BTG2020 – Abbruch & Epilog

Ich erwache in einem von Schweiß durchtränktem Bett. Gegen irgendwas kämpft der Körper an. Liegt es an der gestrigen Unterkühlung? Hat der Ausschlag etwas damit zu tun? Ach, wer weiß das schon.

Obwohl das Frühstück mit zwei Schinken-Käse-Omeletts, Salat, Brötchen mit süßem Aufstrich, Saft und starkem Kaffee sehr lecker daherkommt, fehlt es mir am Appetit. Ich lasse das zweite Omelette sogar liegen. Eingeschränkte Nahrungsaufnahme ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich nicht zu 100 Prozent fit bin. Eben jene 100 %, die ich heute bräuchte, um am späten Nachmittag auf dem Gipfel des Fichtelberges zu stehen. Regen läuft an den Scheiben des Lokals herunter. Ich entscheide hier und jetzt, das ich abbreche.

Eine Fahrradreservierung für den IC bekomme ich nicht mehr und wähle stattdessen das Quer-durchs-Land Bummelbahn Ticket. Kostet weniger als die Hälfte und anstatt achteinhalb Stunden bin ich nun zehneinhalb unterwegs.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich mit dem Rad einmal quer durch Deutschland fahren wollte – von unten links nach oben rechts – und auch quer im Sinne von querfeldein. Und nun geht es vorzeitig mit dem Quer-durchs-Land Ticket zurück nach Hause. Nach nur 780 km von 1650 km – also nicht einmal ganz die Hälfte der Strecke – und 11.500 von 22.000 Höhenmetern.

Natürlich wäre ich gerne noch weitergekommen. Mindert dass den Spaß, den ich bis hierhin hatte? Keineswegs.

Noch auf dem kurzen Stück zum Bahnhof fühlt es sich gut an, auf dem Rad zu sitzen. Der Kopf wäre bereit, der Körper offenbar nur bedingt. Ein Erzwingen wäre möglich. Aber vernünftig?

Jetzt ist das Ticket gekauft. Ich will das Glas als halb voll und nicht halb leer betrachten. Es waren trotz und wegen aller Unvorhersehbarkeiten und Anstrengungen tolle Tage. Neue Erfahrungen gemacht, Unsicherheiten überwunden, Natur im Übermaß genossen, ein Hauch Abenteuer in einem durchregulierten Land verspürt. Und auch eigene Grenzen erfahren und akzeptiert. Zumindest übe ich mich darin.

Später werde ich in Bremen auf dem Bahnhofsvorplatz nochmal sehen können, was Ausharren im Angesicht des Regens bedeuten kann. Mittig vor dem Bahnhofsausgang sitzt ein Mann im Schneidersitz auf dem Boden. Er macht einen ähnlich ungepflegten Eindruck wie ich. Vor ihm eine Kaffeetasse zum Geld einwerfen, daneben ein kleines gelbes Plastikentchen. Zwei leere Bierflaschen liegen zu seiner Seite, damit auch wirklich jeder sehen kann, worin die erbettelten Euros investiert werden könnten. Ein kräftiger Regenschauer kommt herab. Anstatt aufzustehen, bemüht er sich, einen Regenschirm im Wind aufzuspannen. Der ist ziemlich lädiert und bietet kaum Schutz. Der Mann wirkt dennoch gelassen. Er bleibt einfach unter diesem Rest von einem Schirm sitzen und wird nass. Auf einem sich wegen des plötzlichen Regens schnell leerenden Platz gleicht dieser Mann einem Monument des Ausharrens. Was kann ihn dazu bringen aufzugeben? Die Ruhe zu verlieren? Ich kann mir vorstellen, da muss schon einiges mehr passieren… Zum Beispiel wenn das Bier beim Bahnhofssupermarkt ausverkauft ist oder so.

Und ich breche meine Radtour ab wegen ein paar Tropfen und ein wenig Unwohlsein… Na ja, Schwamm drüber.

Jetzt freue ich mich auf zu Hause. Auf die beste Ehefrau von allen und die Kinder. Und noch eine Woche, die ich frei habe. Wobei mir Diana heute am Telefon sagt, dass sie jetzt gerade anfangen würde, die freie Zeit ohne mich zu genießen. So trägt eben jeder sein Päckchen.

Ich bedanke mich bei allen fürs Dabeisein, Zuhören und nette Worte.

Und Danke auch an meine Eltern für ihre finanzielle Zuwendung, die es mir erträglicher gemacht hat, in Ellwangen wie Graf Koks in einem Hotel abgestiegen zu sein.