Bikepacking Trans Germany – Prolog

Manchmal läuft es anders als geplant. Dieses Jahr insbesondere. Ende April 2020 hätte ich mit Sohnemann im Flieger nach New York sitzen wollen. Doch bereits im März überrollte uns und die ganze Welt das Corona-Virus. Wir übten uns im Abstand halten, Masken tragen und fingen das ZOOMen an. Vieles, was wir uns vor einigen Wochen nicht hätten vorstellen können, ist inzwischen gelebte Normalität.

Um den Schmerz zu lindern, nicht in New York gewesen zu sein, entschließe ich mich spontan, die heimischen Gefilde ein wenig unter die Räder zu nehmen. 

Es soll quer durch Deutschland gehen: von Basel bis ans Kap Arkona auf Rügen. Also einmal von unten links bis oben rechts auf der Landkarte. Die Route dazu nennt sich „Bikepacking Trans Germany„.

Die Eckdaten: 1.650 km. 22.000 Höhenmeter. 70 % der Route ungepflastert und  15 % werden gar als Singletrack ausgewiesen. Also viel Schotter, Wurzeln und Sand. Launiges Dahinrollen auf schmalen Rennradreifen ist nicht. Auch ein zu schwer bepacktes Trekkingrad ist nicht angeraten. Mein geschätztes Easy Rohler – von mir liebevoll als Tank bezeichnet – bleibt demnach in der heimischen Garage.


Stattdessen setze ich mich auf…. (Trommelwirbel)… meine erst kürzlich getätigte Neuanschaffung: ein Stahlrad, welches irgendwo zwischen ungefedertem Mountainbike und sackschwerem Rennrad zu verorten ist. Quasi eine eierlegende Wollmilchsau. Wirklich leicht ist es aber keineswegs, stelle ich fest, als ich es heute früh aus dem Keller hieve.

Normalerweise verläuft die Bikepacking Trans Germany streckenweise mitunter jenseits der Landesgrenze in der Schweiz, Tschechien und Polen. Doch Covid-19 beherrscht unser aller Alltag und so wurde die Strecke von ihren geistigen Vätern dementsprechend variiert und bleibt nun auf ganzer Länge innerhalb der deutschen Landesgrenze.

Die Bikepacking Trans Germany findet einmal jährlich als Selbstversorgungsrennen statt. Dieses Jahr wird voraussichtlich am 7. Juli gestartet, sofern die Rahmenbedingungen passen.

Doch wie beim letztjährigen „Hansegravel“ – ihr erinnert euch vielleicht: der von Hamburg nach Stettin führende Hanseatenweg – ziehe ich es wieder vor, im Bummel- und Genießermodus zu radeln. Ganz für mich allein und unter Ausschluss jeglichen Konkurrenzdruckes. Man könnte auch sagen: ich nehme die Strecke vor dem richtigem Rennen noch mal ab.

In den beiden Vorjahren haben die Schnellsten für die 1.650 km übrigens knapp mehr als 5 Tage gebraucht und das hintere Drittel hat Kap Arkona nach ca. 14 Tagen Fahrzeit erreicht. Das nur zur Orientierung, was möglich ist, wenn man es krachen lässt und auch lassen kann.

Ich sitze im Zug und frage mich, ob ich mir zu viel vorgenommen habe? Wird mein in die Jahre und Pfunde gekommener Körper mitspielen? Schafft es auch der Kopf? Und hält das Rad? Das bleibt abzuwarten.

Nun zu den üblichen Fragen:

Was sagt eigentlich deine Frau dazu? – Die ist mäßig begeistert. Doch ich vermute und hoffe, sie wird die Zeit ohne mich auch ein ganz klein wenig genießen können. 

Kannst du wirklich den ganzen Tag im Sattel sitzen? – Ja. Unter Schmerzen.

Wo wirst du nächtigen? – Ich sage es mal so: where I lay my head is home. Das kann überall sein. In der Schutzhütte, auf der Wiese oder unter der Parkbank. Einschließlich geplanter Verwahrlosung und Teilzeit-Obdachlosigkeit. Im Zweifelsfall Stealth Camping – also spät aufschlagen, ungesehen bleiben und früh aufbrechen. Social Distancing in Reinkultur.

Wie hältst du es mit der Hygiene? – Einfach. Less is more. Spätestens nach drei Tagen nimmt mich der Wald nicht mehr als olfaktorischen Fremdkörper wahr. Und wenn in der Zivilisation einkaufen muss, dann ist die Mund- und Nasenschutzpflicht für anderer sicher von Vorteil. Der einzuhaltende Mindestabstand ebenso.

Ist das alles auch sicher? – Ja, natürlich. Statistisch sicherer, als sich täglich mit einem Pkw im Stadtverkehr zu bewegen. Und sicherer als Hausarbeiten jedweder Art sowieso. Da halte ich mich doch lieber dabei zurück.

Hast du gar keine Angst? Klar, natürlich. Jeden Tag aufs Neue, nicht genügend essen zu bekommen.