BTG2020 – Tag 5

Bedingt durch den gestrigen Sturz stehe ich noch geräderter auf als die Tage zuvor. Ich packe meine sieben Sachen und fahre los. Wobei fahren es nicht annähernd trifft. Es geht einen sehr steilen Anstieg hoch und ich muss eine ganze Weile mein Rad schieben. Immer wieder unterbrochen von kleinen Pausen, um zu Atem zu kommen und den Puls auf ein normal verträgliches Maß zu drücken.

So steil, wie es hoch ging, führt es auch wieder runter. Der Weg ist dermaßen mit Geröll verblockt, dass ich mit gezogenen Bremsen und zwei blockierenden Reifen langsam hinunter rutsche. Das ist wahrlich keine Freude. Der gestrige Sturz steckt mir nicht nur in den Knochen, sondern auch noch im Kopf. Also immer sachte.

Umso schöner, das auf mich eine der Morgensonne zugewandte Bank wartet, auf der ich meinen ersten Kaffee trinken kann. Für die ersten drei Kilometer gibt das Navi eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 3,4 km/h an. Das sagt wohl alles.

Kuchen steht auf dem nächsten Ortseingangsschild. Hier muss es definitiv einen Bäcker geben. Und ich ergoogle auch einen Fahrradladen in der Nähe. Doch der ist heute, am 02.06., geschlossen. Allerdings nimmt eine ältere Dame von einem Spediteur neue Räder an. Ich frage, ob sie mir mit einem Werkzeug für die Bremsen und einer Zange für das Kettenblatt aushelfen kann? Sie kann. Ich biege mir das Kettenblatt halbwegs zurecht. Dann noch ein paar kleine Drehungen an den Bremsbelägen und sie greifen wieder gut. Die Dame sagt:

„Behalten sie das Kombiwerkzeug für die Bremsen ruhig. Ich schenke es Ihnen.“

Na, wenn das nicht schon wieder die oft herbei zitierte Trail Magic ist?!

Ab Kuchen muss der Hohenstein erklettert werden. Ich schiebe vom ersten bis zum letzten Meter. Selbst wenn ich kräftemäßig könnte, würde ich hier nicht fahren wollen. Der Weg ist keinen halben Meter breit und zu einer Seite lauert der Abgrund. Selbst schiebend wird es mir ein wenig bange, obwohl ich relativ schwindelfrei bin.

Ein Freund erzählte mir kürzlich, dass er nach dem Runterdrücken seiner Sattelstütze sich irgendetwas am Brustkorb ausgerenkt habe. Na, der hätte mal mitkommen sollen und hier mit mir zusammen sein Rad hoch hieven müssen. Mit aller Kraft stemme ich mich zeitweise gegen mein schweres Radmonster, um es hoch zu bekommen. Danach hätte sein Orthopäde sicher drei aufeinander folgende Sitzungen gebraucht, um wieder alles mühevoll bei ihm einzurenken.

Vom Hohenstein runter liegt irgendwann zur Linken das sogenannte Mordloch. Hier soll einst ein Wilderer den Eybacher Förster ermordet und versteckt haben. Was man eben so macht in einer typischen Karsthöhle der Schwäbischen Alb. Wäre sicher interessant, dort mal hinein zu schauen. Die Hinweis Tafel warnt jedoch: Die Höhle zu befahren bedeutet Lebensgefahr!

Ein gutes Stück geht es über wogende Felder auf der Schwäbischen Alb. Herrlich anzuschauen und alles hübsch gepflegt. Auf einem schmalen Feldweg blockiert ein im Schritttempo fahrender Audi den Weg. Nebenbei läuft der Hund Gassi, während es aus den beiden Auspuffrohren blubbert. Ein junges Mädchen und – ich vermute – ihre Mutter, müssen mich im Rückspiegel kommen sehen haben, denn sie springen schlagartig aus dem Wagen heraus, um Ihren Hund unter Kontrolle zu bekommen und festzuhalten. Viel trauen Sie dem nicht zu. Aber wie auch? Wer so mit seinem Hund Gassi geht, der wird dem auch nichts beibringen können. Ich kann mir einfach nicht helfen: es ist bestes Wetter, man befindet sich in einer wunderschönen Landschaft und des Gehens fähig scheinen die beiden auch zu sein – das haben sie soeben bewiesen. Ich finde es einfach erbärmlich.

Ich habe mir heute vorgenommen, entweder auf einem Campingplatz zu nächtigen oder noch dekadenter: in einem Hotel. Ich muss endlich mal meine Gerätschaften und die Powerbank laden. Und nach fünf Tagen ist auch eine Dusche angebracht. In Aalen schätze ich ab, dass ich es wohl noch bis Ellwangen schaffen könnte und rufe eines der dortigen Hotels an, um ein Zimmer zu reservieren.

Natürlich geht es hinter Aalen noch mal eine richtige Rampe rauf und hinzu kommt, dass mein Wasser aus ist. Mal wieder. Doch diesmal bin ich nicht daran schuld. Eine meiner drei Flaschen muss irgendeiner der heutigen Rumpelpisten zum Opfer gefallen sein.

Auf der Route der BTG sind jeden Tag ein paar Passagen dabei, die ich schlecht finde. Die Wege sind mitunter sehr versteckt und auf dem ersten Blick nicht erkennbar. 

Auf dem letzten Stück bin ich mal wieder an solch eine Stelle gelangt. Mein Navi führt mich direkt in den Wald. Der Anfang des Weges mag mit etwas Fantasie noch zu erahnen gewesen sein, aber dann verliert sich die Spur im steil ansteigenden Dickicht des Waldes. Ich will ja keine dieser fiesen Stellen auslassen und so kämpfe ich mich durch Brennnessel, die die Durchblutung in meinen Waden anregen. Man kann den geistigen Vätern der Bikepacking Trans Germany Route aber wohl keinen Vorwurf machen. Es ist eben eine extrem lange Strecke, die vor Jahren erstmals geplant wurde und im Laufe der Zeit bzw. schon im Laufe eines Jahres Änderungen unterworfen ist. Wenn ein ohnehin schon schmaler Weg einige Zeit gar nicht mehr genutzt wird, wächst er eben zu.

Während ich mich da so rum quäle, muss ich immer an das Hotel mit einem bequemen Bett und einer Dusche in Ellwangen denken. Das hält die Stimmung hoch. Auch wenn mich der Spaß ein kleines Vermögen kostet. Andererseits auch nicht mehr, als mich 5 Übernachtungen auf einem Campingplatz gekostet hätten. Insofern stimmt die Kostenbilanz wieder.

Die Dusche wird dann auch in vollen Zügen ausgekostet. Herrlich. Frisch rasiert und neue Klamotten an. So kann ich wieder unter die Menschheit gehen.