BTG2020 – Tag 3

Gestern Abend fällt mir siedend heiß ein, dass am Sonntag und Montag die Geschäfte feiertagsbedingt geschlossen haben. Mein Proviant neigt sich dem Ende. Ich suche den örtlichen Bäcker in Deilingen auf, der laut Internet dennoch geöffnet haben soll. Doch im wahrsten Sinne des Wortes gibt es nur Pustekuchen. Die Bäckerei hat geschlossen.

Wenigstens kann ich auf dem angrenzenden Friedhof meine Wasserflaschen auffüllen. Und weil der so akkurat aufgeräumt ist und eine Bank sanft von der Morgensonne umspielt wird, koche ich gleich hier meinen ersten Kaffee. Ich hoffe, niemand nimmt daran Anstoß. Im Übrigen der erste Friedhof, den ich sehe, auf welchem es –  ähnlich wie im Supermarkt – die Schubkarren und Gießkannen nur nach Einwurf einer 1 € Münze gibt. Da kann der Friedhof noch so sauber sein, geklaut wird offenbar auch hier.

Durch den Wald geht es ständig auf und ab. Wieder schiebe ich das Rad öfter als mir lieb ist. Die Abfahrten genieße ich dafür umso mehr, auch wenn ich mich jedes Mal zur erhöhten Vorsicht mahne, da der Untergrund keineswegs frei von Tücken ist.

Am späten Mittag führt die Route hinauf aufs Zeller Horn. Dort ist der erste Checkpoint der Bikepacking Trans Germany. Ein wurzeliger Rumpelpfad will erklommen werden. Ich holpere über grobe Steine und poltere über Baumwurzeln. Abgesehen von der Anstrengung, die dieser Abschnitt mit sich bringt, eine traumhafte Strecke mit tollen Aussichten. Je näher ich dem Gipfel komme, desto mehr Tages Touristen und Wanderern muss ich ausweichen. Ich bemühe mich, mir an den Steigungen möglichst wenig Blöße zu geben. Oftmals vergeblich.

Um 14:30 Uhr komme ich oben an und der erste Checkpoint ist abgehakt. Es offenbart sich für mich und die 50 anderen nicht Abstand haltenden Wanderer ein wunderschöner Blick auf die Burg Hohenzollern. Auf der Info Tafel steht „Romantik pur“. Hach… Mir wird warm ums Herz.

Ich lade den zweiten Abschnitt der Bikepacking Trans Germany auf mein Navigationsgerät. Die Strecke von Checkpoint 2 zu Checkpoint 3 ist dann auch gleich doppelt so lang.

Mehr oder weniger gekonnt bin ich bemüht, einen über mehrere Kilometer gehenden Single Trail zu überleben. Das geht nicht nur in die verkümmerten Beine, sondern fordert auch Handgelenke und Arme. So langsam tut alles weh. Ist das noch Urlaub?

Während ich dem Abgrund gefährlich nahe vor mich hin hüpfe, fällt mir auf, dass ich bisher noch gar nichts verloren habe. Ein Wunder bei dem Geholpere. Wie um mich zu versichern, drehe ich mich um und stelle fest, dass meine geliebte grüne Jacke nicht mehr dort ist, wo ich sie festgezurrt habe. Oben auf meiner Satteltasche.

Es ist die einzige Jacke, die ich dabeihabe. Ich drehe um und passiere dieselben Leute, die ich soeben überholt habe. Ein dreiköpfiger Rentner Trupp schaut mich zurecht fragend an. Ich sage, ich habe etwas verloren. Nach circa 2 km bin ich hocherfreut. Meine Jacke wurde von einer guten Seele an einen Baum gehängt. Ich mache abermals kehrt und schließe wieder zu den freundlichen Rentnern auf.

„Na, alles gefunden?“
„Ja, ich habe meine Jacke wieder“, drehe mich um und zeige stolz auf die Satteltasche.

Das gibt’s doch nicht. Sie ist schon wieder weg. Das glaubt mir doch keiner. Ich hatte die Jacke sogar mit einem zusätzlichen Band festgemacht. Doch erfolglos. Also noch mal zurück. Diesmal sind es nur 500 Meter und ich erblicke die Jacke, die noch grüner als der sie umgebende Wald ist.

Als ich ein weiteres Mal auf die Rentner aufrolle, komme ich nicht um hin, einen kurzen Plausch mit ihnen zu halten. Deren Dialekt ist so stark, dass ich Mühe habe zu folgen. Aber Respekt, dass sie sich auch im hohen Alter auf schwieriges Terrain wagen und nicht die breiten Touristen Pfade wandern.

Es geht runter nach Killer und rauf auf den Killer Berg. Das erwähne ich nur, weil der Ortsname so drollig ist und der des Berges angesichts der strammen Steigung super passt.

Den ganzen Tag hatte ich keine Gelegenheit einzukaufen. Laut meiner ausgedruckten POI-Liste müsste jetzt bald eine Tankstelle kommen. Die wird ja wohl heute geöffnet haben. Leider kann ich Sie nicht finden. Ich vermute , dass die Angaben auf meinem Spickzettel entweder nicht richtig sind oder ich einfach nicht mehr in der Lage, sie richtig zu deuten.

Auch ein geöffnetes Restaurant oder Lokal lässt sich laut Google Maps nicht in der Nähe finden.

Was bleibt mir anderes übrig, als ein Müsliriegel nach dem anderen in mich zu stopfen. Auf dem Navi sehe ich, dass sich eine prima Möglichkeit zur Abkürzung ergeben würde. Ich bin versucht, diese zur nutzen, mache es dann aber doch nicht. Ein Glück! Nach ein paar hundert Meter findet sich ein geschlossenes Lokal.  Jemand vom Personal ist dabei, die Leergut Kisten zu sortieren. Ich frage, ob ich vielleicht noch irgendetwas schnelles auf die Hand bekommen könnte, zum Beispiel eine Frikadelle?

Er fragt, ob ich einen Kocher zum warm machen habe?
“Ja, den habe ich.“

Dann bringt er mir eine Konserve hausgemachte Gulaschsuppe heraus, zwei große Bockwürste und zwei Semmeln.

„Super! Was bekommst du dafür?“
“Nix, das ist meine gute Tat für heute.“

Ich kann es nicht fassen. Da schlage ich doch glatt mein Zelt auf dem angrenzenden und inzwischen verwaisten Kinderspielplatz auf und esse lecker zu Abend. Das der heutige Tag so endet? Damit hätte ich nicht gerechnet.

Meine Daten auf komoot:

84,8km in 6h 50m Fahrtzeit / Ø 12,4 km/h / 1.780hm