BTG 2020 – Tag 9

Um 5:30 Uhr werde ich wach. Es regnet. Umdrehen. Weiterschlafen. Um 7:45 Uhr erwache ich zum zweiten Mal. Es regnet. Eine Viertelstunde verharre ich regungslos in meinem Schlafsack. Dann ringe ich mich durch, baue im Regen das Zelt ab und schnalle den nassen Rotz ans Rad.

Ich habe noch einen halben Liter Wasser. Den muss ich aufsparen. Also keinen Morgenkaffee. Doch wenn es pieselt und ohne überdachte Sitzgelegenheit, habe noch nicht einmal ich Lust Kaffee zu kochen.

Bis zum nächsten Ort mit Versorgungsmöglichkeiten sind es etwas über 30 km. Eigentlich nicht viel. Eigentlich. Seitdem ich gestartet bin, haben sich allerdings meine Relationen Distanzen betreffend völlig verschoben. 30 km sind plötzlich viel.

Und insbesondere diese 30 km ziehen sich wie Kaugummi. Ich komme langsam voran. Bin kraftlos. Die Waldwege sind inzwischen gut durchfeuchtet. Ich rolle durch Matsch. Werde von oben und unten nass. Meine Handgelenke verkrampfen auf den Abfahrten. Immer die Hand auf der Bremse. Zuviel Respekt vor dem schlüpfrigen Untergrund. Vor den nassen Steinen, den tückischen Wurzeln und morastigem Boden. Selbst das Schalten tut in den Handgelenken weh. Die Augen tränen vom Fahrtwind. Ich brauche Wärme, Kaffee, etwas zu Essen.

Hinter Oberprex liegt das Dreiländereck. Hier stand bis zur Wende die Mauer. Eine Tafel erinnert an den zwangsweise und ohne Ausgleich erfolgten Abriss von Häusern im Bereich des Schutzstreifens. Heute grenzen Bayern, Sachsen und Tschechien aneinander.

Der Track führt über einen aus Lochbetonplatten bestehenden Weg. Die länglichen Löcher in den Platten sind so groß, dass sie meine 50 mm breiten Reifen schlucken könnten, sofern sie nicht zugewachsen sind. Die Alternative ist das gut einen halben Meter hohe Gras mittig zwischen den Platten oder beidseitig davon. Eine mühsame Angelegenheit.

Wie aus dem Nichts rutsche ich mit dem Vorderrad von einer der Platten zur linken Seite ab und werde von meinem Rad nach rechts abgeworfen. In bester Stuntman Manier rolle ich mich im hohen Gras ab. Das muss in etwa so ausgesehen haben, wie wenn ein Seehund sich im Zoo von der Betonplatte seitlich ins Wasser fallen lässt.

Zum Glück nur ein kleiner Schreck, passiert ist mir nichts. Die geprellte Brust schmerzt ja ohnehin. Gar nicht lang im nassen Gras verharren, gleich weiterfahren.

In einem kleinen Kaff bekomme ich glänzende Augen. Aus einer Hütte heraus verkauft jemand Bratwürste. Roster heißen die hier. Ich ordere sogleich eine und der gute Mann spendiert mir auch noch etwas Wasser. Ich setze mich in das Buswartehäuschen nebenan – ja, es regnet noch immer – und esse die Bratwurst.

Die Luft ist raus. Gefühlte 9 Grad sagt das Handy. Und ich sitze hier in kurzer Regenhose und bin durchgeweicht. Auch morgen soll es wieder schiffen. In diesem Moment mentaler und körperlicher Schwäche, versuche ich mit der App der Deutschen Bahn eine Fahrt vom nächstgelegenen Bahnhof nach Hause zu buchen. So oft ich auch die Daten mit klammern Finger in mein Handy tippe – die Buchungsanfrage wird jedes Mal abgebrochen. Ich rufe Sohnemann an. Auch ihm gelingt es nicht, eine Buchung am PC vorzunehmen. Ich vermute, dass es etwas mit der Reservierung meines Fahrrades für den IC zu tun hat. Denn ob noch ein freier Fahrradplatz im IC vorhanden ist, wird erst zum Ende des Bestellvorgangs geprüft. Und anstatt, das die doofe Deutsche Bahn App einem sagt, das kein Stellplatz fürs Rad frei ist, bricht sie einfach ab.

20 Minuten sind vielleicht vergangen. Ich fange an zu zittern. Nützt alles nichts, ich muss mich bewegen. Noch 10 km bis Adorf. Dort in irgendein Café und weitersehen. Es dauert eine Weile, den Organismus wieder auf Touren zu bringen. Die Knie sind eiskalt.

Wann habe ich das letzte Mal auf dem Rad so gefroren? Das muss bei einer Fahrt Ende des letzten Jahres gewesen sein. An dem Tag bin ich im Rahmen meiner Festive500 Tour 100 km bei 0 bis 2 Grad plus gefahren und war am Ende des Tages fix und alle. Und heute bin ich bisher nur 25 km bei 10 Grad gefahren.

Endlich in Adorf. Ich finde vier Cafés. Zwei haben geschlossen und bei den anderen beiden nur Außer-Haus-Verkauf. Zum Mäusemelken.

Also zum Edeka. Die haben da so etwas, was sich Windfang nennt. Tatsächlich bietet dieser sogar einen Bäckerstresen und einen kleinen Stehtisch.

Ich google noch mal nach Zugverbindungen, doch werde auf die Schnelle nicht fündig. Heute komme ich nicht mehr zurück. Aber an weiterfahren ist auch nicht zu denken. Nicht in meine nassen Sachen und auch nicht bei dem Wetter. Zumal es die nächsten 75 km noch tiefer ins Fichtelgebirge geht.

Ich telefoniere mit der besten Ehefrau von allen und klage mein Leid. Natürlich um Haltung und ein wenig Restwürde bemüht. Man will ja auch nicht wie der letzte Waschlappen wirken. Meine Frau scheint leicht amüsiert zu sein.

„Bei dir regnets? Hier scheint gerade die Sonne.“

„Dir ist kalt? Damit muss man wohl rechnen, das Wetter spielt ja sowieso verrückt.“

„Ach, eventuell mit dem Zug nach Hause? Aha, von mir aus gerne.“

Hat mich dieses Telefonat weiter gebracht? Ich suche mir erstmal eine Unterkunft.

In der Nähe ist die kleine Pension Nadja. Niemand geht ans Telefon. Egal, da schaue ich direkt vorbei. Ich treffe zwei freundliche, rumänisch sprachige Frauen an. Sie haben tatsächlich ein Zimmer für mich frei. Glückshormone fluten schlagartig den geplagten Körper. Den Rest des Tages werde ich eingemummelt im Bett verbringen. Nach einer Dusche mache ich mir auf dem Zimmer Porridge mit gekochtem Apfel.

Aufgrund des morgigen Sonntags sollte ich für morgen – egal, was kommt – ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Die Sonne kommt raus. Ist auch nicht mehr so kalt. Absolut im Unklaren, ob ich nun morgen weiterfahre oder die Heimreise antrete, wird eingekauft, als wenn der Mount Everest zu besteigen wäre. Snickers, Frucht Riegel, Müsli Riegel, Tuc Kekse, Würstchen, Banane, Birne, Instant Nudeln.

Nach dem Abendessen entschwinde ich auf mein Pensionszimmer. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Waren die Simpsons immer schon so derbe? Umschalten. „Achtung Kontrolle“. Noch belangloser als meine textlichen Ergüsse. Doch pünktlich um viertel nach Acht gibt der SAT Receiver den Geist auf und flackert nur noch hilflos vor sich hin.

Wieder wird mir fröstelig. Ich fühle mich unwohl. Mein Körper hat diverse blaue-grüne Flecken, Abschürfungen und Insektenstiche- oder Bisse. Schaut wie Ausschlag aus. Allen Hand- oder Fußmodels muss ich im Übrigen sowieso davon abraten, solch eine Tour zu machen.

Ist es vernünftig, morgen weiter Rad zu fahren? Ich müsste den Fichtelberg im Erzgebirge erklimmen – mit 1215 Metern höchster Punkt der Bikepacking Trans Germany. Bis zur nächsten Unterkunftsmöglichkeit sind es 80 km und über 1750 Höhenmeter durch den Wald. Kein Spaziergang.

Ich werde mich morgen spontan am Frühstückstisch entscheiden. Entweder zehneinhalb Stunden im Zug oder zehneinhalb Stunden auf dem Rad.