BTG2020 – Tag 7

Der angekündigte Regen hat eingesetzt. Daher mache ich bereits wenige Minuten nach Aufbruch die erste Kaffeepause in einer Schutzhütte.

Der Duft beim Öffnen des Maja Cafés stimmt mich so gleich versöhnlicher. Ein Leben ohne Kaffee liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Es regnet sich ein. Schaut nicht danach aus, dass es gleich trocken ist. Ich fahre bei sanftem Regen weiter. Meiner guten Laune tut das Wetter bisher gar keinen Abbruch. Das wundert mich selbst.

Über Forstautobahnen und Single Trails geht es 40 km bis Erlangen durch den Wald. Es rollt sich überwiegend gut und macht Laune, den Pfaden flott zu folgen.

Um 12 Uhr gibt es in Erlangen eine Pizza beim Italiener. Während ich esse, betritt eine Großhandelsvertreterin das Lokal. Schon bevor sie ihr Verkaufsanliegen vorbringen kann, beflirtet sie der Italiener.

„Du bist eine hübsche Frau“

„Oh, danke… Ihr habt ja bei uns kürzlich gekauft. War das einmalig oder können wir was regelmäßiges draus werden lassen?“

„Eigentlich nur das eine Mal. Hast du einen Freund?“ 

Und so geht es munter weiter. Sie will nur einen Termin zur gemeinsamen Beschauung des Produktsortiments machen und er will wissen, wo sie wohnt, wie viele Kinder sie haben möchte, ob sie ein Haus bauen wird und wo es in den Urlaub hingeht.   Die Höflichkeit gebietet es wohl, dass sie ihm ähnliche Fragen stellt, deren Antwort sie aber unmöglich interessieren kann. Oder will sie wirklich wissen, was seine Oma in Italien macht? Mich tangiert das nicht die Bohne. Ich kenne den Typen doch gar nicht. Aber sie gibt sich ganz professionell:

„Hmm… Aaah.. Genau… Super…“

Und irgendwann sind sie dann bei den Matratzen angelangt, auf denen sie liegen. Sie hat ihre aus dem Internet von bett1.de und bevorzugt zwei Meter Breite. Ihm reichen 180 cm. Er sagt allerdings nicht, woher er seine bezogen hat. Muss die Frau gekauft haben. Einfach nur skurril. Ich bin kurz davor, mich in das Gespräch einzuschalten und nach den Härtegraden ihre Matratzen zu fragen.

Bin ich froh, nicht Vertreter sein zu müssen. Auf diese Art von Smalltalk hätte ich absolut keinen Bock. Allein das Zuhören macht mich schon fertig.

Und dann noch im Hintergrund diese immer gleiche Restaurant Retorten Mucke. Nur in der italienischen Version. Schnell weiter und raus aus der Stadt.

Übrigens erschreckend, wie laut der Autoverkehr ist, nachdem man den ganzen Vormittag alleine im Wald war.

Es fängt wieder an zu regnen, als ich das Örtchen Elsenberg erreiche. Ein überdachtes Buswartehäuschen mit einer Bank bietet mir Zuflucht. Noch während ich mir einen Kaffee aufbrühe, werden die Schleusen des Himmels endgültig geöffnet. Ein kräftiger, langanhaltender Schauer kommt herab. Gut, dass ich mir zuvor in Pinzberg ein Stück Torte besorgen konnte.

Wie beruhigend es doch sein kann, seinen Kaffee zu trinken, dabei im Trockenen zu sitzen und den runter prasselnden Regen anzuschauen. Die Luft wird gereinigt und die Erde getränkt. Das Regenwasser fließt die abfallende Straße hinunter und nimmt den ganzen Staub und die Trockenheit der letzten Wochen mit.

Der Regen geht in Niesel über und mein Kaffee ist getrunken. Aufsatteln und weiterfahren.

Nach dem Schauer riecht der Wald anders. Nasse Blätter streifen Arme und Gesicht. Und auch das Bremsverhalten des Rades ändert sich deutlich, sowohl auf Asphalt als auch dem Waldboden. Da muss ich mich ein wenig umstellen.

Der Anstieg zur Burgruine Neideck steht an. Dort ist der dritte Checkpoint verortet. Zweimal ist wieder Schieben angesagt. Hatte schon ganz vergessen, wie schön das ist. Mit viel Respekt fahre ich über nasse Steine und Wurzeln. Besonders die moosgrünen Steine sind durch die Feuchtigkeit nun glatt wie Schmierseife.

Es ist 17:30 Uhr und ich blicke von der Burgruine Neideck auf die Landschaft herunter. Ca. 630 km habe ich im Sack. Unglaublich, dass einige der Teilnehmer der Bikepacking Trans Germany in den letzten Jahren nach derselben Zeitspanne oder in noch weniger Stunden, die ich jetzt unterwegs bin, bereits das Kap Arkona auf Rügen erreicht haben.

Bei der Weiterfahrt setzt abermals Regen ein. Mein Rad und ich sehen aus wie Sau. Überall ist der Dreck hoch gespritzt. Die Klamotten sind durchnässt und die Erschöpfung des Tages fordert ihren Tribut. Noch mal eine Dusche und ein richtiges Bett, das wäre schon was. Höhe Muggendorf rufe ich zwei Pensionen an, die in meiner Preisklasse sind. Beide haben kein Zimmer mehr frei. Also fahre ich noch ein Stück weiter.

In Gößweinstein werde ich fündig. Übernachtung und Frühstück schlagen mit 32 € zu Buche. Das passt. Nach dem Auflegen stelle ich fest, dass ich deutlich unterhalb des Ortes bin. Entweder einen großzügigen Umweg fahren oder den Trampelpfad nach oben ins Dorf nehmen. Inzwischen bin ich ja trainierter Radschieber und wähle Variante 2. Für 800 m Weg brauche ich fast eine halbe Stunde. Eine elende Tortur war das!

Dafür ist die Pension schön heimelig. Auch wenn die Natur weiteren Regen bitter nötig haben mag. Ich träume heute Nacht von Trockenheit.