BTG2020 – Tag 4

Kurz nach acht hebe ich langsam, gaaaanz langsam mein rechtes Bein über den Sattel. Von galant Schwingen kann nun wahrlich keine Rede mehr sein. Ich fühle und bewege mich wie ein alter Mann.

Während der ersten Kaffeepause creme ich Sonnenmilch auf die vom Staub der letzten drei Tage verschmutzte Haut. Ob die Milch überhaupt nötig ist? Wie viel UV-Schutz bietet eigentlich Dreck?, frage ich mich.

Pünktlich zur Öffnung um 11 Uhr erreiche ich das Maisentalstüble in Bad Urach in Nähe des Unterer Gütersteiner Wasserfalls. Frühstücksangebote gibt es keine. Daher bestelle ich das Maultaschen-Käse- Omelette mit Salat und isotonischem Kaltgetränk. Mein Handy mag die Dame an der Essensausgabe allerdings nicht laden. Angeblich habe sie keine Steckdose frei und zudem rechne sie mit 800 Gästen heute. Ich bin der erste von denen und die gute Frau macht schon jetzt einen gestressten Eindruck. Arme Deern.

Hinter Bad Urach – Sitz des Fahrradbremsen Herstellers Magura – geht es den Berg hoch. Auf der Abfahrt macht meine Vorderbremse verdächtige Geräusche. Sie quietscht und winselt jämmerlich um Gnade. Auch die Fahrradkette gibt bei jeder Pedal Umdrehung ein unschönes Knacken von sich. Ich sehe, dass am großen Kettenblatt ein Zahn verbogen ist. Nachdem ich vor Beginn der BTG es bereits auf den ersten 1000 Test-Kilometern geschafft habe, Tretlager und Sattelstütze durch zu juckeln, ist nun offenbar das Kettenblatt fällig. Das Neue ist definitiv runter vom Rad.

Hinter Owen geht es zum Teckberg hinauf. Die Passstraße verlassend, folge ich einem Single Trail, welcher mich in maximal dichtes und dorniges Gestrüpp führt. Hier komme ich nicht durch. Ich kehre um und nehme doch die stark befahrene Straße. Auf dem Wanderparkplatz Bölle bei 610 Meter über NN bleibt mir nichts anderes übrig als das Rad fallen zu lassen und Pause zu machen. Ja, die Aussicht ist auch schön.

Rechts von mir raucht eine nach 95 Jahren ausschauende Dame und zur Linken sagt ein kleines Mädchen mit Blick nach unten ins Tal:

„Das ist schön. Guck mal da, die Baby-Autos“.

Ein bäuerlicher Hofladen lädt ein, ein Stück Kirsch-Schmand-Kuchen und gleich hinterher einen Käse Teller zu essen. Derweil lädt der Inhaber mein Handy. Er hat sowohl eine freie Steckdose als auch ein angenehm niedriges Stress-Level.

Im späten Sonnenlicht geht es in sanften Wellen auf und ab bis zum Jahrhundert Stein. Eine sehr interessante Skulptur. Der Stein bzw die Steine sind mit 100 Worten versehen, welche Einblick und Rückblick in die Jahre von 1900 bis 2000 geben sollen. Es wird sowohl an die großen Errungenschaften und Fortschritte, die die Menschen in diesen 100 Jahren gemacht haben, aber auch an all das Leid und Elend, erinnert.  

Menschenrechte. Völkermord.
Autobahn. Atombombe. Volkswagen. Holocaust.
Apartheid. Dritte Welt.
Freizeit, Schwarzarbeit.
Stress. Drogen. Computer.

Macht nachdenklich.

Später kommt mir eine extrem schwer bepackte Radlerin entgegen. Sie schiebt ihr Rad, obwohl es gar nicht aufwärts geht. Und aus der Ferne frage ich mich noch, ob sie wohl ein technisches Problem hat. Beim Näherkommen macht sie einen sehr verwahrlosten Eindruck. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Obdachlose. An ihrem Lenkerenden hat sie jeweils zwei bis drei prall gefüllte Tüten hängen und am und auf dem Gepäckträger ist ebenfalls allerlei Zeugs verzurrt. Das ist das am Schwersten bepackte Rad, dass mir bisher untergekommen ist. Ich passiere die Frau und nehme sofort ihren ganz besonderen… Geruch war. Sofort frage ich mich, ob das anderen Fußgänger oder Radfahrer ebenso geht, wenn sie an mir vorbeikommen? Eine Dusche würde mir sicherlich auch gut tun.

Und endlich ist es soweit. Ich rolle mal wieder über eine ganz unwirtliche und sehr schmale Single Trail Spur, da erdreistet sich das Vorderrad weg zu rutschen. Ich komme unsanft auf dem Waldboden zu liegen. Das übliche: Abschürfungen am Arm und eine geprellte Brust.

Kurze Zeit später lege ich mich ein weiteres Mal hin. In mein Zelt auf eine Wiese, umgeben von einer Schafweide und einen in Sichtweite liegenden Bauernhof.

Die Schafe blöken, die Kühe muhen, die Grillen zirpen. Und ich spüre ein dumpfes Pochen in meiner Brust. Morgen fahre ich vorsichtiger. Noch vorsichtiger.