreal, wenn auf der Spitze eines Berges riesige Steine in den verschiedensten Formen liegen. Als wenn sie dort platziert worden wären. Das hat mich im letzten Jahr bereits in der Sächsischen Schweiz fasziniert.

Auf der Abfahrt findet sich eine provisorische Bretterbude am Waldesrand. Hier könnte ich mein Nachtlager aufschlagen und die Nacht im Trockenen verbringen. Aber es fühlt sich einfach nicht richtig an, schon Stopp zu machen.

Ich stöpsel meine Kopfhörer ein und fahre weiter. Freedom Now von Tracy Chapman. Fast Car gleich hinterher. Music von John Miles, welches früher für mich gar nicht ging und inzwischen liebe ich es. Und dann Tiny Dancer von Elton John. Wieder einmal.

„Blue jean baby, L.A. lady, seamstress for the band
Pretty eyed, pirate smile, you’ll marry a music man“

Leicht verfroren. Dauerniesel und keine Ahnung, wo ich gleich mein Zelt aufbauen kann und trotzdem Glückshormone im Kopf. Normal ist das nicht.

Um halb neun erwähle ich mitten im Fichtelgebirge ein Stück halbwegs planen Waldbodens zu meinem Schlafplatz. Bei Regen baue ich das Zelt auf und schlüpfe hinein. Trockene Klamotten an und den Gaskocher zünden. Heute chinesische Nudeln, dazu Brötchen, zwei deftige Würstchen und eine Tafel Schokolade als Topping.

Noch während ich mit der besten Ehefrau von allen telefoniere, wird der Regen so stark, dass es schwer ist, das eigene Wort zu verstehen. Wir beenden das Gespräch.

Ich liege im Zelt und spüre im Gesicht, das von den hart auf das Zeltdach aufschlagenden Regentropfen immer ein Bruchteil durch die Zeltplane gelangt und für eine leichte Gischt auf meiner Haut sorgt. Da kann ich nur hoffen, die Nacht halbwegs trocken zu überstehen.   Als der Regen nachlässt, vernehme ich die Geräusche des Waldes. Als wenn Tiere um das Zelt herum tippeln. Ich vermute Hasen, denn in der Nähe habe ich zuvor Ihre Losungen entdecken können.

Fahre ich morgen weiter? Breche ich ab?  Wo gibt es hier irgendwo im Nirgendwo überhaupt einen Bahnhof? Und dann schlummere ich weg…